»Meine Frau ist eine Gans, und Sie sind ein verrückter Kerl. Diese verdammten Bücher!«

Er nahm das Leihbibliothekbuch und schmiß es zu Boden. Er suchte nach beleidigenden Worten in seinem Gedächtnis, fand sie aber nicht. Teils sagten die, die er gefunden hatte, zu wenig, teils wieder zu viel. »Räuber« schwebte ihm auf der Zunge, aber dieses Wort konnte ja gar nicht beleidigen. Seine Wut kannte infolge seiner Verwirrung keine Grenzen. Er hätte sagen mögen »Hund«, aber dieses Wort machte dann wieder alle Vernunft zu schanden. Er schwieg, da er sich außerstande sah, seinen Gegner in anständiger Weise niederzuwerfen. Schließlich lachte er. Nein, er brüllte.

»Machen Sie, daß Sie sofort hinauf in Ihr Nest kommen.«

Joseph hielt es für das Geratenste, sich zu entfernen. Oben angelangt, blieb er im Zimmer stehen, lange, ohne das Kleinste denken zu können. Nur der eine Gedanke flackerte ihm wie ein Irrlicht vor dem Bewußtsein: Er hatte seinen Gehalt noch nicht und gestattete sich – solche Torheiten. – Wie würde das morgen werden? Er nahm sich vor, sich der Frau zu Füßen zu werfen. Wie unsinnig! Von der Unmöglichkeit, denken zu können, gepeinigt, trat er auf die Plattform hinaus. Es war eine trockene, kalte Nacht. Der Himmel strahlte und glitzerte und fror voller Sterne. Es war, als ob die Sterne alle Kälte, die herrschte, auf die Erde hinunterstrahlten. Auf der dunklen Landstraße ging noch ein Mensch. Die Schuhe klapperten metallen auf den Steinen. Alles da draußen schien von Stahl oder Stein zu sein. Die Stille der Nacht selber schien zu tönen, zu klirren. Joseph dachte an Schlittschuhe, dann an Erz, dann plötzlich an Wirsich. Wie mochte es jetzt dem ergehen? Er hatte das Gefühl von einem leisen Freundschaftsempfinden für diesen Menschen. Dem begegnete er sicher noch wieder irgend einmal. Aber wo? Er trat in sein Zimmer zurück und zog sich aus.

In diesem Augenblick ertönte ein Schrei Silvis.

»Da wird die Kleine wieder aus dem Bett gezogen. Hu, wie kalt,« dachte er. Er horchte noch eine Weile, im Bett aufgerichtet, aber er hörte nichts mehr und schlief ein.


Am Morgen schlich er zitternd und mutlos ins Bureau hinunter. Er dachte: »Wird man mich fortjagen? Wie? Ich dieses Haus verlassen?«

Ja, er fühlte, wie lieb es ihm geworden war, und er dachte weiter:

»Wie ist es mir möglich, zu leben, ohne Dummheiten zu begehen? Und in diesem Haus konnte ich so hübsch Dummheiten begehen. Wie wird es anderwärts hiermit bestellt sein? Und wie kann ich daran denken, zu existieren, ohne von Toblers Kaffee zu trinken? Wer wird mir anderswo satt zu essen geben? Und so bequem, und so mannigfaltig? An andern Orten ist das Essen so langweilig, so ganz und gar das Gegenteil von üppig! Und in wessen sauber zu- und aufgedeckten Betten will ich mich nachher schlafen legen? Unter einen behaglichen Brückenbogen wohl! Gemach! Ach Gott, sollte es schon so weit sein? Und wie kann ich fortfahren zu atmen ohne die Gegenwart dieser auch im Winter reizenden, landschaftlichen Gegend? Und wie will ich mich dann abends unterhalten, wie jetzt mit der lieben, prächtigen Frau Tobler? Wem Grobheiten sagen? Nicht alle Menschen nehmen sie so besonders, so eigen, so schön in Empfang. Wie traurig. Wie liebe ich dieses Haus! Und wo wird eine Lampe brennen, so zärtlich, und wo ein Wohnzimmer sein, so heimelig, so herz-voll, wie Toblers Lampen und Wohnzimmer sind? Wie macht mich das mutlos. Und wie können meine Gedanken, ohne alltägliche Gegenstände wie Reklame-Uhr, Schützenautomat, Krankenstuhl und Tiefbohrmaschine zu haben, ferner auskommen? Ja, das wird mich unglücklich machen, ich weiß es. Ich bin hier gebunden, ich lebe hier. Wie sonderbar anhänglich ich bin! Und Toblers tiefe, grollende Stimme, wie bitter werde ich ihren Klang entbehren. Warum kommt er noch nicht? Ich möchte wissen, woran ich bin. Ja, alles das. Was? Wo wird wieder solch ein Sommer mich in die üppigen, grünen Arme und an die blühende und duftende Brust drücken, wie der war, den ich hier oben habe erleben und genießen dürfen? Wo, in welcher Gegend der Welt, gibt es solche Turmzimmer? Und eine solche Pauline? Obschon ich mich mit ihr des öftern gezankt habe, gehört auch sie schließlich mit zu dem Schönen. Wie es mir elend zumut ist. Hier durfte ich ›kopflos‹ sein, wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Ich möchte wissen, an welchen Orten der zivilisierten Welt das sonst noch gestattet wäre? Und der Garten, den ich so oft gespritzt habe, und die Grotte? Wo gibt man mir das? Menschen wie ich genießen sonst nirgends die Annehmlichkeit und den Zauber von Gärten. Bin ich verloren? Mir ist elend zumut, ich glaube, ich werde jetzt einen Stumpen rauchen müssen. Auch das wird mir fehlen. Sei es.« –