Bei Mbuyuni angekommen, ging ich zunächst mit einigen meiner Leute in das von einer schwachen Boma umgebene Dorf, das ich ziemlich verlassen fand. Ich schickte in das Haus des Muene, wie die Wadoë-Häuptlinge genannt werden, und ließ ihn zu mir rufen. Er erschien auch sofort mit einem kleinen Gefolge, hinter sich einen Diener, der ein Leopardenfell und einen mit ebensolchem Fell überzogenen Sessel trug, — beides nebst einer kunstvoll geschnitzten Axt, welche der Muene immer mit sich führt, die von ihm unzertrennlichen Zeichen seiner Würde. Als der Diener den Sessel hingestellt und das Fell davor gebreitet, nahm der Muene selbst darauf Platz und ließ den Verfasser vor sich stehen. Es wurde ihm bedeutet, daß dies bei uns nicht Sitte sei, und er ließ auch sofort eine Kitanda (Negerbettstelle) herbei bringen, auf welche wir uns einträchtig neben einander setzten.
Aus der Unterredung gewann ich bald die Ueberzeugung, daß besagter Häuptling ein gutmütiger Mann sei, und daß ihm wie seinen Leuten daran lag, mit uns in Frieden zu leben. Wir erfuhren später, daß kurz vor meinem Besuche die Wadoë bei einem Zauberer angefragt hatten, ob sie den Krieg fortsetzen und auf Seiten Buschiris bleiben sollten oder nicht, und von diesem den Rat erhalten hatten, vom Kampfe abzulassen und sich offen auf unsere Seite zu stellen. So geschah es denn auch in Mbuyuni, wie in den andern Wadoë-Dörfern, welche wir durchzogen. Der Muene von Mbuyuni hat sogar einige Wochen später Anhänger Buschiris, welche jene Gegend passierten, gefangen genommen und Herrn von Gravenreuth nach Bagamoyo zugeschickt.
Ich machte zwei Rasttage, um die weit zerstreute Waniamuesi-Karawane wieder vollzählig beisammen zu haben. Von den Eingeborenen kehrten die meisten, auch die Weiber und Kinder bald wieder aus ihren Verstecken zurück, als sie sahen, daß wir nichts Arges gegen sie im Schilde führten, und nicht duldeten, daß ihr Hab und Gut irgendwie von unseren Soldaten oder den Leuten der Karawane angetastet würde, ja daß sogar die Diebstähle, welche die Waniamuesi nicht lassen konnten, streng bestraft wurden. Es bestand bald das beste Einvernehmen, und ein gemütlicher Verkehr zwischen uns und den Eingeborenen entfaltete sich.
Die Wadoë sind ursprünglich reguläre Kannibalen. Sogar noch im vorigen Jahrzehnt waren die Fälle, daß Leute geschlachtet und verzehrt wurden, gar nicht so selten und bei feierlichen Gelegenheiten, Thronwechsel und dergl. fehlte der Leckerbissen des Menschenfleisches nicht, trotz der großen Nähe der Küste und der Lage von Mbuyuni an der Karawanenstraße.
Bei der Karawane des Verfassers wurden eine Anzahl Brieftauben mitgeführt, um festzustellen, auf welche Entfernung dieselben zur Verbindung des Innern mit Bagamoyo verwandt werden könnten, wo sie einige Monate lang gefüttert worden waren. In Mbuyuni wurden zum großen Gaudium der Einwohner zwei Brieftauben mit der in den Kiel eingeführten und an einer Schwanzfeder angenähten Depesche aufgelassen. Sie stiegen zunächst hoch in die Luft empor, offenbar um Umschau zu halten und das Meer ist ihnen wahrscheinlich der beste Wegweiser über die einzuschlagende Richtung gewesen. Sie sind, wie auch alle andern, die in den nächsten Tagen bei Msua abgeschickt wurden, richtig in Bagamoyo eingetroffen. Verfasser war dafür, ein Paar Exemplare mit bis Mpapua zu nehmen und zu versuchen, ob sie auch von dort aus unsere Nachrichten bis an die Küste bringen würden. Es wäre dies später von großem Interesse gewesen, wenn die Kunde von der Ankunft Stanleys und Emin Paschas in Mpapua in kurzer Zeit hätte nach der Küste übermittelt werden können, um von da aus per Draht nach Europa befördert zu werden. Allein dies unterblieb, weil von Msua nur das absolut Notwendige weiter mitgenommen werden sollte.
In den nächsten Tagen wurde Mbiki, ebenfalls ein Wadoë-Dorf, passiert, und zwei Tage später Msua erreicht. Von dort aus hatte mir der Kommandant schon die Nachricht seiner Ankunft gesandt. Nach dem Zusammentreffen setzte nun die gesamte Expedition unter der Führung des Reichskommissars ihren Weg fort, wobei es allerdings vorkam, daß die Waniamuesi-Karawane, welche so schnell nicht folgen konnte und mochte, mitunter ein auch mehrere Tage zurückblieb.
Bei diesem Marsche benutzten die Europäer, soweit es angängig war, Reittiere, und zwar Esel oder Maultiere. Die Versuche, Ochsen als Reittiere zu benutzen, wie dies in Westafrika geschieht, mißlangen. Die Tiere waren nicht kräftig genug, um den Anstrengungen unserer Märsche gewachsen zu sein, krepierten teilweise unterwegs, oder waren, wenn sie noch bis zur Küste gelangten, derartig entkräftet, daß sie dem Fieber erlagen, während die westafrikanischen Stiere meist aushalten; hat doch Wißmann den größten Teil seiner Reisen in Westafrika auf einem Reitochsen gemacht.
Beiläufig bemerkt, ist es eine in Ostafrika allgemein gemachte Erfahrung, daß Menschen (Fremde und Eingeborene) wie auch Tiere nach den Anstrengungen großer Expeditionen am Fieber erkranken, — ferner aber, daß bestehende Fieber durch Ortsveränderung verschwinden.
Bevor Wißmann nach Msua kam, hatte er in Pangiri die vereinigten Jumbes von Bagamoyo geschlagen und große Vorräte an Proviant erbeutet, von denen ein Teil der Expedition zu gute kam. Der Rest, der von den Soldaten und Trägern nicht verzehrt oder mitgenommen werden konnte, wurde wie das Rebellenlager selbst verbrannt.
Es sei gleich hier erwähnt, daß inzwischen Gravenreuth an der Küste aus den Besatzungen von Bagamoyo und Daressalam eine Abteilung zusammengezogen hatte, um mit ihr zur Züchtigung der Sklavenräuber in Bueni und Kondutschi auszuziehen. Er hatte Bueni, einen Platz, an dem immer viel Schmuggel getrieben worden war, besetzt und dort einen Offizier als Stationschef zurückgelassen. Die Besetzung Buenis und der Erfolg in Pangiri wirkten zusammen vorteilhaft für unser Ansehen an der Küste.