»Sie?« Es hat nie ein verständnisloseres Gesicht in der Welt gegeben, wie das, das Frau Tobler dem Gehülfen zeigte, als sie das sagte.
Sie fing an, sich mit Dora zu beschäftigen. Ob Joseph ihr einen Gefallen tun möge, wandte sie sich plötzlich an diesen. Auf der Post liege das etwas große Paket, das ihr neues Kleid enthalte. Sie möchte es gar zu gern heute noch anprobieren. Ob es von dem Angestellten nicht zu viel verlangt sei, zu wünschen, er möchte das Paket herbeiholen? Es sei vielleicht zu mühsam, und Joseph habe womöglich Wichtigeres zu tun.
Nein, nein, er werde sofort gehen und es holen, sagte er, ganz glücklich darüber, eine Ursache gefunden zu haben, wieder einmal zur Post laufen zu können.
Er lief sogleich weg und brachte nach einer halben Stunde den Karton ins Wohnzimmer der Villa Tobler. Die Frau war das völlige Selbstvergessen im Öffnen der langersehnten Postsendung. Sie ging in ihr Schlafzimmer hinauf, um das Kleid anzuziehen, Pauline mußte ihr behilflich sein. Gut, daß der Herr nicht da war. Wie würde der über ihre freudige, frauliche Erregung gehöhnt und geschimpft haben.
Nach ein paar Minuten trat sie wieder in das Wohnzimmer, angetan mit dem hochmodern zugeschnittenen Kostüm. Es stand ihr prachtvoll. Sie wünschte von Joseph zu wissen, wie sie aussehe. Silvi, die kleine Botenläuferin, mußte den Gehülfen aus dem Bureau heraufholen. Dieser war erstaunt, Frau Tobler so schön zu finden. Akkurat wie eine Baronin, sagte er lachend. Nein, sagte sie, im Ernst, wie sehe ich aus? Vorzüglich sehe sie aus, gestand er, und er erlaubte sich hinzuzufügen: »Ihre Figur tritt sehr gut zum Vorschein. Sie sehen jetzt eigentlich gar nicht mehr wie Frau Tobler aus, sondern wie eine seeentstiegene Nixe. Für Bärenswiler-Augen dürfte das Kleid beinahe zu schön sein. Aber schließlich verdienen diese Leute auch, daß sie erfahren und sehen können, was hauptstädtische Schneiderinnen zu leisten vermögen. Stoff und Form dieses Kostüms sind derart, daß man meinen möchte, der Stoff selber habe zu der Form den Gedanken gegeben, und umgekehrt scheint die Form selber diesen schönen Stoff erwählt zu haben.«
Über diese Rede war Frau Tobler ganz glücklich. Sie mochte in Geschmackssachen ein wenig unsicher sein. Sie sagte lächelnd, sie getraue sich nicht, in diesem Aufzug über die Gassen von Bärenswil zu gehen, sie wolle daher das Kleid nur tragen, wenn sie gelegentlich in die Stadt fahre.
Unbezahlte Wechsel und Rechnungen. Die Bank stutzte immer mehr. Der Ton, in welchem die Kassenbeamten der Bärenswiler Bank mit Joseph etwas besprachen, wenn er dort zu tun hatte, drückte nicht mehr nur Erstaunen, sondern auch herablassendes Mitleid aus. »Schlimm steht es bei euch da oben auf eurem Hügel,« sagte dieser Ton. Erinnerungen und Ermahnungen, nun doch endlich zu zahlen, liefen täglich per Post im Abendstern ein. Nichts war bezahlt, nicht einmal die Zigarren, die fortlaufend geraucht wurden.
Die Gartengrotte war nun auch fertig geworden, bis auf einige Kleinigkeiten, die Tobler später machen lassen wollte, sobald es mit ihm wieder einigermaßen besser stünde. Die Bauunternehmer reichten ihre Rechnung ein, sie belief sich auf ungefähr tausendfünfhundert Mark, eine Summe, wie man sie in der Villa Tobler schon seit langer Zeit nicht mehr beisammen gesehen hatte. Wo hernehmen? Aus der Erde graben? Den Leo nächtlich auf einen lustwandelnden Rentier hetzen, denselben zu Boden schlagen und berauben? Raubrittergeschichten gab es im zwanzigsten Jahrhundert leider nicht mehr.
Jetzt war die Zeit da, wo man wenigstens wieder ein kleines Fest feiern konnte. Es wurden Karten versandt an sieben angesehene Männer des Dorfes, drei nahmen die Einladung zum nächtlichen Grottenfest an, die übrigen vier waren, wie man sich zu entschuldigen pflegt, verhindert. Das tat übrigens nichts zur Sache. Je weniger Teilnehmer erschienen, desto mehr bekam jeder dieser Wenigen zu trinken. Es befanden sich noch einige Flaschen ausgezeichneten Neuenburgerweines im Keller. Der sollte jetzt verknallt werden. Eine würdigere Gelegenheit würde sich nicht so rasch wieder bieten.