Die »München«, welche eines Tages früh mit Wißmann und Schmelzkopf an Bord Sansibar verlassen hatte, konnte im Laufe des Tages wegen des hohen Seegangs den Hafen von Daressalam nicht mehr erreichen und war genötigt bei einer kleinen, der Rhede dieses Platzes vorgelagerten Insel Anker zu werfen. Wißmann ging mit einem Beamten der Ostafrikanischen Gesellschaft, Heinz, der nach Daressalam versetzt worden war, ans Land; doch nur mit Mühe gelang es ihnen, in dem kleinen schadhaften Boote bei dem schweren Seegange glücklich die Insel zu erreichen. Dadurch war jedoch, wie man von Bord aus erkennen konnte, das Boot so leck geworden, daß Wißmann an der Rückkehr verhindert war. Als diese auch bis zum nächsten Morgen nicht erfolgte und die an Bord gebliebenen Herren Besorgnisse zu hegen anfingen, machte Schmelzkopf, der ein vorzüglicher Schwimmer war, den Versuch, mit einigen Stärkungsmitteln in Flaschen und einem Päckchen kleiner Nägel zum Kalfatern des Bootes um den Hals, schwimmend ans Land zu kommen, um Wißmann Hilfe zu bringen. Er wurde noch einige Zeit vom Schiffe aus beobachtet, kam dann aber plötzlich außer Sicht. Wißmann und Heinz hatten inzwischen mit ihren eigenen Kleidungsstücken und den Lappen der Neger, so gut es eben gehen wollte, das Boot kalfatert und kamen mit Mühe und Not glücklich an Bord zurück. Schon vom Lande aus hatten sie die »München« hin- und herfahren sehen und geahnt, daß etwas vorgefallen sei. An Bord angekommen, erfuhren sie von dem Wagnis Schmelzkopfs, der zweifellos seiner kameradschaftlichen Opferwilligkeit zum Opfer gefallen war. Wahrscheinlich ist es, daß er entweder in den Fluten von einem Herzschlag getroffen oder von einem Hai, die ja in jenen Gewässern sehr zahlreich sind, in die Tiefe gezogen wurde. Nach zwei Stunden vergeblichen Suchens fuhr die »München«, die Flagge halb Mast, weiter nach Daressalam. Durch den Tod dieses allgemein beliebten Mannes, der nicht nur als stets hilfsbereiter Arzt, sondern auch gerade in seiner Eigenschaft als ältester Kamerad nächst Wißmann einen segensreichen Einfluß in der Truppe ausgeübt hatte, wurden wir alle in tiefe Trauer versetzt. Die bei den Fischern, welche mit ihren kleinen Böten jene Gegend befuhren, eingezogenen Erkundigungen blieben gänzlich resultatlos. Das ein Jahr später der Unglücksstelle gegenüber Dr. Schmelzkopf gesetzte Denkmal erzählt auch den Späteren, die ihn nicht gekannt, von der Berufstreue und Opferwilligkeit des ersten Chefarztes der Schutztruppe.

An seine Stelle trat Dr. Kohlstock[2], der nun allein mit gleicher Gewissenhaftigkeit die gesamte ärztliche Thätigkeit in seine Hand nahm, bis er später durch die Sendung dreier Militärärzte die nötige Unterstützung erhielt. Obwohl die Ärzte zu jener Zeit durch ihren Beruf schon mehr als genug in Anspruch genommen waren, mußten sie doch bei dem großen Mangel an Europäern, wie erwähnt, noch Dienste als Offiziere verrichten. Schmelzkopf, Kohlstock, Stabsarzt Dr. Becker, Dr. Gärtner und Dr. Brehme haben alle neben ihrer Thätigkeit als Ärzte Truppen gedrillt, ja sogar teilweise die Führung von Kompagnien übernommen und auch an den Gefechten in anerkennenswerter Weise Anteil genommen. Heutigen Tages ist die Zahl der Ärzte sowohl wie der Abgesandten des deutschen Frauenvereins stark vermehrt worden. Wir können dem Frauenverein für seine Opferwilligkeit nicht dankbar genug sein.

