»Dies ist sein Grab?« fragte Schamai.

Der Greis nickte, strich ihm die Haare aus der Stirn und lächelte. »Was thust Du hier, mein Kind?« sprach er dann, »dies ist kein Ort für Dich. Du kannst es noch nicht fassen, warum dieser friedliche Platz das Haus des Lebens genannt wird. Bleib draussen, Schamai, wo die Sonne scheint, wo die Meereswogen singen, wo der Pflug die Erde durchzieht, wo die weissen Segel irdische Schätze herbeiführen, lebe, lebe mein Kind, dann, eines Tages, wirst Du hierher kommen, und Du wirst verstehen. Du wirst hier den Frieden finden und das Glück, das Du vergebens gesucht im Strome der Zeiten.«

»Vater Menachem«, sagte der Knabe, indem er sich neben dem Greise niederliess und sich sanft an ihn schmiegte, »man sagt, dass Du alle Haggadoths kennst, erzähle mir ein Märchen.«

»Ein Märchen?« Menachem nickte mit dem Kopfe. »Ja, ein Märchen oder ein Traum, was wäre es sonst?« Er strich mit der Hand über die Stirne und begann:

»Es war einmal ein Mann, nicht besser, nicht gerechter, nicht klüger, als die anderen. Er verehrte Gott und liebte die Menschen. Er suchte die Wahrheit, und fand den Irrthum, er wollte recht handeln und beging Fehler, er unterrichtete sich, er dürstete nach Weisheit und sah endlich, dass ein Mensch ist wie der andere und dass ein Menschenschicksal dem anderen gleicht. Er nährte Hoffnungen, Wünsche, Träume, die niemals in Erfüllung gingen, er strebte nach Dingen, die er niemals erreichte. Er begnügte sich zuletzt damit, für sich und die Seinen zu sorgen und lebte dahin, wie alle anderen. Er nahm ein Weib, schön, wie eine junge Rose, er liebte sie. Sie schenkte ihm ihr ganzes Herz, und sie schenkte ihm auch Kinder, die er liebte. Er war nicht reich und nicht arm, er konnte den Seinen geben, was sie brauchten und war zufrieden.

Aber die Jahre zogen dahin und mit ihnen die Menschen, sie fielen wie die Blätter im Herbste und kehrten nicht wieder, andere traten an ihre Stelle und wieder andere, und endlich war der Mann allein.

Er hatte alle begraben, Eltern und Geschwister, Weib und Kinder, Verwandte und Freunde, alle, alle, aber an ihm ging der Todesengel vorüber Jahr für Jahr, und er blieb Jahre und Jahre allein, einsam, verlassen, in einer Welt, die ihm fremd geworden war, unter Menschen, die er nicht verstand und die ihn nicht verstanden.

Er hatte gelebt, Glück und Unglück, Freud und Schmerz waren an ihm vorüber gegangen, die Welt bot ihm nichts Neues mehr, keine Ueberraschung, keine Freude, nicht einmal einen neuen Schmerz, eine neue Sorge.

Und so begann der Mann, sich nach dem Tode zu sehnen, den alle fürchten, und wenn er zu seinem Gotte betete, rief er aus der Tiefe seiner Seele: Herr, nimm mich hinweg aus diesem Thal der Schatten und lass mich endlich sehen Dein ewiges Licht.«

Der Knabe schwieg einige Zeit, dann sprach er: »Der Mann bist Du, Vater Menachem.«