Kopra wird an der Küste nicht mehr gemacht, sondern die Nüsse gehen in natura nach Sansibar und in großen Quantitäten von dort zur Verarbeitung nach Indien. Bereits 1890 ist von Fachleuten auf die Bedeutung dieser Kokosbestände und auf die leichte Möglichkeit, sie ungemein nutzbringend an Ort und Stelle zur Fabrikation des Kokosöls zu verwerten, aufmerksam gemacht worden. Man ist indes dem seiner Zeit in vollkommen umfassender Form vorgelegten Plane bislang von kapitalkräftiger Seite trotz des auf der Hand liegenden Vorteils noch nicht näher getreten.
Aehnlich steht es mit dem Anbau oder der Gewinnung von Erdnüssen und Sesam, Handelsartikeln, die auf dem Weltmarkt eine Rolle spielen.
Selbst die gewöhnlichen Negerbedürfnisse werden an den meisten Plätzen in lange nicht genügender Menge kultiviert und noch vielfach ist Einfuhr von Madagaskar und Indien nötig.
Die Kultur des Bodens und des Landes kann auf die mannigfachste Weise noch gefördert werden.
16. Kapitel.
Ostafrika unter Herrn von Soden.
Übernahme des Gouvernements. — Umwandlung der Schutztruppe. — Sodens erste Maßnahmen. — Starkes Beamtenpersonal. — Einteilung der Ressorts. — Einteilung der Küste in Bezirke. — Bezirkshauptleute und Stationschefs. — Verringerung des weißen Personals der Schutztruppe. — Verteilung der Truppe. — Doppelwirtschaft in der Unterstellung der Truppen unter Reichs-Marine-Amt und Auswärtiges Amt. — Einfall der Wahehe in Usagara. — Unterbrechung des Karawanen-Verkehrs. — Beschimpfung der deutschen Flagge im Innern. — Die Expedition des Kommandeurs von Zelewski und ihr Untergang. — Rückzug des Restes der Truppe. — Wirkung der Expedition auf die Wahehe; Wirkung an der Küste. — Verhandlungen des Gouverneurs durch Missionare mit den Wahehe gescheitert. — Die gefallenen Europäer und Farbigen in Uhehe noch unbeerdigt. — Schwierigkeiten auf afrikanischen Expeditionen; Sicherung auf denselben; afrikanisches Terrain. — Expedition des Verfassers durch Usegua, Nguru, Usagara wegen Unruhen der Wakuafi; Mitwirkung Bana Heris. — Expedition des Verfassers ins Mafitiland. — Rekognoszierungstour unter Lieutenant Prince nach Mpapua. — Erhebung der Wadigo bei Tanga. — Kämpfe am Kilimandscharo unter Dr. Peters. — Neuorganisation der Schutztruppe. — Der Gouverneur übernimmt das Kommando; der Verfasser als militärischer Beirat. — Ergänzung der Schutztruppe durch Wißmann in Egypten und durch von Perbandt in Massaua. — Korvetten-Kapitän Rüdiger wird Stellvertreter des Gouverneurs. — Rückkehr des Verfassers nach Deutschland. — Teilung der Schutztruppe in die eigentliche Schutztruppe und Polizeimacht. — Verteilung auf die Bezirksämter. — Beurteilung dieser Organisation. — Wirkungskreis der Stationen im Innern. — Prinzipien bei der Besetzung der Bezirksämter. — Die Bemühungen des Gouverneurs, Bagamoyo durch Daressalam zu ersetzen. — Die Postverbindung mit dem Innern. — Erlasse des Gouverneurs, Zolleinnahmen betreffend. — Verhältnis des Gouverneurs zu den Eingeborenen. — Berater des Gouverneurs. — Nachrichten vom Kilimandscharo.
Wir haben bereits erwähnt, daß während des Monats November 1890 der bisherige Gouverneur von Kamerun, Freiherr von Soden, sich in Sansibar und Ostafrika aufhielt, um sich über die dortigen Verhältnisse zu orientieren. Bei der Überleitung Deutsch-Ostafrikas in eine Kronkolonie war Major von Wißmann vom Reichskanzler nicht für den Gouverneursposten in Deutsch-Ostafrika in Aussicht genommen. Nachdem Soden Anfang Dezember von Sansibar wieder abgereist war, um in Deutschland die nötigen Vorbereitungen zu treffen und im Auswärtigen Amt seine Instruktionen entgegenzunehmen, ging er im März 1891 nach seiner Ernennung zum kaiserlichen Gouverneur (für die Dauer seiner Amtsthätigkeit mit dem Prädikat Excellenz) wiederum aus Berlin nach Ostafrika ab.
