Die drei Männer, ein Spezereihändler, der Segelschiffwirt und ein Versicherungsagent, kamen eines Abends bei stürmischem Wetter, zu der festgesetzten Zeit, an. Alsogleich begab man sich in die Feengrotte, ein höhlenartiges, mit Zement ausgeschlagenes und tapeziertes Ding, länglich wie ein größeres Ofenloch, etwas zu niedrig, so daß die Besucher mehr als einmal die Köpfe anstießen. Ein Tisch wurde in diese Grotte gestellt nebst ein paar Stühlen, die der Gehülfe und Pauline herbeischleppten. Eine Lampe war die Beleuchtung.

Bald kam auch der Wein, der sich als ein edles, feuriges Getränk in die Gläser ergoß, worauf er über die kostenden und schmeckenden und schnalzenden Lippen sprang, die Kehlen hinunter. So lange noch ein solches Weinlein im Hause sei, so – – Tobler hielt in seiner Ansprache inne, zur Vorsicht und Besonnenheit gemahnt durch einen blitzenden Blick aus seiner Frau Augen. Ja, da hatte er vor drei heimlichfeißen Bärenswilern eine Dummheit sagen wollen. Er, er war ein offenes Gemüt von einem Mann.

Die Unterhaltung wurde immer fröhlicher und ungezwungener. Recht unfeine Witze, die in Gegenwart dreier Damen (die Parketteriedamen waren auch da) eigentlich unschicklich klangen, flogen von Mund zu Mund, aufgefangen von laut lachendem Verständnis. Nur Joseph lachte nicht viel. Ob er nicht zufrieden sei, wandte sich Tobler an ihn. Er solle nur trinken, dann werde er schon munter werden. Die Sorgen lägen auf dem Grund der Gläser, und man müsse kurzen Prozeß machen und sie austrinken. Wo Pauline sei? Die solle den Neuenburger auch zu versuchen bekommen. Frau Tobler sagte, das sei nicht nötig, aber der Ingenieur bestand darauf.

Geschichten von der anzüglichsten Sorte wurden zum besten gegeben. Die drei Bärenswiler erwiesen sich als Meister in der komischen Wiedergabe derselben. Würde Tobler für jedes Lachen, das an diesem Abend erschallte, einen Hundertmarkschein bekommen haben, so wäre er über Nacht ein wahrhaft fürstlich reicher Mann geworden, hundertmal wohlhabend genug, alle seine Schulden auf einen Schlag zu tilgen. Aber das Gelächter trug nichts ein, es verhallte an den Wänden der kleinen Grotte, es belustigte bloß, aber bereicherte nicht.

»Auf das Gelingen deiner Unternehmungen, Tobler!« sprach der Segelschiffwirt, indem er ein volles Glas hochhob. Hierdurch gerührt und verletzt schwang sich Herr Tobler zu folgender Rede auf:

Das will ich auch hoffen!

