6. Kapitel.
Wißmanns Expedition nach Mpapua.
Buschiris Rückzug nach dem Innern. — Sein Angriff auf die Station Mpapua der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. — Die Station wird von den Beamten aufgegeben. — Zusammensetzung des Expeditionskorps Wißmanns. — Mitnahme einer Waniamuesi-Karawane. — Teilung der Expedition. — Marsch des Verfassers auf der großen Karawanenstraße. — Kämpfe Wißmanns gegen die vereinigten Bagamoyo-Jumbes bei Pangiri. — Wiedervereinigung der beiden Korps in Msua. — Verhalten der Bevölkerung gegenüber der Expedition. — Wißmanns Verhandlungen mit der Bevölkerung. — Der Häuptling Kingo von Morogro. — Marschtempo und Lageranlage. — Gefecht des Verfassers gegen die Bagamoyo-Jumbes bei Somwi und Zersprengung der Rebellen. — Friedlicher Marsch bis Mpapua. — Wahehe und Massai. — Ankunft in Mpapua. — Stationsbau daselbst. — Verhandlungen mit dem Häuptling Kipangiro. — Wißmanns Abmarsch zur Küste.
Wenden wir uns nun wieder zu Buschiri. Dieser hatte sich nach seinen Niederlagen bei Bagamoyo in der ersten Hälfte des Mai ins Innere begeben, um den einzigen Platz, welchen die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft noch dort besaß, Mpapua, in seine Gewalt zu bringen.
Jene Gegend war bis dahin so ziemlich vom Aufstande verschont geblieben und nur die Kunde davon von der Küste zu den Beamten der Gesellschaft gedrungen. Von Seiten der Gesellschaftsvertretung war dem Stationschef von Mpapua, Lieutenant Giese und dem dortigen Beamten Nielsen der Rat erteilt worden, den Versuch zu machen, auf dem Wege durch das Massai-Land nach der Küste zu dringen.
Die Herren arbeiteten indes weiter an dem Ausbau der Station, allerdings in recht unpraktischer Weise, wie sich später zeigte, und glaubten sich in jener, wie gesagt, bis dahin ruhigen Gegend halten zu können, bis von der Küste Hilfe käme; um so mehr, als sie eine ganze Anzahl Suaheli-Askaris angeworben und ausgebildet hatten.
Als nun Nachrichten über einen Anschlag Buschiris nach Mpapua gelangten, versäumten sowohl Giese, teils weil er diesen Gerüchten nicht recht glaubte, teils auch, weil er am Fieber und Dyssenterie schwer darniederlag, wie auch Nielsen, die nötigen Vorsichtsmaßregeln zu treffen. So gelang es denn einem Teil der Leute Buschiris bei Nacht sich in die Station einzuschleichen. Nielsen wurde ermordet, Giese, der im Schlafe von den Aufständischen überrascht wurde, griff zwar zum Gewehr, als dieses jedoch versagte, sprang er zum Fenster hinaus und kam im Nachtgewande, alles verloren glaubend, zu einem ihm ergebenen Häuptlinge. Die Station war aber gar nicht verloren, auch waren die Suaheli-Askari nicht entflohen, sondern hatten so tapferen Widerstand geleistet, daß die Rebellen wieder von Mpapua abzogen.
Die Leute Gieses verblieben noch einige Zeit daselbst, zerstreuten sich aber, als ihr Führer nicht zu ihnen zurückkehrte. Einige von ihnen fanden sich zu Giese, der bald von seiner Krankheit soweit hergestellt war, daß er in Begleitung zweier Soldaten auf dem von seinen Askaris Buschiri abgenommenen Esel in Nachtmärschen nach der Küste reisen konnte. Buschiri kehrte, als der Ort schon von Soldaten ganz verlassen war, noch einmal dahin zurück und zerstörte und plünderte die Station, wie auch die Gebäude und die Kirche der englischen Mission zu Mpapua; die 2-1/2 Stunden entfernte englische Missionsstation Kisogue blieb verschont.
Das auf der Station befindliche 4,7 cm Geschütz hatte der Wagogo-Häuptling Kipangiro vor dem Rebellenführer gerettet und mit der dazu gehörigen Munition in seine Tembe (befestigte Niederlassung) geschafft, um es später den Deutschen auszuliefern.
So stellt sich die Sache dar nach den übereinstimmenden Aussagen der Soldaten der Besatzung und der englischen Missionare von Kisogue. Der Bericht Gieses widerspricht dem in einigen Punkten, indes ist es wahrscheinlich, daß der durch seine Krankheit schwer Mitgenommene den Vorgang nicht so klar überschaut hat, wie er es bei vollkommener Gesundheit gethan hätte. Zweierlei steht jedenfalls unleugbar fest, daß Vorsichtsmaßregeln so gut wie gar nicht getroffen waren, und daß die Besatzung, obwohl ihr Führer alles verloren glaubte, noch einige Tage nach dem Abzug Buschiris sich in Mpapua gehalten hat.
Die über die Vorfälle in Mpapua an die Küste gedrungenen Gerüchte, welche durch den persönlichen Bericht des Lieutenants Giese teils bestätigt, teils erweitert wurden, sowie die Nachricht, daß Buschiri unter den Wahehe und Mafiti Anwerbungen mache, um gegen uns zu ziehen, veranlaßten den Reichskommissar nunmehr eine Expedition nach dem Innern vorzubereiten. Lag doch die Gefahr vor, daß Buschiri jetzt, wo die deutschen Interessen im Innern nicht mehr genügend geschützt werden konnten, gegen die Stationen der englischen und französischen Mission vorgehen und die große Karawanenstraße weiterhin beunruhigen werde.