Das Haus des Lebens. – Tod und Begräbniss.
Das Haus des Lebens, wie die Juden den Friedhof nennen, lag in einem kleinen Thal, das von zwei Hügeln eingeschlossen war. Uralte Bäume füllten den ganzen Raum und breiteten ihre Aeste wie ein grünes Dach über die aufrecht stehenden Leichensteine, über verwitterte Mausoleen und von hohem Gras und wilden Blumen überwucherten Grüfte. Seit der Zerstörung des Tempels begruben die Kinder Israels hier ihre Todten. Das Reich der Römer war gefallen, wie das der Gothen, von der maurischen Herrlichkeit waren nur noch stolze, schwermüthige Ruinen da, die spanische Weltmonarchie, in der die Sonne nicht mehr unterging, hatte dasselbe Schicksal ereilt, aber sie, die Vertriebenen, Heimathlosen, hatten alles überdauert, sogar die Inquisition und die Scheiterhaufen.
Während oben, auf dem Plateau, in der kleinen, spanischen Stadt und unten im Hafen der Lärm und die Unruhe der Arbeit, des Handels herrschten, war hier die Stille und der Frieden.
Alles lag im Schatten und kein Laut drang von aussen herein. Nur selten glitt ein warmer Sonnenstrahl durch das düstere Blattwerk und beschien kurze Zeit eine hebräische, halb erloschene Inschrift, nur selten sang ein Vogel hier. Nur die Bienen summten unablässig in dieser von Blumen in allen Farben und von einem schweren Duft erfüllten Wildniss.
In einem Winkel des Friedhofs, von zwei Zypressen beschattet, lag ein kleines Grab und auf diesem Grabe sass ein Greis. Er sass immer hier, zu jeder Jahreszeit, Tag und Nacht. Mit seinem langen weissen Sterbgewand, seinem weissen Haar, seinem Bart, der wie Schnee über seine Brust niederwallte, glich er selbst einem Denkmal von Stein. Er sass unbeweglich, in Gedanken, in Erinnerungen oder in sein Gebet versunken und schien niemand zu sehen, wer auch vorüber kam.
Ihn aber kannte ein Jeder, den Vater Menachem, der hundert Jahre alt geworden war und noch immer rüstig, mit frischem Geist unter einem neuen Geschlecht wandelte, ein Patriarch voll Güte und Würde.
Während der Greis sann und träumte, hatte sich ein Falter unmittelbar vor ihm auf eine Rose gesetzt, und jetzt kam ein grosser, schöner Knabe gelaufen um ihn zu fangen.
Menachem erhob das Haupt, sah dem Kinde in das edelgeschnittene Antlitz, das von blondem Haar umrahmt war, und aus dem ihn zwei grosse blaue Augen anlächelten und murmelte: »Ghiron!«
»Nein, Vater Menachem«, sagte der Knabe, »ich heisse Schamai und bin der Sohn der Kive Castallio.«
»Du hast aber die Gestalt, die Züge und den Blick meines Sohnes, den ich verlor, als er zehn Jahre zählte. Es ist lange her. Ein halbes Jahrhundert. Mein Gott, wie rasch die Zeit vergeht und wie langsam.«