Der in einem früheren Kapitel erwähnte Zug des Chefs Ramsay ins Mukondogua-Thal und sein Abkommen mit den Wahehe hatte diese bewogen, Gesandte nach der Küste zu schicken, die einen endgültigen Frieden mit dem Gouverneur abschließen sollten. In Bagamoyo angekommen, wurde den Leuten, da gerade damals das ganze Expeditionskorps in Bagamoyo sich befand, ein Begriff von unserer Stärke beigebracht. Man gab sich der Hoffnung hin, daß die Wahehe auf ihren Raubzügen jetzt etwas vorsichtiger sein würden und jedenfalls die Karawanenstraße und Usagara nicht mehr beunruhigen, sondern sich auf Kriege mit den Wagogo, Massai und Warori beschränken würden. Die Wahehe heuchelten in jeder Beziehung Unterwürfigkeit und versprachen alles, was von ihnen verlangt wurde. Befremdlich war es jedoch, daß, nachdem die Gesandtschaft entlassen und in ihr Land zurückgekehrt war, sogleich wieder ein neuer Einfall nach Usagara gemacht und dieses wichtige Land aufs empfindlichste von den Räuberhorden beunruhigt wurde.
Der Verkehr auf der nach Bagamoyo führenden Straße war vollständig unterbrochen, unsere Schutzbefohlenen aus Usagara klagten ihre Not nach Bagamoyo, sie meldeten, daß die deutsche Flagge in den Dörfern, die sie geführt hätten, von den Wahehe herunter gerissen worden sei und daß dieselben unsere Behörden verhöhnt hätten. Ein Eingriff der Schutztruppe in dem bedrohten Gebiet war demnach selbstverständlich. Der dem Gouverneur oder vielmehr, da dieser neu nach Ostafrika gekommen war, seinen Beratern, — und das waren diesem Falle wir, die ältesten Offiziere, speziell der Verfasser als Bezirks-Hauptmann von Bagamoyo, — gemachte Vorwurf, daß die gegen die Wahehe ausgerüstete Strafexpedition leichtsinnig und überflüssig gewesen wäre, ist durchaus unverständlich.
Die Frechheit der Wahehe, welche über unsere Leichtgläubigkeit und die ihnen bewiesene Nachsicht nur spotteten, mußte bestraft werden, die Bewohner der blühenden Ortschaften im Mukondoguathal durften nicht in ihrem Vertrauen auf uns getäuscht werden, die Ruhe an der Karawanenstraße mußte hergestellt werden: das waren doch wohl vollwichtige Gründe, aus denen der Verfasser beim Gouverneur die Ausrüstung einer Expedition, die schleunigst von Bagamoyo in die bedrohte Gegend marschieren sollte, beantragte. Die Führung derselben wurde auf seinen Vorschlag vom Gouverneur ursprünglich dem Verfasser zugedacht; Nachrichten indes, welche aus Kilwa nach Daressalam drangen und besagten, daß dort die Mafiti wie alljährlich einen Einfall in das Hinterland von Kilwa gemacht hätten und bis ganz dicht an die Stadt vorgedrungen wären, machten zunächst ein Einschreiten um Kilwa notwendig, da hier die Küstenbevölkerung selbst bedroht schien.
So ging denn der Kommandant der Schutztruppe von Zelewski mit dem gesamten Expeditionskorps von 4 Kompagnien nach Kilwa, um nach Beseitigung der Mafiti-Gefahr im Einverständnis mit dem Gouverneur durch das Hinterland über den Rufidji nach Usagara zu marschieren. Der Verfasser hat sich zu jener Zeit in Daressalam dahin ausgesprochen, daß dieser Marsch ihm nicht empfehlenswert erschien. Ein Eingreifen des Expeditionskorps war allerdings zunächst bei Kilwa absolut notwendig. Indes nach Beseitigung der Gefahr von Kilwa wäre die Überführung der für die Wahehe-Expedition notwendigen Truppen durch Dampfer nach Bagamoyo richtig gewesen, von wo aus dann die Expedition in Eilmärschen auf der Karawanenstraße nach Mpapua hätte vorgehen können. In Mpapua lag die Möglichkeit vor, aus den Reihen der Wagogo und Massai, den Feinden der Wahehe, für uns sehr wertvolle Bundesgenossen zu erhalten, durch diese mehr gesichert, von Mpapua aus nach Süden in Uhehe einzudringen und hier nach Osten auf Kondoa herumzugreifen. Der Zweck eines Marsches durch das Hinterland von Kilwa erschien aus militärischen und politischen Gründen verfehlt. Die Schwierigkeiten, die sich der Verpflegung einer großen Truppe entgegenstellen mußten, die Notwendigkeit, daß man nicht zu unterschätzende, räuberische Stämme zu passieren hatte, die uns einerseits immer ausweichen, andererseits aber in ungünstiger Gegend, auf Lagerplätzen und beim Marsch leicht gefährlich werden konnten, sprachen zu laut dagegen. Im besten Falle war dieser Marsch eine gute Sports-, vielleicht auch eine geographische Leistung, aber einen bedeutenden Erfolg konnte er nicht haben. Die Absicht, nach Mpapua zu gehen und von hier aus die Expedition durch Verbündete aus den Reihen der genannten Stämme zu verstärken, hatte der Kommandant ebenfalls, aber er wollte von Kilwa aus nach Mpapua gelangen; der Gouverneur genehmigte trotz der zur Sprache gekommenen Bedenken diesen Plan.
