268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst, liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt, das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem der Idealismus des Objects, der Realismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut; indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes, sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich gedacht werden kann, thut er wirklich anderes und besseres, als jener that. Derselbe begnügt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen, noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlässlichkeit der Annahme eines übrigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblössten „Dings an sich”, zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort, dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklärung des thatsächlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.
269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt worden. Von dem „Rauche” des Scheins gilt der Schluss auf die „Flamme” des Seins. Wo nichts Wirkliches wäre, könnte auch keines scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz, dass, wo kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn es lässt sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes, also unbedingtes. Dasselbe wird gesetzt, weil der Schein gesetzt ist; aber es wäre gesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wäre. Die Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der von seinem Gedachtwerden unabhängige Denkinhalt, auch ohne Subject, welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject (im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fällt auch das Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eine absolute; dieselbe hört nicht auf, auch wenn das Subject aufhört.
270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject); die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach, sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch das Subject unabhängig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist, auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein Subject, noch überhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je wirklich vorhanden ist.
271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhängig. Dasselbe ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der französischen Republik sagte: „wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!” Dem Denken bleibt nichts übrig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte, „vor” dem Denken, aber es bestünde auch ohne das Denken.
272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von ihm unabhängig gesetzt dächte, hätte dasselbe nicht als Sein, sondern als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nöthigt, ein Wirkliches zu denken, nöthigt es auch, dieses letztere als unbedingt gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der für das Denken die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. das — nicht willkürlich durch den Willen des Denkenden, sondern unwillkürlich, ohne, ja selbst wider den Willen des Denkenden — Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch die Erfahrung bedingten Setzung ist das unbedingt Gesetzte.
273. Dass das Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt, nicht aber, was das Wirkliche, wenn gesetzt, seinem Was nach sei, ist damit ausgesprochen. Nur so viel lässt sich folgern, dass, wie auch das Was des Wirklichen gedacht werden möge, dasselbe nicht so gedacht werden dürfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmöglich gemacht wäre. Dies aber würde der Fall sein, nicht nur wenn das Was des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe Setzenden abhängig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht würde. Dasselbe darf in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses letztere vorstellt, oder als fühlend, oder wollend, weil dieses letztere fühlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wäre. Aus ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden erschlossen werden könne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht aus Theilen bestehend sein dürfe, sondern streng einfach sein müsse.
274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar, sondern wirklich „atom” d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder für den gegebenen Zweck nicht mehr weiter getheilt zu werden braucht, sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst seiner Einfachheit halber zwar nicht jede Vielheit, aber doch jede Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe ist weder ein Bündel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch eine Summe ebensolcher sogenannter Kräfte oder Vermögen. Es kann sein Was weder verlieren noch verändern, ohne (was unmöglich ist bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhören. Dasselbe kann daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist, sowol ewig als unveränderlich; weder dessen (unbedingtes, also von jeder Bedingung unabhängiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches, jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder Abnahme unfähiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist die Erhaltung des wandellosen Selbst jedes Wirklichen.
275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualität von dessen Wirken d. i. sich Bethätigen unabtrennlich ist. Weder ein Wirkliches, das nicht wäre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wäre ein wahrhaft Wirkliches; jenes wäre nur der Schein eines Wirklichen, dieses wäre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehörigkeit beider darf nicht so gedacht werden, als wäre das Sein und die Qualität das Substrat des Wirkens d. h. als besässe das Wirkliche als seiende, aber nicht wirkende Qualität seine besondere, als seiende, aber wirksame Qualität wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als stellte die seiende Qualität nach Abzug des Wirkens gleichsam das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt gesetzte einfache Qualität und das Wirken sind nicht nur im Begriffe des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne zu wirken.
276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten Bedingung abhängig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch dessen Aufhören an einen Zeitpunkt geknüpft werden, vor welchem und nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes, sondern als Wirkungsloses bestünde, noch darf dasselbe so verstanden werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm, dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu bewähren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualität unauflöslich und unablösbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist dessen Wirklichkeit.
277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg hätte nichts bewirkt d. h. wäre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der Einfachheit und Unveränderlichkeit der Qualität des Wirklichen ist, dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative, sei es qualitative Abänderung der Qualität eines Wirklichen, weder der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich geschieht, weder die Qualität, noch das Gesetztsein des Wirklichen, sondern nur das mit demselben unablöslich verschmolzene Wirken des Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Förderung oder Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern Richtung bedeuten kann.