Der Wind, der unseren Wünschen entgegenkam wandte sich jetzt nach Westen und wir konnten nun um so leichter vom nordwestlichen Winkel der Insel an die Mündung der kleinen Landzunge fahren, doch wagten wir es nicht, das Schiff an den Strand laufen zu lassen, ehe die Flut ein wenig weiter weg war, da wir keine Möglichkeit hatten Anker zu werfen. Der Bootsführer sagte mir, wie ich das Schiff beilegen sollte und als mir das nach einer Reihe von Versuchen gelungen war, setzten wir uns schweigend zum Essen.

„Kapitän!“ sagte er schließlich mit demselben unbehaglichen Lächeln, „könntet Ihr nicht meinen alten Schiffskameraden da, den O’Brien, über Bord werfen? Ich bin für gewöhnlich nicht heiklich und ich geniere mich nicht, weil ich ihn zu Brei geschlagen habe, aber ich finde, er ist nicht gerade ein Zimmerschmuck, wie er daliegt; hab ich recht?“

„Dazu bin ich nicht stark genug und ich mag auch so eine Arbeit nicht,“ sagte ich, „und von mir aus kann er hier liegen bleiben.“

„Jim, das ist ein unseliges Schiff, diese Hispaniola“, fuhr er blinzelnd fort.

„Ein Schüppel Männer tot von dieser Hispaniola — eine Menge armer Matrosen hin, seit wir zwei in Bristol zur See gegangen sind. Ich hab noch nie solch ein dreckiges Pech gesehen. Ich nicht. Da ist dieser O’Brien da — er ist doch tot, nicht wahr? Ja also, ich bin kein Gelehrter und Ihr seid ein Bursch, der lesen und rechnen kann. Na, und um es gerade herauszusagen, glaubt Ihr, daß ein Toter einfach tot ist für immer oder kann er wieder lebendig werden?“

„Man kann den Leib töten, Herr Hands, doch nicht den Geist, das müßt Ihr schon wissen,“ erwiderte ich, „O’Brien ist in einer anderen Welt und vielleicht beobachtet er uns.“

„So!“ sagte er, „nun, das ist unangenehm — scheint also, abmurksen ist schade um die Zeit. Na, hol’s der Kuckuck, vor Geistern braucht man sich nicht viel zu fürchten, das hab’ ich schon gesehen. Mit den Geistern will ich es schon noch aufnehmen. Und jetzt haben wir uns ausgesprochen, Jim, und es wär sehr nett von Euch, wenn Ihr da in die Kabine hinuntergehen würdet und mir — ja was denn? — ich kann mich an den Namen nicht erinnern — ja, also wenn Ihr mir eine Flasche Wein bringen würdet, Jim — der Branntwein da ist mir zu stark.“

Die zögernde Ausdrucksweise des Bootsführers kam mir unnatürlich vor und seine Behauptung, daß er Wein dem Branntwein vorziehe, glaubte ich schon gar nicht. Die ganze Geschichte war ein Vorwand. Er wollte, daß ich das Deck verlasse — soviel war gewiß; aber zu welchem Zweck, das konnte ich mir absolut nicht vorstellen. Ich begegnete niemals seinem Blick. Seine Augen schweiften fortwährend hin und her, hinauf und hinunter, hafteten einmal mit einem flüchtigen Blick am Himmel und dann wieder mit einem scheuen Blinzeln auf dem toten O’Brien. Dabei lächelte er ununterbrochen und steckte seine Zunge so schuldbewußt und verlegen heraus, daß ein Kind hätte erraten können, er sinne auf Betrug. Trotzdem stimmte ich ihm sofort bei, denn ich sah, daß das für mich vorteilhafter sei und daß ich einem so besonders dummen Kerl meinen Verdacht jederzeit leicht verbergen könne.

„Wein?“ sagte ich, „Herr! Wollt Ihr weißen oder roten?“

„Nun, es ist mir verflucht gleichgültig, Kamerad, wenn nur genug davon da ist und wenn er stark ist.“