Nach seiner Ankunft besuchte er die Plätze Tanga, Bagamoyo und Daressalam; zu Bagamoyo fand die Übergabe durch den bisherigen kaiserlichen Reichskommissar statt. Bei der Neuordnung der Verhältnisse wurde durch Gesetz vom 22. März 1891 die Wißmann'sche Schutztruppe in eine kaiserliche umgewandelt, und zum Kommandeur derselben der bisherige Chef in der Schutztruppe Herr von Zelewski ernannt. Bezüglich der Verwendung der Schutztruppe in Ostafrika hatte der Gouverneur das Erforderliche zu bestimmen. Im Übrigen, auch im Civildienst waren die nötigen Organe ihm beigegeben worden.
Ursprünglich war beabsichtigt, für seinen Vertreter und sachkundigen Berater die Stellung eines Gouvernementsrates zu schaffen und diese dem früheren stellvertretenden Reichskommissar und Chef in der Schutztruppe Dr. Karl Wilhelm Schmidt zu übergeben. Es wäre dies sehr praktisch gewesen; die Ruhe und Besonnenheit des älteren, im Verwaltungsdienst des Auswärtigen Amtes erfahrenen Herrn von Soden hätte einen Anhalt an der Praxis und Sachkunde des durchaus objektiven, von Optimismus gänzlich freien und ebenfalls besonnenen und ruhigen Dr. Schmidt gefunden. Herr von Soden scheint sich jedoch mit allen Kräften dagegen gesträubt zu haben, einen wirklich an Ort und Stelle erfahrenen Herrn als Berater zu erhalten. Vielleicht besorgte er, dieser möchte zu viel Einfluß auf seine Amtsthätigkeit erlangen und am Ende das Heft gar selbst in die Hände bekommen. So setzte es denn Herr von Soden durch, daß die Stelle des Gouvernementsrates durch die eines Oberrichters ersetzt wurde, der das Richteramt zweiter Instanz im Schutzgebiet ausüben sollte. Diese Stelle wurde zunächst garnicht besetzt, und erst ein halbes Jahr später dem bisherigen Legationsrat im Auswärtigen Amt, Sonnenschein, der im Ausland früher als Kommissar der Marschalls-Inseln thätig gewesen war, übertragen. Da die Wahl wegen der mit diesem Amte verbundenen Funktionen auf einen Juristen fallen mußte und an Ort und Stelle erfahrene Juristen nicht vorhanden waren, kann die Wahl dieses ruhigen und unparteiischen Herrn nur als eine glückliche bezeichnet werden. Im Übrigen erhielt die Verwaltung der Finanzen einen Chef in dem bisherigen Intendantur-Assessor Dr. Kanzki, der zugleich Intendant der kaiserlichen Schutztruppe wurde. Seine Hauptstütze war der ihm unterstellte Land-Rentmeister, der ebenfalls an Ort und Stelle Erfahrungen nicht gesammelt hatte. Zu diesem Posten wurde zuerst ein früherer Marine-Zahlmeister, dann aber, da letzterer abgelöst werden mußte, ein früherer Post-Sekretair ausersehen. Dem letzteren war die in Ostafrika nötige Art der Verwaltung ebenso fremd wie dem Dr. Kanzki.
Obwohl daher am 1. April 1891 und in den folgenden Monaten in allen Zweigen der Verwaltung in Deutschland thätig gewesene Kassenbeamte nach Ostafrika hinausgeschickt wurden, und, wie wir bereits früher erwähnt, statt der paar Leute, die Wißmann für jene Verwaltungszwecke sich erst selbst hatte heranbilden müssen, ein wirklich umfangreiches Personal zur Verfügung stand, konnte doch die Verwaltung zunächst gar nicht recht in Gang kommen. Selbst heute, wo die Zahl der reinen Kassenbeamten und Schreiber ein viertel Hundert weit übersteigt, wird noch immer über Mangel an Bureaupersonal geklagt.