Um Zeit zu sparen, war Zelewski gezwungen, nach der Ankunft am Jombofluss von dem Marsch nach Mpapua Abstand zu nehmen und die Expedition von diesem Flusse aus direkt nach Uhehe zu führen. Auf dem bisherigen Marsche waren die Mafiti nirgends angetroffen worden, sondern überall der marschierenden Truppe ausgewichen; bei Kilwa selbst fand man auch nur ein verlassenes Lager der Mafiti vor. Das Land der nördlichen Mahenge wurde passiert und mit diesen ein durchaus friedlicher Verkehr gepflogen. Aber auch da zeigte sich die Unzuverlässigkeit gerade dieser Stämme. Nachdem das Expeditionskorps kaum ihr Land verlassen hatte, benutzten sie die Gelegenheit zu einem Einfall nach Usaramo, in der Annahme, daß nun an der Küste nicht mehr genügend starke Kräfte vorhanden seien, um ihnen entgegenzutreten.
Nach der Überschreitung des Rufidji war eine Zulukompagnie vom Expeditionskorps nach Daressalam zurückgeschickt worden, um für etwa notwendige Unterstützungen hier zur Verfügung zu stehen, und wurde der Weitermarsch mit nur drei Kompagnien vorgenommen. Vom Jomboflusse aus ging es mehr südlich nach Uhehe hinein. Die Wahehe, die nirgends einen ernstlichen Widerstand leisteten, wurden überall vertrieben und ihnen, da sie eben allerorten zurückwichen, die einzig mögliche Strafe durch Niederbrennung ihrer Tembes (befestigte Ortschaften) und Plünderung ihres Eigentums zu Teil.
Am 17. August ereilte die Expedition ihr unglückliches Schicksal. Als die Kolonne in der Gegend von Lula das in Uhehe häufig sehr coupierte und stark bewachsene Terrain passierte, wurde sie in ihrer ganzen Länge gleichzeitig von den nach Tausenden zählenden Wahehe-Horden, die auf dem Marsche einen Hinterhalt gelegt hatten, plötzlich überfallen, und gleich im Anfang des sich entspinnenden Gefechtes die meisten Europäer der Truppe, an ihrer Spitze der Kommandeur, niedergemacht. Insgesamt bedeckten die Leichen von 10 Europäern, 250 farbigen Soldaten und etwa 100 Trägern das Schlachtfeld.
Es wurde gleich zuerst bekannt, daß auch die Wahehe ungeheure Verluste, wie sie solche bis dahin noch nie gehabt, erlitten hätten, doch wurde dies zuerst wenig geglaubt, weil die näheren Umstände, unter denen die Schutztruppe überfallen war, es höchst zweifelhaft erscheinen ließen. Indes scheint es doch nach den einstimmigen Angaben der Wahehe, als müsse man die Zahl der auf ihrer Seite Gefallenen auf annähernd 900 annehmen; dem Verfasser will auch heute noch die angegebene Zahl ganz unglaublich scheinen.
Die gefallenen Offiziere waren der Kommandeur von Zelewski, die Lieutenants von Zitzewitz, von Pirch, Arzt Dr. Buschow, die Unteroffiziere Herrich, von Tiedewitz, Schmidt, Tiedemann, Hemprich und Büchsenmacher Hengelhaupt: ein nicht nur durch die große Zahl der Gefallenen, sondern insbesondere durch den persönlichen Wert und die in Afrika erwiesene außerordentliche Tüchtigkeit der einzelnen außerordentlich schmerzlicher Verlust für die Truppe.
Von den verschiedensten Seiten ist behauptet worden, Kommandeur v. Zelewski trage die alleinige Schuld an dem Unglück, das ihn und seine Truppe betroffen; seiner nicht zu entschuldigenden Sorglosigkeit sei die Herbeiführung der Katastrophe zuzuschreiben. Es hat diese Beurteilung ihres Kommandeurs die Offiziere der Schutztruppe auf das schmerzlichste berührt, da gerade Herr v. Zelewski ein durch seine Umsicht und Vorsicht bekannter Offizier war. Bei den schwierigen Terrainverhältnissen der Landschaft Uhehe kann nicht der bei uns für Marschsicherung etc. geltende Maßstab auf die Expedition angelegt werden.