Im Voraus sei erwähnt, daß, um die Schwierigkeiten des Transportes zu vermeiden, später zu den Hospitälern in Sansibar und Bagamoyo noch ein drittes in Pangani gefügt werden mußte. Während nach der wegen schwerer Malaria nothwendig gewordenen Heimreise des Dr. Kohlstock der Stabsarzt Dr. Becker in Sansibar selbst als Chefarzt fungierte und von hier aus die beiden andern Hospitäler oder sonstige auf den Stationen befindliche Krankenhäuser besuchte, unterstand das Hospital in Bagamoyo während des Feldzuges im Norden dem Dr. Brehme und das Hospital in Pangani dem Dr. Gärtner.

Die Gestaltung der Truppe hatte während der ersten Monate des Kommissariats eine durchgreifende Veränderung erfahren und bot sie jetzt einen ganz andern militärischen Anblick als zuvor. Bei der außerordentlichen Kürze der Zeit, welche dem Reichskommissar in Berlin und Kairo zur Verfügung gestanden hatte, war es ganz unmöglich gewesen, die Truppen in geeigneter Weise einzukleiden und einzuexerzieren. Bei der Ankunft in Sansibar und während der ersten Gefechte um Bagamoyo trugen die Truppen die fabelhaftesten, aus Kairo mitgebrachten Kostüme. Es sah nichts weniger als kriegerisch aus, wenn der eine im Kaftan, ein andrer im Araberhemd, wieder ein andrer mit Resten ehemaliger europäischer Kleidung behängt Frontdienste that. Aber die Not zwang zu schnellem Vorgehen und ließ uns alle anderen Rücksichten außer Acht setzen. Es ist ja auch das außerordentlich schnelle Eingreifen einer erheblichen deutschen Macht sowohl auf Eingeborene wie auf Araber und Inder von durchschlagender Wirkung gewesen.

Bereits früher ist kurz auf die erste Ausbildung der Sudanesen in Kairo und Aden hingewiesen worden. Während in der ersten Zeit die egyptischen Kommandos gebraucht und infolgedessen die direkten Befehle durch die farbigen Offiziere den Truppen übermittelt wurden, stellte sich bald die Notwendigkeit heraus, das deutsche Kommando allgemein durchzuführen, weil ja selbstverständlich dadurch die Wirkung des Führers auf die Truppe ungleich gesteigert und dieselbe eher zu einem direkten Werkzeug des Führers gemacht wurde. Während ferner anfänglich lediglich Gewicht auf den Gefechtsdienst gelegt ward und eigentlich den ersten Truppen weiter nichts beigebracht worden war, als das Draufgehen im Sturmschritt, trat jetzt, als etwas größere Ruhe sich einstellte, eine wesentliche Ausdehnung des Dienstes ein. Es wurden die Truppen erst zu solchen gemacht. Als Uniform war für die Sudanesen im großen und ganzen die egyptische beibehalten worden: ein Anzug aus sogenanntem Kaki, einer sandfarbenen Leinewand, welche mit großer Haltbarkeit den Vorteil vereinigte, daß sie nicht so leicht unansehnlich wurde. Der Form nach bestand und besteht der Anzug auch heute noch in einer Art Jaquet mit Achselklappen ohne besonderes Abzeichen auf denselben, einer bis zur halben Wade reichenden Hose, welche später nach unserem militärischen Schnitt umgeformt worden ist, einer Beinbinde aus dunkelblauem dünnen Stoff, welche vom Fuß an aufwärts bis zum Knie in eng übereinander liegenden Touren spiralförmig gewickelt wurde und derben Lederschuhen. Die letzteren waren in Deutschland angefertigt worden, doch zeigte sich leider bei der ganzen ersten Sendung, daß die deutschen Schuhmacher keineswegs mit Negerfüßen zu rechnen verstanden. Die Schuhe waren alle viel zu klein und in der Form des Schnittes durchaus ungeeignet. Erst später konnte hier Abhilfe geschaffen werden. Zur Kopfbedeckung wurde ursprünglich der leichten Beschaffung wegen der Fez gewählt, doch wurde derselbe später durch den ungleich kleidsameren und praktischeren Turban ersetzt.

Die Bewaffnung bildete bei den schwarzen Truppen durchgängig das Mausergewehr Konstruktion 71, ein Infanterie-Seitengewehr[3] und zwei vordere und eine hintere Patronentasche. Außerdem führte jeder Soldat als Gepäck einen Tornister aus braunem Segeltuch, ebenso Brotbeutel und eine dünne Decke, welche, mantelähnlich znsammengerollt, auf der Brust getragen wurde.