Wenn ein gesunder Mann sein Letztes an seine Ideen setzt, so gibt es immer im weiten Umkreis der Menschen Geschwätze, die dieses Mannes Werke verleumden und herabsetzen. Dieser Mann aber steht hoch über diesen Verdächtigungen. Er ist ein Unternehmer und als solcher verpflichtet, nicht nur etwas, sondern alles zu wagen. Das Wagnis, meine Herren, sieht kühn, aber es sieht auch oft prahlerisch und lächerlich aus, weil es die einzig dastehende und beständige Aufgabe hat, niemandes Urteil zu scheuen. Was will das Wagnis in der Dachstube, im Laboratorium, im Heft, auf dem Zeichentisch tun? Es entsteht an diesen Orten, aber wollte es da bleiben, wo es entstanden ist, so wäre es eine bloße, genußsüchtige Träumerei. Hinaus an das Licht der Welt muß es. Es muß sich zeigen, es muß die Gefahr, lächerlich und unbrauchbar befunden zu werden, besiegen, oder es muß von dieser Gefahr erdrückt werden. Was nützen der Welt die klugen Köpfe, wenn sie im Verborgenen dahinleben, was nützen die bloßen Erfindungen? Eine Erfindung ist eine Arbeit aber kein Wagnis, ein bloßer hoher Gedanke rüttelt nicht das Kleinste am bestehenden Bau der Welt. Die Ideen müssen sich verwirklichen, die Gedanken streben nach der Verkörperung. Hierzu braucht es des kühnen und unerschrockenen Mannes, des gesunden und starken Armes, der festen und treuen Hand. Eines Fußes, der, wenn es ihm endlich, nach vielen Widerwärtigkeiten, gelingt, Boden zu fassen, diesen Boden nicht bald wieder verlassen wird. Eines Herzens, das Stürme erträgt, einer, mit einem Wort, männlichen Seele. Es ist nicht gesagt, daß dieser Mann glücklich ist, sobald er seine Unternehmungen vom duftenden und rauschenden Erfolg gekrönt sieht, er erstrebt keine persönliche Macht, er hat nur erreicht, was ihn, wenn er es nicht erreicht hätte, würde erstickt haben. Seine Idee will etwas erreichen, nicht er, seine Idee will aber dafür auch alles erreichen. Eine Idee stirbt oder sie siegt. Mehr habe ich nicht zu sagen.

Auf diese ziemlich romantisch gefärbte Rede lächelten die stillen, schlauen Bärenswilerherren mit erzwungen zugepreßten Lippen. Frau Tobler war im höchsten Grad ängstlich geworden. Das Fräulein aus der Nachbarschaft schien die gesamte ohrenspitzende, lauschende Umgegend zu verkörpern, so sehr mit offenem Mund saß sie da. Die alte Dame verstund kein Wort. Joseph teilte die Empfindungen seiner Herrin, und er war zugleich mit ihr froh, als sich Tobler wieder setzte, um ein neues volles Glas Neuenburger herunterzustürzen. Seine Rede hatte ihn beinahe stärker mithergenommen als der genossene Wein. Bald aber lachten wieder alle. Der flüchtig sich in die Grotte verlorne Ernst verflog wieder. Es wurde ein »Jaß« beschlossen. Toblers Augen glänzten wieder ganz genau so fiebrig wie in jener vergangenen Sommernacht, in der die Raketen zu Dutzenden aufgeflogen waren. »Ja, für Feste jeglicher Sorte paßt er prachtvoll,« dachte Joseph.

Am nächsten Morgen schwammen etliche Pfropfen im Teich herum, nebst ein paar gelber, vom gestrigen Sturm hier herüber gewehter Blätter. Es regnete. Die ganze Besitzung sah traurig und verlassen aus. Joseph stand im Garten: welch ein Anblick! Aber er verbot sich die Stimmung, die ihn ergreifen wollte und zwang seinen Gedanken eine alltäglich-praktische Richtungnahme auf.

Geschäfte im bejahenden und erwerbenden Sinne gab es immer weniger zu erledigen. Das Hauptgeschäft bestund nur noch im Abwehren der Gläubiger, die anfingen, von allen Seiten her, und in immer schrofferer Weise, zu drängen, und im Verzögern und Verschieben der Notwendigkeit, mit Geld herausrücken zu müssen. Geld, Geld, das mußte herbeigeschafft werden mit allen noch zur Verfügung stehenden Mitteln, aber der Mittel und Wege, dieses zu bewerkstelligen, gab es verschwindend wenige, und die paar wenigen Wege waren durchaus zweifelhafte und unsichere. Eines dieser noch möglichen Gelderwerbsmittel bestund in einem gemeinen und schamhaften und heimlich betriebenen Anpumpen privaten Charakters. Auf seinen Reisen traf Tobler etwa einen Verwandten oder einen Bekannten an, dem gestand er entweder die nackte, unfreundliche Wahrheit, oder er schwindelte ihm irgend eine momentane Verlegenheit vor und verstund es auf diese Weise, hie und da Geld, Summen geringen Umfanges, herauszuerwischen. Dieses Geld kam dann in der Regel auf Privat- oder auf Haushaltungskonto zu buchen.