Grundsätzlich hatte Joseph seine Bureaustunden inne zu halten, aber in Wahrheit gab es im Bureau kaum noch etwas Reelles und Vorwärtsführendes zu tun, sondern es galt im Grunde nur noch überhaupt da zu sein. Eines Morgens ließ der Gehülfe aus Vergeßlichkeit die Bureautüre offen stehen beim Weggehen nach der Post. Als er zurückkam, gab es eine Szene: Tobler sagte heftig, Unordnung brauche deswegen, daß kein Geld da sei, noch lange nicht einzureißen. Das verbitte er sich. Wenn auch keine Barschaften zu entwenden seien, so könne doch jemand, sei es der Briefbote, sei es ein anderer, durch die offene Türe, unangemeldet, ohne daß ein Mensch im Hause es merke, eintreten und in den Büchern und Papieren herumstöbern.

Joseph gab zur Antwort, es werde wohl Pauline gewesen sein, die die Türe habe offen stehen lassen. So etwas tue er nicht, er halte stets streng auf Ordnung.

Gerade Pauline, brauste der Chef auf, sei ja diejenige, die ihn wegen dessen verklagt habe, was er, erstaunlich unverschämterweise, nun auf sie schieben wolle. Er schiebe überhaupt immer alles auf Pauline.

Was sie ihn zu verklagen habe, dieses Plappermaul, sagte der in der Schlinge Gefangene. Tobler gebot ihm zu schweigen.

Das waren Tage, das, nasse und stürmische, und doch war ein eigener Zauber dabei. Das Wohnzimmer wurde auf einmal so wehmütig-gemütlich. Die Nässe und Kälte draußen machten die Zimmer freundlicher. Man heizte jetzt schon. Durch das neblige Grau der Landschaft brannten und leuchteten fiebrig die gelben und roten Blätter. Das Rot der Kirschbaumblätter hatte etwas Glühendes und Wundes und Wehes, aber es war schön, das versöhnte und erheiterte wiederum. Oft erschien das ganze Wiesen- und Baumland in Schleier und nasse Tücher eingehüllt, oben und unten und in der Ferne und Nähe alles grau und naß. Wie durch einen trüben Traum schritt man durch das alles hindurch. Und doch drückte auch dieses Wetter und diese Art Welt eine geheime Heiterkeit aus. Man roch die Bäume, unter denen man ging, man hörte reifes Obst in die Wiese und auf den Weg fallen. Es schien alles doppelt und dreifach still geworden zu sein. Die Geräusche schienen zu schlafen oder sich zu fürchten, zu tönen. An den frühen Morgen und späten Abenden drang über den See der langdahingeatmete Ton der Nebelhörner, die einander da draußen, Schiffe ankündigend, das warnende Signal gaben. Sie erklangen wie Klagelaute von hülflosen Tieren. Ja, Nebel gab es genug. Dazwischen gab es einmal wieder einen schönen Tag. Und Tage gab es, echt herbstliche, weder schöne noch wüste, weder besonders freundliche, noch besonders trübe, weder sonnige, noch dunkle Tage, sondern solche, die ganz gleichmäßig licht und dunkel blieben von Morgens bis Abends, wo vier Uhr nachmittags dasselbe Weltbild bot wie elf Uhr vormittags, wo alles ruhig und mattgolden und ein bißchen betrübt da lag, wo die Farben still in sich selber zurücktraten, gleichsam für sich sorgenvoll träumend. Solche Tage, wie liebte sie Joseph. Alles kam ihm dann schön, leicht und vertraut vor. Diese leichte Traurigkeit in der Natur machte ihn sorglos, beinahe gedankenlos. Es war dann vieles nicht schlimm, vieles nicht mehr schwer, was ihm vorher schlimm und schwerfällig erschienen war. Eine angenehme Vergeßlichkeit trieb ihn an solchen Tagen die hübschen Dorfstraßen entlang. Die Welt war ruhig, gelassen und gut und gedankenvoll anzusehen. Man konnte überall hingehen, es blieb immer dasselbe blasse und volle Bild, dasselbe Gesicht, und das Gesicht blickte einen ernst und zart an.

Zu dieser Zeit wurde, unter dem verschwiegenen Aufruf: Geld her! ein neues Inserat »Fabrikbeteiligung gesucht« in die Zeitungen gedruckt. Die kleinen Geschäftsleute des Dorfes hatten Geld haben wollen, waren aber abgewiesen, und auf spätere Zeiten vertröstet worden. Im Dorf wurde infolgedessen laut gesprochen: Tobler zahlt nicht! Die Frau wagte sich kaum noch recht in die innere Ortschaft, sie fürchtete, beleidigt zu werden. Die hauptstädtische Schneiderin ersuchte brieflich um Einsendung des Preises für das angefertigte Kleid. Der Betrag belief sich auf rund hundert Mark, eine dem Frauengedächtnis nur zu gut sich einprägende Summe.

»Schreiben Sie ihr,« sagte Frau Tobler zum Gehülfen. Es war eben ein Faß jungen Weines oder sogenannten Sausers angekommen. Schmal wurde auch jetzt noch nicht im Hause gelebt, das verbot der natürliche Frohsinn, der sich gerade jetzt wieder einzustellen begann. Mochten die Leute im Dorf sagen und denken, was sie wollten, auch Doktor Speckers, die seit drei Wochen ihre Besuche aufgegeben hatten.

Joseph schrieb der Schneiderin, einer Frau Berta Gindroz, einer Französin: sie solle gefälligst noch ein wenig Geduld haben. Momentan sei eine Berichtigung nicht gut möglich. Frau Tobler sei übrigens mit der Arbeit nicht ganz so zufrieden wie frühere Male, indem das Jüpon zu eng geraten sei, dasselbe drücke sie unter den Armen. Auf alle Fälle möchte Frau Gindroz betreffs der Zahlung nur ruhig sein. Man könne zurzeit nur nicht gut den Herrn wegen dieser Sache angehen, Herr Tobler sei mit Geschäften und Sorgen zu sehr überladen. Ob das Kleid nicht wohl erst noch müsse geändert werden? Man erwarte hierüber Bescheid und man bitte, davon überzeugt zu sein, usw.

Frau Tobler unterschrieb den Brief wie ein Geschäftsherr seine zahlreichen Korrespondenzen zu unterschreiben pflegt.

Der ganze Garten lag voller abgefallener und zugewehter Blätter, da machte sich der Angestellte eines Nachmittags dahinter und fing an aufzulesen, zusammenzurechen und zu Haufen zusammenzutragen, was er vermochte. Der Tag war kalt und finster. Große, unbestimmbare Wolken lagerten düster am Himmel. Das Haus Tobler schien zu frieren und sich nach dem edlen, heiteren Sommer zurückzusehnen. Die Bäume in der Umgebung waren jetzt ganz kahl geworden, ihre Äste waren schwarz und naß. Der Bahnwärter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nähe, er war ein freundlicher, bescheidener, zur Dankbarkeit geneigter Mann, und er kam nun heran und half Joseph Blätter auflesen, indem er sagte, was in guten und bessern Tagen recht gewesen sei, das sei nun wohl in schlimmen Zeiten nichts als nur billig. Er habe manches Gute von Herrn Tobler genossen. Derselbe habe ihm etwa manche Zigarre gegeben und manches hübsche Trinkgeld, so sähe er nicht ein, weshalb das immer so andauern müßte, und er sei jedenfalls einer von denjenigen Bärenswilern, die es gut mit dem allezeit freigebig gewesenen Ingenieur meinen.