Am folgenden Tag flossen dem Hause Tobler aus dem elterlichen Vermögen viertausend Mark zu. Das war wenig, aber es war wenigstens etwas, es genügte gerade, um die allerungeduldigsten und am schärfsten vorgehenden Dränger zufriedenzustellen. Joseph hatte längst eine Gläubigerliste zusammengestellt, und so wurden nun aus dieser bunten Wiese die am heftigsten duftenden Blumen ausgesucht, um wenigstens vorläufig diese zu betäuben. Unter diesen wütenden und augenblendenden Gewächsen befanden sich unter andern der Gärtner, der gesagt hatte, er wolle nicht eher ruhen, bis er Tobler gepfändet und vom Ort verjagt sähe, das Elektrizitätswerk, das so höhnisch mit den Schultern gezuckt, und die schöne Beleuchtung abgestellt hatte, der Schlosser aus der Nachbarschaft, dieser »undankbare Hund«, wie Tobler ihn nannte, dem man, wie man sich vorgenommen hatte, das »Geld vor die Füße schmeißen würde«, der Fleischer, und aber von jetzt an »keinen Bissen Fleisch mehr aus dieser Metzgerei«! Der Buchbinder, das »alte Kamel«, der froh sein dürfte usw., die Uhrenfabrikanten, denen »man allerdings ihr Drängen nicht sehr verübeln konnte«, der Metallwarenfabrikant, der den kupfernen Turm gebaut und verrechnet hatte, und einige, die ihr Geld »wohl verdienten«.
Ein halber Tag genügte, um diesen lautesten und unverschämtesten Forderungen den Mund zu verstopfen, aber auch das Geld war damit verschwunden. Was bedeuteten viertausend Mark für ein über und über verschuldetes Haus? Ein kleiner Rest dieser Summe wurde der Haushaltung gegeben, und einen noch winzigeren erhielt Joseph als Gehalt-Anzahlung.
Es war ein sonniger Schneevormittag gewesen, mit blauem Himmel und Winden und mit Schneenässe an der Erde, als der Gehülfe von Haus zu Haus gegangen war, um Beträge auszubezahlen. Auch beim Betreibungsbeamten war er vorbeigegangen. Und wie rasch das Geld schwand, das merkte er an der leichter werdenden Rocktasche.
Gegen den Nachmittag langte ein Schreiben des Advokaten Bintsch an, worin derselbe erklärte, es sei von der Mutter nichts mehr zu gewärtigen. Er habe sein Möglichstes versucht, die Frau zu überzeugen; seine Bemühungen seien aber zu seinem Leidwesen ohne Erfolg geblieben. Er rate daher Tobler an, mit Ruhe die Folgen dieser Resultatlosigkeit zu ertragen.
Tobler verzog, während er diesen Brief las, sein Gesicht zu einer schmerzhaft anzusehenden Grimasse. Er schien einen namenlosen Zorn zu bemeistern. Dann brach es aus ihm los und warf ihn auf einen Stuhl nieder, als ob Zentnerlasten ihn niedergeschmettert hätten. Er keuchte mit seiner starken Brust, die zu zersprengen drohte, ähnlich einem zu straff angespannten Bogen. Sein Gesicht schaute von unten herauf, als sei es von oben herab von Fäusten niedergepreßt worden. Auf seinem Nacken schienen jähzornig wiegende und sausende und stemmende Gewichte zu liegen, lebendige Gewichte. Die Farbe seines Gesichtes war dunkelrot. Rund um ihn schien die Luft dick und steinern geworden zu sein, und eine unsichtbar-sichtbare Gestalt schien sich jetzt dicht neben Tobler zu erheben, um ihm gemütlich aber kalt auf die zusammenzuckende Achsel zu klopfen. Die eiserne Notwendigkeit selber schien ihm zugeflüstert zu haben. »Mann! Versuche dein Letztes!«
Tobler öffnete schwerfällig sein amerikanisches Rollschreibpult, nahm unter Ächzen und Rückenbiegungen, als ob er Schmerzen gehabt hätte, eine Feder zur Hand, ein Blatt Papier, um seiner Mutter einen Brief zu schreiben. Aber die Buchstaben, die er aufsetzte, tanzten ihm vor den Augen. Das Pult flog an seiner wild gewordenen Empfindung hoch auf, das Bureau drehte sich, er mußte aufhören. Er sagte mit röchelnder Stimme zu Joseph:
»Telefonieren Sie Bintsch und ersuchen Sie ihn, Ihnen zu sagen, wann er zu einer Besprechung mit mir bereit sein kann. Sagen Sie ihm, es hätte die größte Eile.«
Joseph schickte sich sogleich an, dem Befehl Folge zu leisten. Er war aufgeregt, sprach vielleicht etwas undeutlich, es war möglich, daß man ihn nicht recht verstanden hatte, kurz und gut, es dauerte ziemlich lange, ehe er mit Doktor Bintsch reden konnte. Hinter ihm her war Tobler die Treppe hinaufgekommen und stund nun hinter dem Gehülfen, den die Gegenwart eines so krankhaft erregten Herrn und Meisters noch mehr verwirrte, derart, daß, als nunmehr die gewünschte Verbindung hergestellt war, er sich mit dem Rechtsanwalt in stammelnden Gesprächen herumschlug, ohne sich verständlich machen zu können.
Das war zu viel für Tobler. Mit einem häßlich tönenden Wutschrei warf er den ungeschickten Sprecher zur Seite, daß derselbe an den Türrahmen des Wohnzimmers anflog, und ergriff selber den telephonischen Hörer, um das verunglückte Gespräch zu Ende zu führen und sich den erforderlichen Bescheid selbst sagen zu lassen.
Seine Wut war verflogen, aber er zitterte am ganzen Leib heftig. Er bekam Fieber und mußte sich auf das Ruhbett legen, auf dasselbe, das vor kurzer Zeit Dora eingenommen hatte. »Ist Vater krank?« frug diese jetzt. Frau Tobler, die besorgt neben dem liegenden und stöhnenden Manne stand, sagte zu dem Mädchen: »Ja Kind, Vater ist krank. Joseph hat ihn geärgert,« wobei sie den Gehülfen mit einem erstaunten und verächtlichen Blick streifte, der denselben ins Bureau hinunter jagte. An seinem Schreibtisch angelangt, versuchte er, als ob nichts geschehen wäre, zu arbeiten, aber es war keine Arbeit, was er tat, sondern ein Tappen und Tasten mit zitternden, zerstreuten Fingern, ein Bemühen, gleichmütig zu sein, ein Nichtkönnen, ein Anderes, ein Nichts, etwas Schwarzes. Sein Herz klopfte zum Zerspringen.