„Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste“ und die ganze Mannschaft fiel im Chor ein: „Jo — ho ho und ein Fläschchen Rum“, und beim dritten „Ho“ legten sie mit aller Kraft die Spaken aus.

Selbst in diesem aufregenden Augenblick fühlte ich mich eine Sekunde lang in den alten „Admiral Benbow“ zurückversetzt und glaubte wieder die Stimme des Kapitäns im Chor krächzen zu hören. Doch bald wurde der Anker kürzer gezogen, nun hing er nur mehr am Bugspriet, dann begannen die Segel anzuziehen, das Land und die Reede auf beiden Seiten entschwand allmählich, und ehe ich mich hinlegen konnte, um doch noch eine Stunde Schlaf herauszuschlagen, hatte die Hispaniola schon ihre Fahrt zur Schatzinsel angetreten.

Ich werde die Reise nicht in allen Einzelheiten schildern. Sie war ziemlich gut. Das Schiff erwies sich als tüchtiges Fahrzeug, die Mannschaft bestand aus fähigen Seeleuten und der Kapitän verstand sein Handwerk gründlich. Doch bevor wir in die Nähe der Schatzinsel kamen, geschahen ein paar Dinge, die berichtet werden müssen.

Vor allem wurde es mit Arrow schlimmer als selbst der Kapitän gefürchtet hatte. Er besaß keine Autorität bei der Mannschaft und die Leute machten mit ihm was sie wollten. Aber das war nicht das ärgste. Schon am ersten oder zweiten Tag der Reise begann er mit trüben Augen, geröteten Wangen, stotternd, kurz mit allen Zeichen der Betrunkenheit, auf Deck zu erscheinen. Immer wieder wurde er in Ungnade hinunterkommandiert. Manchmal fiel er hin und verletzte sich. Oft lag er den ganzen Tag in seinem kleinen Bettkasten an der einen Seite der Kajütenkappe. Manchmal war er einen oder zwei Tage fast nüchtern und konnte seine Arbeit so ziemlich versehen.

Indessen konnten wir nie herausbringen, woher er die Getränke bekam. Das war das Rätsel des Schiffes. Wir mochten ihn beobachten soviel wir wollten, es war nicht zu lösen. Und wenn wir ihn selbst fragten, so lachte er bloß, wenn er betrunken war, und war er nüchtern, leugnete er feierlich, je etwas anderes als Wasser gekostet zu haben.

Er war nicht nur als Offizier unbrauchbar und ein schlechtes Beispiel für die Leute, es schien auch klar, daß er, wenn er in diesem Tempo weitermachte, sich bald zu Tode trinken würde. Es war daher niemand sehr überrascht oder besonders betrübt, als er einmal in einer stürmischen Nacht, als die See hoch ging, ganz verschwand und nie mehr gesehen wurde.

„Über Bord!“ sagte der Kapitän. „Nun, meine Herren, das erspart mir die Mühe, ihn in Ketten legen zu lassen.“

Aber nun standen wir ohne Maat da und es war natürlich notwendig einen Matrosen vorrücken zu lassen. Der Bootsmann John Anderson schien dazu der geeignete Mann an Bord, und trotzdem er seinen alten Rang behielt, besorgte er die Geschäfte des Maats. Herr Trelawney verstand etwas vom Seewesen und seine Kenntnisse erwiesen sich als sehr nützlich, denn bei gutem Wetter übernahm er oft selbst die Wache. Und auch der Bootsführer, Israel Hands, war ein sorgsamer, verschmitzter, erfahrener, alter Seemann, der im Notfall fast jeden Dienst versehen konnte.

Er stand sehr vertraut mit dem langen John Silver und so komme ich bei Erwähnung seines Namens ganz von selbst auf unseren Schiffskoch zu sprechen, dem die Matrosen den Spitznamen „Bratrost“ gaben.

An Bord trug er seine Krücke an einem dünnen Tau um den Hals gebunden, um beide Hände freizubehalten. Es war interessant zuzusehen, wie er den Fuß der Krücke gegen eine Schott stemmte und darauf gestützt, jeder Bewegung des Schiffes nachgehend, seine Kocherei erledigte, wie am sicheren Ufer. Er hatte ein oder zwei Schlingen aufgetakelt, um sich über die weitesten Zwischenräume hinüberzuhissen — sie wurden die Ohrringe des langen John genannt — und so half er sich von einem Ort zum anderen, einmal die Krücke gebrauchend, dann sie wieder an das Tau hängend, so schnell wie irgendeiner mit gesunden Beinen. Dennoch gaben ein paar Matrosen, die vorher mit ihm gesegelt waren, ihrem Mitleid Ausdruck ihn so heruntergekommen zu sehen.