Die Schutztruppe, welche ursprünglich in Kompagnien eingeteilt war, verteilte sich teils auf die einzelnen Stationen als ständige Besatzung, teils bildete sie ein je nach Bedürfnis und Stärke wechselndes, zuweilen aus den Besatzungen heraus ergänztes Expeditionskorps, so daß von eigentlichen Kompagnieverbänden nicht recht die Rede sein konnte. Besondere Schwierigkeiten bei der Rangierung der einzelnen Glieder unter die Vorgesetzten machten und machen auch heut noch die schwarzen Chargen. Es giebt deren bei den Sudanesenkompagnien mehr als zehn. Sie lassen sich schwer rücksichtlich ihres eigentlichen Dienstbereichs klassifizieren. Der Verfasser hat später eine feste Einteilung der schwarzen Chargen in den ihm unterstehenden Kompagnien vorgenommen. Doch blieb dieser Versuch durch den fortwährenden, durch die Notwendigkeit bedingten Wechsel der Offiziere resultatlos: die Schwarzen rückten immer wieder in ihre zum Teil nur eingebildeten Rechte ein. Im großen und ganzen kann man bei den Sudanesentruppen folgende Chargen unterscheiden: Die unterste Charge bilden die Ombaschi, Gefreite, welche nach egyptischem Brauch als Schließende hinter der Front aufgestellt sind, bei uns jedoch wegen ihrer großen Anzahl in Reih und Glied mit eintreten mußten. Beim Arbeitsdienst indes dienten sie als Aufseher, beim Wachtdienst, in welchem wir es für praktisch befunden haben, die egyptischen Formen in den meisten Punkten beizubehalten, wurde der Ombaschi nur als aufführender Gefreiter verwandt. Die nächsten Chargen bilden die Schausche, Unteroffiziere, die im innern Dienst Korporalschaftsführer sind. Es folgen dann die Betschausche, Sergeanten, von denen der Regel nach jedem Zuge je einer zugeteilt ist. Den Dienst als Zugführer — die Kompagnie soll in der Regel in 3 Züge eingeteilt werden — versehen im inneren Dienst die farbigen Offiziere resp. Sols, welche letzteren nur im Feldwebelrang stehen. Der Grund, daß dieselben Funktionen von verschiedenen Chargen ausgeführt wurden, lag darin, daß nach egyptischem Brauch entweder nur durch ihre Erziehung wissenschaftlich vorgebildete Leute, welche die egyptischen militärischen Institute besucht hatten, zu Offizieren befördert wurden, oder auch solche, welche durch eine langjährige Dienstzeit oder durch besondere Auszeichnung sich ein Anrecht auf die Beförderung zum Offizier erworben hatten.

Von uns wurde dahin gestrebt, die Zahl der farbigen Offiziere auf einen zu reduzieren, da der Exerzierdienst, wenn nicht die Leistungsfähigkeit der Kompagnie darunter leiden soll, entschieden durch Europäer versehen werden muß. Dieser eine war besonders als Vertrauens- und Mittelsperson zwischen dem Kompagnieführer und den farbigen Soldaten von Wichtigkeit.

Die Chargen-Abzeichen bestanden bei den Unteroffizieren in nach oben geöffneten Tuchwinkeln auf dem linken Oberarm, von denen der Ombaschi einen, der Schausch zwei, der Betschausch drei und der Sol vier trug.

Schließlich ist auch noch das Amt des Bullogamin (Kompagnieschreiber) zu erwähnen, obgleich wir absichtlich diese Stellung, so weit es möglich war, eingehen ließen. Die Inhaber derselben waren meist so faul, daß sie öfters nach Egypten zurückgeschickt werden mußten. Die schriftlichen Geschäfte der Kompagnie wurden natürlich von den deutschen Offizieren resp. Unteroffizieren übernommen. Der Bullogamin gehörte im übrigen zur Charge der Betschausche. Die hohe egyptische Charge des Wekil-Ombaschi, des stellvertretenden Gefreiten, ist, da sie von uns abgeschafft wurde, bei dieser Chargenaufzählung nicht berücksichtigt.