Weihnachten näherten sich. Auch ins Haus Tobler mußte die festliche Zeit ja kommen, die Festzeit, das war etwas Unentrinnbares, das war etwas Flugartiges, das war ein Gedanke, der sich allen Menschen mitteilte, der alle Empfindungen durchdrang, warum hätte er, dieser Gedanke, um die Villa zum Abendstern herum einen Umweg machen sollen? Wie wäre das möglich gewesen? Wenn ein Haus schon einmal, und dazu noch so hübsch, so auffällig, wie das Toblersche, in der Welt stund, so gab es ja auch keine vernünftige oder natürliche Ursache, warum es von irgend etwas, das in dieser Welt voll Ansehen und Duft bestund, hätte sollen verschont bleiben. Und dann war auch noch die Frage: hätten Toblers gern mögen verschont bleiben?
Nein, sie freuten sich darauf. Tobler sagte, wenn es schon schlimm mit ihm stehe, so meine er doch, Weihnachten brauchten deshalb nicht etwa gar ungefeiert an und in seinem Haus vorüberzuziehen. So etwas möchte ihm noch gefehlt haben.
Die umliegende Gegend selber schien sich ja sogar in ihrer Art auf das schöne Fest zu freuen. Sie ließ sich ruhig und wohlig mit dicht herabfallendem Schnee bedecken und hielt so still gleichsam die große, breite, alte und weite Hand dar, um aufzunehmen, was da fleißig herunterstürzte, daß alle Menschen beinahe sagten: »Seht! Es wird weiß, es weißelt in der Welt. Das ist recht, denn das schickt sich für Weihnachten.«
Bald lag auch das ganze See- und Bergland in einem dicken, festen Schneeschleier. Die rasch sich etwas einbildenden Köpfe hörten schon das Klingeln von schnell dahinfahrenden Schlitten, obschon noch gar keine herumfuhren. Die Weihnachtstische waren auch schon gedeckt, denn das ganze Land glich einem säuberlich weiß überzogenen Weihnachtstisch. Und die Stille und Gedämpftheit und Wärme solch einer Landschaft! Man hörte alle Geräusche nur halb, als ob die Schlosser ihre Hämmer, und die Zimmerleute ihre Balken, und die Fabrikräder ihre Schaufeln, und die Lokomotiven ihre schrillen Pfiffe mit Watte oder mit wollenen Tüchern eingewickelt hätten. Man sah nur das Nächste, das, was man mit zehn Schritten abmessen konnte, die Ferne war ein undurchdringliches Geschneie und ein fleißiges Übermalen mit grauer und weißer Farbe. Auch die Menschen kamen weiß dahergestampft, und man konnte unter fünf Menschen immer einen sehen, der sich den Schnee von den Kleidern abschüttelte. Es war ein Friede da draußen, daß man unwillkürlich alle Weltdinge als befriedigt und erledigt und beruhigt annehmen mußte.
Und da mußte nun Tobler hinfahren, durch solchen Schneezauber hindurch, per Eisenbahn nach der Stadt, um eine Zwiesprache mit dem Herrn Rechtsanwalt Bintsch abzuhalten. Aber an seiner Seite saß wenigstens seine Frau, die mitfuhr, um einige Geschenksachen im hauptstädtischen Warenhaus für das nahe bevorstehende Fest einzukaufen.
Am Abend gab es wieder eine Bahnhofsszene, aber diesmal eine verschneite und deshalb ein wenig fröhlichere. Paulinens Gelächter und Leos freudiges Gebell warfen in den Schnee dunklere Ton-Flecken, obschon sonst ein Gelächter und ein Gebell hell zu färben pflegten, aber was kam gegen die glitzernde Schneeweiße an Helligkeit und Schimmer auf? Man nahm wieder Pakete in Empfang, und eine Dame in Pelzen war ausgestiegen und sah aus wie die wahrhaftige, reiche und gütige Weihnachtsfrau selber, und doch war es nur Frau Tobler, die Frau eines Geschäftsmannes, und noch dazu eines ruinierten. Aber sie lächelte, und solch ein Lächeln kann aus der ärmsten und bedrängtesten Frau eine halbe Fürstin machen, denn ein Lächeln erinnert immer an etwas Hochachtbares und Wohlanständiges.
