Ich bitte Sie höflichst, mich als Bewerber um eine gelegentlich frei werdende, passende Stelle gütigst vormerken zu wollen. Ich finde mich nicht veranlaßt, es darauf ankommen zu lassen, eventuell wieder auf dem Pflaster zu sitzen. Die Dinge hier oben, Herr Verwalter, spitzen sich immer schärfer zu. Ich sage: für alle Fälle! und empfehle mich Ihnen
Hochachtungsvoll
Ihr aufrichtig ergebener Joseph Marti.
Er war noch nicht so bald mit Kuvertieren und Adressieren dieses Schreibens fertig geworden, als er vom Garten her Schritte hörte. Eine halbe Minute später traten Herr Tobler und zwei andere Herren, offenbar Stammgäste aus dem »Segelschiff«, ins Bureau ein, laut redend und lachend, und wie es schien, voll trunkenen Übermutes.
Was Joseph noch so spät in der Nacht zu arbeiten habe? fragte mit unsicherer Stimme Tobler. Er habe wenigstens noch einen wahrhaft fleißigen und aufopfernden Gehülfen, wie es scheine, bemerkte er weiter, indem er sich lachend seinen Jaßkollegen zuwandte. Jetzt aber solle er nur ruhig Feierabend machen, denn morgen früh sei es auch wieder Tag. Dann ging er zur Türe, die ins Innere des Hauses führte und rief, so laut er konnte: Pauline!
»Herr Tobler?« kam die Antwort von oben herab.
»Bringen Sie uns ins Bureau ein paar Flaschen von dem Rheinwein. Aber es muß rasch geschehen.«
Joseph hatte kaum nötig, sich von den Herren zu verabschieden, er sagte kurz gute Nacht und ging weg. Die andern hörten und bemerkten ihn gar nicht mehr, denn die hatten jetzt ganz anderes zu tun. Die lagen halb am Boden, halb auf dem Zeichentisch, ohne sonderlich zu achten, auf was sie saßen. Die Stühle wurden als Fußschemel benutzt, und mit den zeichnerischen Entwürfen Toblers kamen die schläfrigen und lustigen Köpfe in engste Berührung. Tobler stopfte, hin und her taumelnd, seine Tabakpfeife, und als endlich der Wein kam, machte er sich mit vieler Mühe und Ungeschicktheit an das Geschäft des Gläserfüllens, worauf dann ein Trinken begann, das halb mit Schnarchen und Hochaufgähnen verbunden und vermischt war. Das bißchen gute Vernunft, das der Ingenieur noch zur Verfügung hatte, glaubte er jetzt mit einem Mal dazu verwenden zu sollen, den Herren und Kameraden die Toblerschen Erfindungen zu erklären, er stieß aber nur auf ein Gelächter und sonst auf keinerlei Verständnis. Der Ernst der männlichen Weltanschauung lag in einem fallen gelassenen und zerbrochenen und seinen Inhalt ausgeschütteten Glas Wein am Boden. Der männliche und menschliche Verstand gröhlte und johlte und lallte, daß die Wände des Hauses beinahe erzitterten. Tobler hatte zu allem, was er eben inszeniert hatte, jetzt noch die wenig rücksichtsvolle Idee, seine Frau mit lauter Stimme in das Bureau hinunterzurufen, um ihr, wie er sagte, seine guten Freunde aus dem Dorf vorzustellen. Sie kam, steckte aber nur den Kopf durch die Türe, die sie schüchtern geöffnet hatte, und verschwand wieder, zurückgeworfen von dem, wie sie selber andern Tags zu ihrem Mann sagte, widerlichen und unflätigen Bilde, das sich ihren Augen darbot, und welches ein holländischer Trunkenboldszenenmaler nicht überzeugender und abschreckender hätte malen können, als wie es hier in Wahrheit und Wirklichkeit lebte und sich regte. Die Trinkerei hatte mit dem Verschwinden der Frau noch lange nicht ihr Ende erreicht, im Gegenteil, sie flammte und kochte und brannte bis zum frühen Morgen und bis zu der Ermattung, jener vollständigen, die den stärksten Zechern schließlich über die Nacken herfällt, um sie zu beugen und der Länge und Breite nach unter Tische und Stühle zu strecken. So geschah's auch, und die ausgelassene Gesellschaft übernachtete unter gräßlichem Schnarchen im technischen Bureau, bis Pauline kam, um den Ofen zu heizen. Es war Tag. Die Gesellen erwachten. Die zwei Bärenswiler zottelten in ihre Dorfschaft und engere Heimat zurück, während Herr Tobler nach oben ging, in sein und seiner Frau Zimmer, um den Rausch und Sturm auszuschlafen.
Pauline hatte eine wahre Heidenarbeit zu verrichten, das verwüstete und entstellte Bureau wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Als Joseph um acht Uhr unten ankam, sah es noch bitterlich schlimm darin aus, so daß er sich entschloß, sogleich auf die Post zu gehen. Alles lag durcheinander, Stühle, Zeichnungen, Schreib- und Zeichengegenstände, Gläser und Pfropfen. Tinte war verschüttet, rote und schwarze. Wein schwamm am Boden. Einer Flasche war der Hals abgeschlagen worden. Es schienen Bären, nicht nur Bärenswiler in dem Raum gewirtschaftet zu haben, den ein Geruch erfüllte, daß es schien, als müßte man zehn Tage hintereinander die Fenster offen stehen behalten, um es hier wieder sauber, gemütlich und wohnlich zu bekommen.
Auf der Post warf Joseph den Brief an den Verwalter in den Kasten. »Für alle Fälle,« dachte er.