Später wurde er zum Kaffee gerufen. Tobler war inzwischen in sein Schlafzimmer hinaufgegangen. Die Besprechung mit dem Advokaten konnte erst andern Tags stattfinden, und bis dahin gab es für den Ingenieur ja in der weiten Welt, scheinbar und offenbar, vorläufig nichts mehr zu tun. Welches Bemühen konnte noch einen reellen Zweck haben? Welche Pläne waren nicht lächerlich? Und krank! Es tat dem gehetzten Mann so wohl, zu denken, er liege im Bett und könne bis am andern Tag ungestört liegen bleiben. Er ließ sagen, wenn Joseph zur Post gehe, so möchte er ihm ein paar gute Zigarren mit nach Hause bringen. »Und für Dora ein paar Orangen, Joseph,« fügte Frau Tobler hinzu. Dieser führte die Aufträge aus.

Nach dem Abendessen, die Kinder waren bereits zu Bett gebracht worden, sagte der Gehülfe zu Frau Tobler, es sei ihm schwer, länger in einem Hause zu bleiben, dessen Chef sich nicht scheue, ihn, nachdem er ihn oft genug schon mit Worten beleidigt habe, nun auch tätlich und körperlich zu beschimpfen. Das sei zu viel, und er glaube, er täte am besten, gleich jetzt zu Tobler hinaufzugehen, und es diesem Mann zu sagen, wie roh und dumm seine Handlungen seien. Er könne nicht mehr arbeiten, das fühle er deutlich. Einer, den man herumstoße und gegen Türen heranwerfe, der sei wohl auch nicht imstande, Nutzen zu bringen. Solch einer müsse ein Esel und Taugenichts sein, sonst sei es ja gar nicht möglich, ihn derart, wie es geschehen sei, zu behandeln. Dies drücke ihm den Atem ab. Er meine, auch wenn er nichts wie Schindluder all die Zeit her, die er nun hier oben zugebracht habe, getrieben hätte, so könne das körperliche Schmach und Schande noch nicht einmal rechtfertigen, und er? Ob er nicht sich immer ein wenig Mühe gegeben habe? Er wenigstens wisse es, daß er hin und wieder mit Liebe und Lust und mit allen seinen Kräften gearbeitet habe, wenn auch die Kräfte nicht immer den, er gestehe es, gerechten Anforderungen hätten entsprechen können. Ob man so, wie es geschehen sei, die Versuche, tüchtig und aufrichtig zu sein und zu bleiben, behandle?

Er weinte.

Frau Tobler sagte kalt: »Mein Mann ist krank, wie Sie wissen, und eine Störung wird ihm nicht gerade willkommen sein. Aber wenn Sie Lust haben, und wenn Sie glauben, es hier oben bei uns nun so plötzlich nicht mehr aushalten zu können, so gehen Sie nur zu ihm hinauf und sagen Sie ihm, was Sie auf Ihrem Herzen haben. Ich denke, Sie werden den Ihnen und Ihrem Betragen geziemenden, kurz und bündigen Bescheid erhalten.«

Der Gehülfe blieb sitzen. Dann erhob er sich und sagte: »Ich gehe noch rasch auf die Post.«

»Sie wollen also nicht zu meinem Manne hinaufgehen?«

Nein, Herr Tobler sei krank, sagte Joseph, man dürfe ihn nicht stören. Er dagegen habe jetzt noch Lust, einen kleinen Spaziergang zu machen.

Draußen empfing ihn eine klare, kalte Welt. Etwas Hohes und Gewölbtes von einer Welt. Es war kalt geworden. Die Füße schlugen gegen Steine und Eisstücke. Ein eiskalter Wind wehte durch die Bäume. Durch die Äste derselben schimmerten die Sterne. Sein Herz war voll, er lief wie besessen. Nein, er mochte nicht fortgehen. Er hatte Angst, Frau Tobler würde inzwischen ihrem Mann alles ausplaudern gehen. Infolge dieses Gedankens beschleunigte und jagte er seine Schritte. Seinen Gehalt hatte er überdies auch noch nicht endgültig ausbezahlt erhalten. Item. Die Hauptsache war: im Haus bleiben. »Wie unanständig, mich derart beklagt zu haben,« rief er in die Winternacht hinaus. Er nahm sich vor, Frau Tobler kniefällig die Hände zu küssen.

Sie saß noch im Wohnzimmer, als er es wieder betrat. Er fing schon in der Türe, welche er aber vorsichtig zuschloß, zu reden an:

»Ich habe Ihnen zu sagen, Frau Tobler, wie gut, daß Sie noch hier sitzen, daß ich mich vollständig im Unrecht fühle, darum, daß ich gegen meinen Chef Klagen vorgebracht habe. Ich bin zu voreilig gewesen, und ich bitte, verzeihen Sie mir. Ich habe mich läppisch benommen, und Herr Tobler, in welche Aufregung hat ihn der unselige Advokatenbrief geworfen. Waren Sie schon bei Ihrem Mann? Haben Sie es ihm schon sagen müssen?«