Der Schnee blieb liegen bis zum eigentlichen Tage, sauber und fest, denn es gab kalte Nächte, die die weiße Decke knirschend zufrieren machten. Am Weihnachtstag ging Joseph gegen Abend den bekannten Berg hinauf. Die kleinen Wege schlängelten sich hellgelb durch die schimmernd weißen Wiesen, die Äste der tausend Bäume waren mit Reif überglitzert: ein zu süßes Schauspiel! Die Bauernhäuser stunden in dieser feinen, weißen, verzweigten Pracht da, wie Schmuck- oder Zierhäuser, für den Anblick und für das unschuldige Verständnis eines Kindes geschaffen. Die ganze Gegend schien eine hohe Prinzessin zu erwarten: so zierlich und sauber angezogen sah sie aus. Sie schien ein Mädchen zu sein, ein schüchternes und ein bißchen kränkliches, ein unendlich zart veranlagtes. Joseph schritt höher hinauf, und da hoben sich mit einem Mal die grauen Schleier, die die untere Erde belegten, zerfasernd auf, durchstochen von dem feurigsten Himmelblau, und eine Sonne, so warm wie im Sommer, machte den Spaziergänger an ein eitles Märchen glauben. Hohe Tannen standen da, in stolzer, kraftvoller Haltung, mit Schnee beladen, der in der Sonne zerfloß und von den großen Ästen herabfiel.
Als Joseph mit der bereits begonnenen Nacht nach Hause kam, brannte schon im Gastzimmer, einem Eckzimmer, das man fast nie betrat, der Weihnachtsbaum. Frau Tobler führte die Kinder zu demselben hinein und zeigte ihnen die Geschenke. Auch Pauline wurde beschenkt, und Joseph erhielt eine Kiste Zigarren unter der Bemerkung, daß das zwar wenig aber dafür von Herzen sei. Tobler war bemüht, dem Fest einen gemütlichen, wirtshäuselnden Anstrich zu geben, er rauchte die gewohnte Pfeife und blinzelte mit seinen Augen den Tannenbaum an, der lieblich umherstrahlte. Frau Tobler lächelte und sagte ein paar schickliche Worte, zum Beispiel, wie schön doch so ein Bäumchen sei. Aber es mochte ihr nicht so recht zum Mund herauskommen. Überhaupt stockte alles ein bißchen, und es verbreitete sich keine sonderliche Freudenandacht um die paar dastehenden Menschen, sondern es legte sich Wehmut um alles. Auch war es kalt im Gastzimmer, und wo Weihnachtsfreude hätte herrschen sollen, da durfte es nicht kalt sein. Man ging daher immer ins Wohnzimmer hinüber, um sich dort ein wenig Wärme zu holen, und kam dann wieder zum Baum. Jeder Weihnachtsbaum ist schön und jeder hat noch Rührung erzwungen. Auch der Toblersche war schön, nur die Menschen, die um ihn herumstanden, konnten sich zu keiner längeren und tieferen Rührung und Freude aufschwingen.
»Da hätten Sie letztes Jahr sollen dabei gewesen sein, das waren noch Weihnachten! Kommen Sie. Trinken Sie ein Glas Wein,« sagte Tobler zum Gehülfen und veranlaßte ihn, ins Wohnzimmer an die Wärme zu treten. Letzterer machte ein unzufriedenes Gesicht, als wäre er der Zigarren wegen verstimmt gewesen, was er selber nicht genau wußte. Man sei halt dieses Jahr, sagte und seufzte die Frau, nicht in der richtigen Stimmung für so etwas. Sie schlug zaghaft vor, noch einen »Jaß« zu machen. Habe man es das ganze Jahr lang getan, so könne man auch einmal am Weihnachtsabend zu den Karten greifen, vielleicht werde es dann ein bißchen lustiger im Zimmer. So nahm man zu den Spielkarten Zuflucht.
Der Baum war inzwischen strahlen- und lichterlos geworden. Die Kinder ließ man noch eine halbe Stunde sich mit den Geschenken beschäftigen, worauf sie in die Betten geschickt wurden. Nach und nach verwirtshäuselte die Luft im weihnachtlichen Wohnzimmer gänzlich. Das Lachen und Benehmen der drei einsamen Menschen, die da Wein tranken, teils Zigarren rauchten, teils Bonbons aßen und miteinander Karten spielten, verlor alle besondere Scheu und Eigenheit, die etwa noch hätten an einen Festhauch erinnern können. Es war das gewöhnliche Benehmen und das allerunfeierlichste Lachen. Die Stimmung, die nun diese Spieler beherrschte, war aber nicht einmal die gewohnt-gemütliche, denn – es war halt doch Weihnachten, und der feinere und schönere Gedanke, der hie und da aufblitzen mochte, mahnte vorüberhuschend an die Sünde, das Fest und den Inhalt desselben derart, wie es geschah, verdorben und entwertet zu haben.