Das tiefe Eindringen der Expedition in die Landschaft Uhehe ist aus der Absicht des Expeditions-Führers zu erklären, die vorher auf der Expedition erlangten Vorteile über den räuberischen Stamm militärisch gründlich auszunutzen. Ob indes das vom rein militärischen Gesichtspunkt richtige weite Vordringen ins Innere auch politisch zweckmäßig war, bleibe dahingestellt. Zweifellos muß zugegeben werden, daß von Zelewski den Charakter der Mafitistämme, mit denen er früher nicht in Berührung gekommen war, nicht ganz erkannt hat. v. Zelewski war ausschließlich Soldat, das aber mit Leib und Seele, ebenso ein tüchtiger Organisator, als welcher er Wißmann speziell bei der Organisation der Truppe stets helfend zur Seite stand.
Die Reste der Expedition wurden durch den Lieutenant von Tettenborn, der auf dem Marsche die Arrieregarde kommandierte, und der beim Überfall selbst in das Gefecht nicht verwickelt wurde, zunächst nach Kondoa und von dort nach der Küste zurückgeführt. An Europäern waren der Katastrophe entgangen mit Herrn von Tettenborn Lieutenant v. Heydebreck, der im Gefecht selbst verwundet worden war, der Feldwebel Kay und der Unteroffizier Wutzer, dazu 64 farbige Soldaten, darunter die Offiziere Murgan Effendi und Gaber Effendi.
Da Herr von Heydebreck gleich anfangs durch einen erhaltenen Keulenschlag besinnungslos geworden war, fällt jenen beiden schwarzen Offizieren, — die übrigen Europäer hatten sich im eigentlichen Gefecht nicht befunden, — das Verdienst zu, mit den noch vorhandenen Truppen einen sehr energischen Widerstand geleistet zu haben. Von den Wahehe wird angegeben, daß gerade bei diesem Gefecht die Zulus sich ungemein schneidig benommen haben, die Gefallenen der Zulus hätten ihr Leben sehr teuer verkauft.
Leider verboten die Umstände dem ältesten Offizier der Expedition, Lieutenant von Tettenborn, bis in das Terrain, wo der Überfall stattgefunden hatte, mit dem intakten Rest der Truppe vorzudringen. Er mußte, um nicht Alles aufs Spiel zu setzen, sich auf die Besetzung einer Tembe vor der Unglücksstätte beschränken, wo er den angreifenden Wahehe erfolgreich Widerstand leistete, und die aus dem Überfall entkommenen Truppen um sich sammelte. Tettenborn übernahm alsdann die Leitung des Rückzugs nach der Küste, nachdem die Europäer und Soldaten hatten mitansehen müssen, wie die teuren gefallenen Kameraden unbestattet vor ihren Augen durch Anzünden des Grases verbrannt wurden. Die Geschütze — 2 Maxim-Guns und 1 4,7 cm Geschütz, — wie die Mehrzahl der Gewehre und Munition hatte man in den Händen der Gegner zurücklassen müssen.
Nach den zu uns gelangten Berichten haben die Wahehe, wie bereits erwähnt, bedeutende Verluste gehabt und ihre besten Krieger, auch einen Teil der Unterhäuptlinge, im Kampfe mit der Expedition verloren; von den letzteren soll außerdem der Oberhäuptling der Wahehe mehrere haben hinrichten lassen. Der Oberhäuptling befand sich nach der Katastrophe in steter Furcht vor einer Racheexpedition unsererseits und soll überhaupt den Überfall der Expedition, von dem er selbst keine Kenntnis gehabt haben will, nicht gebilligt haben.
Die Katastrophe wirkte auf die Soldaten der Schutztruppe ungemein demoralisierend und machte auch die Bewohner an der Küste übermütig. Die letzteren waren dem Gouverneur von Soden so wie so nicht wohlgesinnt: einmal wegen seiner Steuermaßregeln und dann, weil er der Bevölkerung, insbesondere den Großen derselben, nicht die ihnen sonst immer zu Teil werdende Beachtung schenkte und sich über die im Orient nun einmal üblichen Umgangsformen und Äußerlichkeiten hinwegsetzte; auf der andern Seite lavierte der Gouverneur mit den Eingeborenen häufig gerade an der unrechten Stelle.
Hätte nach der Katastrophe ein Rachezug mit der nötigen Macht, mit intakten oder nicht entmutigten Truppen gemacht werden können, wäre dies für uns außerordentlich günstig gewesen, aber leider war dies ausgeschlossen; es mußte erst eine Rekrutierung in der Truppe abgewartet werden.
Die Wahehe knüpften durch die Araber in Kondoa Friedensverhandlungen mit dem Gouverneur an und boten die Auslieferung der erbeuteten Kanonen, Gewehre und Munition an, sowie Zahlung einer Strafe in Elephantenzähnen und Rindvieh. Es wurde von einer Strafexpedition abgesehen; die Verhandlungen mit den Wahehe, bei welchen der Gouverneur durch den pater superior der Mission in Longa vertreten war, kamen aber nicht recht in den Gang, sodaß inzwischen einige der Mauser-Gewehre mit Munition von den Wahehe nach den verschiedensten Plätzen verkauft wurden und sogar bis auf den Markt nach Tabora kamen. Inzwischen schwoll den Arabern und Belutschen von Kondoa, die von jeher nicht gerade von der besten Sorte waren, der Kamm.
Der in Afrika wohlbewährte Lieutenant Prince, welcher zur Unterdrückung von etwa in Kondoa vorkommenden Unruhen daselbst mit einer Truppe von ca. 100 Mann sich befand, hatte mit dem Geologen Dr. Lieder, den er dort getroffen, die Absicht, auf die Einleitung von Friedensunterhandlungen von Seiten der Wahehe hin, nach dem Schauplatz der Zelewskischen Katastrophe abzumarschieren. Lieder hatte hinreichend Gelegenheit gehabt, die Mafitistämme im Norden wie im Süden kennen zu lernen; er wie Prince hatten das sehr richtige Gefühl, es müßten die Überreste der auf dem Kampfplatz gefallenen und verbrannten Europäer und Soldaten beerdigt werden. Sie verlangten daher von den Wahehe Stellung von Geißeln, damit sie mit ihrer Truppe die Aussicht hätten, sicher hin- und zurückzukommen, ebenso Stellung von Begleitmannschaften.
Die Herren wurden jedoch durch einen Befehl des Gouverneurs, der durch die Missionare zu verhandeln wünschte, an der Ausführung ihrer Absicht gehindert. Die Verhandlungen, welche der Gouverneur mit den Wahehe dann durch die Missionare angeknüpft hat, sind jetzt als gescheitert und wir als die Getäuschten zu betrachten. Es wird zwar angegeben, der Oberhäuptling der Wahehe wünsche ehrlich Frieden mit uns Deutschen zu halten, doch besteht das Faktum, daß er die geraubten Geschütze und Gewehre wie Munition zur Zeit noch nicht ausgeliefert hat. Es ist bei solchen Räuberstämmen, wie die Wahehe sind, überhaupt von vornherein falsch, zuviel auf Besprechungen und Betheuerungen zu geben. Die Grundlage, auf der die Herren Prince und Lieder verhandeln wollten, nämlich nach Stellung von Geißeln, war die einzig richtige. So aber ist unsere Würde bei den Verhandlungen nicht gewahrt worden, auch haben unsere braven Gefallenen in Uhehe noch kein christliches Grab erhalten!