Die Neujahrswoche verlief still und eigentümlich gemütvoll, die Geschäfte lagen am Boden, es gab wenig zu tun, außer, um einen seltsamen Menschen, den Erfinder einer Kraftmaschine, im Kontor von Zeit zu Zeit zu empfangen. Dieser halb bäuerlich, halb weltstädtisch angehauchte Kauz besuchte in dieser Woche das Haus Tobler fast täglich, indem er den Chef desselben antrieb, er möchte für das Geniewerk, dessen Entwürfe er im Bureau liegen ließ, tätig sein. Man lachte über den Mann, dessen Sache man nicht ernst nehmen konnte, aber Tobler sagte einmal beim Mittagessen zu den übrigen: »Lacht doch nicht so. Der Mann ist gar nicht dumm.«
Die Begeisterung, mit welcher der Kraftanlagenschöpfer das Kind seines Geistes verfocht und in fast himmelhohe Bedeutung hochhob, gab viel zu reden und sorgte in gar nicht übler Weise für die Unterhaltung in der still und träge dahingehenden Woche. Der seltsame Mensch besaß keinerlei exakte und elegante Bildung, er sprach einesteils wie ein junger Träumer und Bauer, und andersteils hätte man ihn für einen Schwindler oder Jahrmarktbudenbesitzer halten können, denn eines Tages schlug er Herrn Tobler die öffentliche und unter Bezahlung von Eintrittsgeld zu besichtigende Schaustellung der Selbstkrafterzeugmaschine in Städten und Großstädten vor, an Orten, wo recht viel Volk sich zu tummeln pflege, über welche Idee man gar nicht genug glaubte lachen zu sollen.
Da sollte nun Tobler schon wieder einmal einem anscheinend ganz begabten Menschen auf die Beine helfen, damit derselbe nicht in einer Schlosserwerkstätte als Arbeiter geistig zu verträgen und zu erlahmen brauchte, aber er, Tobler, selber, wie erging es denn ihm, und wo waren die hülfsbereiten Menschen, die dann auch ihm halfen?
»Alle kommen zu ihm,« sagte Frau Tobler, »alle denken sie an ihn, wenn sie auf der Suche nach einem Bereitwilligen sind, alle haben sie Lust, ihn und seine gesellige Natur auszubeuten, und er hilft jedem. So ist er.«
Der Gehülfe machte in dieser Woche kürzere und weitere Spaziergänge in die kalten aber schönen Winterlandschaftsgegenden und -Bilder hinein. Da gab es Wagenfurchen auf der Landstraße, an die die Füße anschlugen. Da gab es steifgefrorene Wiesen, die den Berg anliefen, und kalte, rote Hände, die man vor den Mund hielt, um hineinzublasen. Dickbemäntelte Menschen begegneten ihm, und Nächte überraschten ihn in unbekannten Gegenden. Oder es gab da eine Eisbahn auf einem ehemalig herrschaftlich gewesenen Parkweiher, fahrende und umfallende Menschen jeden Alters und beiderlei Geschlechtes darauf, mit den Geräuschen, die solche Schlittschuhbahnen auszuzeichnen und abzumalen pflegen. Und dann stand er plötzlich wieder vor dem Toblerschen Haus, schaute von unten zu ihm hinauf und sah, wie der kalte Mond es verzauberte, während die halbdunklen Nachtwolken um dasselbe herumflogen, großen, trauernden, aber lieblichen Frauen ähnlich, um es scheinbar in die Höhe zu ziehen, damit es sich auflöse in schöner Weise.
Zu Hause war dann alles so sonderbar still, nicht einmal die Silvi mehr konnte man hören. Die Tugenden und Untugenden des Hauses Tobler schienen sich beiderseits zufrieden gegeben und sich stumm verbrüdert zu haben. In der Wohnstube saß etwa die Frau in dem Schaukelstuhl, arbeitete etwas oder las etwas, oder sie hielt Dora auf ihrem Schoß und tat gar nichts.
»Wie Sie mich im Sommer draußen im Garten gereitschaukelt haben, Marti!« sagte sie einmal. Sie sehne sich nach dem Garten, sie wisse nicht wie. Wie das schon so lange her scheine. Joseph sei jetzt ein halbes Jahr hier, und ihr sei es, als sei er schon so viel länger um sie herum. Wie doch so etwas derart ins Gefühl komme.
Sie schaute die Lampe an. Der Blick, womit sie das tat, schien zu seufzen. Sie sagte:
»Sie, Marti, haben es eigentlich recht gut, viel besser als mein Mann und als ich, aber von mir will ich gar nicht reden. Sie können von hier weggehen, Sie packen einfach Ihre paar Sachen, setzen sich in die Eisenbahn und fahren nach wohin Sie wollen. Sie finden überall Stellung, denn Sie sind jung, und man glaubt, wenn man Sie vor sich sieht, Sie seien tüchtig, und Sie sind es ja auch. Sie haben mit niemandem auf der Welt, mit niemandes Eigenheit und Bedürfnis, zu rechnen, es zieht niemand Sie ab, in die Weite und in die Ungewißheit hinauszuschweifen. Das ist vielleicht oft bitter, aber wie schön und wie frei kann es sein. Wenn es Ihnen paßt, und wenn es Ihnen die paar kleinen, nicht gar sehr genierenden Verhältnisse erlauben, so marschieren Sie, und wenn Sie zu dürfen glauben, ruhen Sie an irgend einem festen Punkt und Ort wieder aus, und wer wollte, und was wollte und könnte Sie daran verhindern? Sie sind vielleicht manchmal unglücklich, aber wer ist es nicht, manchmal verzweifelt, aber wessen Seele schonen die Schwierigkeiten? An nichts Dauerndes sind Sie gebunden, an nichts Hemmendes gefangen und an nichts Allzuliebevolles gefesselt und angekettet. Es muß Ihnen manchmal unerhört läuferisch und luftspringerisch zumute sein, daß Sie sich dermaßen voller Bewegungs-Erlaubnis erblicken dürfen. Und gesund sind Sie auch, und Ihr Herz mag schon am rechten Fleck sitzen, ich kann es mir denken, trotzdem Sie sich öfters so zaghaft benommen haben. Vielleicht bin ich undankbar. Ich habe mich nun all die Zeit her mit Ihnen nett und lang und ruhig unterhalten können, und es hat sich vielleicht gut getroffen, daß Sie ins Haus zu fliegen gekommen sind, und ich habe Sie oft schlecht behandelt –«