»Nein, ich habe ihm noch nichts gesagt,« antwortete die Frau.
»Ich bin froh!« sagte der Gehülfe, und er setzte sich. Er fuhr fort: »Und ich bin hieher zu springen gekommen, in der hellen Angst, daß Sie es ihm schon hätten können gesagt haben. Es tut mir alles leid, was ich gesagt habe. Man sagt im Sturm der Gefühle, gnädige Frau, gar so manches, was man nicht aussprechen sollte. Ich bin so froh, daß Sie noch nichts gesagt haben.«
Das sei vernünftig gesprochen, sagte Frau Tobler.
»Ich habe mir vorgenommen, Ihnen zu Füßen zu stürzen und kniend Abbitte zu tun,« stammelte der Gehülfe.
So etwas sei gar nicht nötig, pfui, entgegnete sie.
Sie schwiegen eine Weile. Es kam dem Angestellten so schön im Zimmer vor. Das war etwas, das glich einem Heim. Und wie oft war er in früheren Zeiten durch die bewegten und menschenleeren Gassen gegangen mit dem kalten und bösen und niederwerfenden Verlassenheitsgefühl im Herzen. Er war so alt gewesen in seiner Jugend. Wie hatte ihn das Bewußtsein, nirgends zu Hause zu sein, lähmen und innerlich würgen können. Wie schön war es, jemandem anzugehören, in Haß oder in Ungeduld, in Mißmut oder in Ergebenheit, in Liebe oder in Wehmut. Dieser Menschenzauber in solchen Heimstätten, wie war Joseph immer davon traurig entzückt gewesen, wenn er ihn aus irgend einem offen stehen gelassenen Fenster zu sich, dem Einsamen und Umhergeworfenen und Heimatlosen, herabwiderspiegeln sah, zu dem auf der kalten Straße Stehenden hernieder. Wie dufteten Ostern, Weihnachten oder Pfingsten oder das Neujahr zu solchen Fenstern heraus, und wie arm mutete der Gedanke an, von diesem Goldenen und Uraltschönen nur den kargen, kaum empfindbaren Widerschein mitgenießen zu dürfen. Dieses schöne Vorrecht der Bürgerlichen. Diese Güte in den Gesichtern. Dieses friedliche Weben und Lassen und Leben! Er sagte:
»Es ist so dumm, sich gleich so beleidigt zu glauben.«
Er habe recht, wenn er das sage, meinte die Frau, indem sie ruhig fortfuhr, an einem Unterjäckchen für Dora zu stricken oder zu häkeln. Sie setzte hinzu:
»Und muß ich, seine Frau, nicht auch allerhand von ihm dulden und ertragen? Er ist nun eben einmal der Herr im Hause, und das ist eine verantwortliche Position, die von den übrigen Bewohnern und Gliedern Duldung und Achtung herausfordert. Freilich soll er nicht beleidigen, aber kann er sich immer im Zaum behalten? Kann er seinem Zorn sagen: sei vernünftig? Der Zorn und die Gereiztheit sind halt nicht vernünftig. Und wir andern, die den unübersehbaren Vorteil haben, seinen Anordnungen, deren Entwurf und Plan ihn anstrengen, gehorchen zu dürfen, seine Winke, deren Weisheit wir fast immer einsehen, zu befolgen, wir sollen ihm in Zeiten der Unruhe und der Empörtheit eben ein wenig aus dem Wege zu gehen verstehen. Wir sollen es gelernt haben, ihn zu behandeln, denn ein Herr und Gebieter will auch auf eine ganz bestimmte Art und Weise behandelt werden. Wir sollen geschickt und geschmeidig sein in Momenten, wo er seiner Gelassenheit und sicheren Kräfte nicht mehr, wie sonst immer, bewußt ist, in denen wir ihn unfähig, sich noch, wie bisher, zu beherrschen, erblicken. Und wenn wir plump, und, nach unsern Verhältnissen gerechnet, voll Fehler gewesen sind, so müssen wir nicht allzusehr gekränkt sein, wenn seine Stimme und das Unmaß seiner Sorgen und Qualen uns andonnern. Marti! Glauben Sie mir, auch ich bin oft voll Wut über denselben Mann gewesen, der Ihnen heute Unrecht getan hat, der Sie soll beleidigt und in der unwürdigsten Weise soll gekränkt haben. Nun, so setzt man selber eben diese seine Würde ein bißchen herab und verzeiht, denn – man muß seinem Herrn und Vorgesetzten verzeihen. Was sollte aus Unternehmungen, aus Haushalten, aus Geschäften aller Art, aus Häusern, ja, was sollte aus der Welt selber werden, wenn die Gesetze mit einem Mal nicht auch fernerhin einen ein wenig zwicken und stoßen und verletzen dürften? Hat man das ganze Jahr lang deshalb die Wohltat des Gehorchens und Nachahmens genossen, daß man dann eines Tages oder Abends auftreten durfte und sich in die stolze Brust werfen durfte und sagen durfte: beleidige mich nicht!? Nein, zum Beleidigtwerden ist man ja allerdings nicht da, aber auch nicht zum Zorn-Anlaß-Geben. Wenn die Verwirrtheit nichts dafür kann, daß sie sich dumm benimmt, so ist auch die Wut nicht so rasch für ihr Schnauben und Toben verantwortlich zu machen. Und es ist immer die Frage, wo ist man, und wer ist man. Ich bin jetzt ja zufrieden mit Ihnen, Joseph. Geben Sie mir die Hand. Man kann reden mit Ihnen, und gehen wir jetzt zu Bett.«