Da im Innern die meisten Ortschaften, mehr oder minder dem Zwange der Verhältnisse folgend, am Aufstande beteiligt waren, wurde die Wißmannsche Expedition zunächst überall mit Furcht und Mißtrauen empfangen; so in Msua, wo die Weiber und Kinder geflüchtet waren und die Männer bewaffnet im Dorfe uns erwarteten. Sie wurden davon verständigt, daß es dem Reichskommissar fern liege, an allen, welchen eine Teilnahme am Aufstande zugeschrieben werden konnte, Rache zu nehmen. So ist es ihm an der Karawanenstraße, wo es besonders darauf ankam, möglichst schnell Sicherheit und Ordnung herzustellen, gelungen, die Häuptlinge und Eingeborenen für sich zu gewinnen. Wie überall, so meldete sich auch in Msua bald der Jumbe Simba mit seinen Leuten, brachte Geschenke und erbat friedlichen Verkehr. Von Msua aus ließ der Reichskommissar seine Ankunft in den an den nächsten Tagen zu passierenden Ortschaften immer vorher ankündigen und den Eingeborenen anheimgeben, ihm bereits auf dem Wege Gesandte entgegenzuschicken, und eine friedliche Verständigung zu suchen. In allen Dörfern hielt Wißmann dann Schauri ab (Gerichtsverhandlung), worin er erklärte, daß er es nur mit Buschiri, dem Anstifter des Aufstandes zu thun habe, der auch jetzt noch keinen Frieden wolle, sondern den Krieg gegen uns fortsetze. Er werde daher auch fortfahren Buschiri zu bekämpfen und überall hin zu verfolgen; ihn und seinen Anhang irgendwie zu unterstützen, verbiete er den Eingeborenen, wenn sie ein Einschreiten seinerseits und eine strenge Bestrafung an ihrem Hab und Gut vermeiden wollten. Er versprach zugleich, gegen die Räuber und Sklavenfänger strengstens vorzugehen und aufs angelegentlichste für die Herstellung von Ruhe und Ordnung an der Straße Sorge zu tragen. Solche Reden Wißmanns verfehlten nirgends ihren Eindruck. Alle Dörfer erbaten sich Schutzbriefe und eine deutsche Flagge, die sie freilich in der ersten Zeit noch etwas schüchtern aufzogen, da sie es doch noch immer für angezeigt hielten, sich nicht ganz offen in den Augen des uns feindlichen Teils der Araber, Belutschen und Mrima-Leute als Freunde der Deutschen zu bekennen. Konnten sie doch immer noch annehmen, daß die Rebellenpartei gelegentlich einmal die Oberhand gewinnen würde. Indes die zunehmenden Erfolge Wißmanns und Gravenreuths und die späteren Siege über Buschiri bewogen sie bald, ganz offen für uns Farbe zu bekennen.

Von Msua ging es weiter über Kisemo, Gerengere nach Simbamueno, einem Dorfe in der Ebene, welche sich am Fuße der Ukamiberge südlich vom Nguru-Gebirge hinzieht und östlich in die Makata-Ebene übergeht. Am Abhange der Ukamiberge, etwa 1-1/2 Stunde von Simbamueno und eine Stunde von der westlich dieses Dorfes gelegenen Ortschaft Morogro ist von der französischen Mission eine Station angelegt, die in der Regel ebenfalls Morogro genannt wird. Dieselbe hatte in der letzten Zeit die gesamten Missionare der Missionsgesellschaft vom heiligen Geist, aus Longa, Mhonda und Tubugue beherbergt. Es schien auf diesen Stationen nicht mehr genügende Sicherheit vor Buschiri vorhanden zu sein, obgleich er die Bagamoyo-Missionare stets als neutral behandelt hatte. In Morogro selbst hatte die Mission den Schutz des mächtigen Häuptlings Kingo angerufen, der als Herrscher von Morogro bis an die Grenze von Usagara anerkannt war, ein wohlbefestigtes und leicht zu verteidigendes Dorf zum Sitz hatte und sich der französischen Mission, von der er viele Wohlthaten empfangen, stets gut gesinnt erwiesen. Von Morogro aus schickte Wißmann einen Boten mit Nachrichten über die Vorgänge an der Küste und seine Absichten zu den Missionaren, und erhielt auch von diesen einen Brief zurück. Da aber darin genauere Angaben über Kingo fehlten, Kingo selbst weder erschien, noch Gesandte schickte, auch die für die große Karawane so notwendigen Lebensmittel aus Morogro und Simbamueno, wo Kingos ältere Schwester, gleichfalls Simbamuene genannt, herrschte, nicht zum Verkauf gebracht wurden, so hatten wir Grund anzunehmen, daß es mit der guten Gesinnung des Häuptlings doch so weit nicht her sein könne. So wurde denn den Eingeborenen mitgeteilt, daß am nächsten Tage ein Besuch Kingos erwartet werde und schleunigst ausreichende Lebensmittel gebracht werden sollten, wenn sie eine für sie unangenehme gewaltsame Requisition vermeiden wollten.

Am nächsten Morgen schickte mich der Reichskommissar mit Lieutenant Böhlau auf die Mission, um genauere Nachrichten über die dortigen Verhältnisse einzuziehen, die Missionare zu uns ins Lager einzuladen und sie, falls sie Einfluß auf Kingo hätten, zu bewegen, denselben in vermittelnder Weise zur Geltung zu bringen.

Der Vorsteher der Mission, Pater Mevel, ein Franzose, empfing uns auf das liebenswürdigste; bei ihm befand sich Pater Horner, ein Nassauer, der vorher an der Westküste zwei Jahre thätig gewesen war. Verfasser erfuhr von ihnen, daß Kingos Verhalten ein durchaus friedliches gewesen war, daß er sogar ein persönlicher Feind Buschiris sei und diesem sowohl wie den von Pangiri geflüchteten Jumbes von Bagamoyo die Aufnahme in seinem Dorfe verweigert habe. Er hatte die letzteren hierdurch gezwungen, von der Karawanenstraße nach Süden abzubiegen; die Missionare habe er entschieden in Schutz genommen und ein Vorgehen Buschiris gegen sie verhindert, welcher des Lösegeldes wegen sie gern in seine Gewalt gebracht hätte. Daß Kingo sich den Deutschen noch nicht genähert habe, sei auf eine gewisse den Negern überhaupt eigentümliche Ängstlichkeit zurückzuführen.

Die von den Missionaren an den Häuptling gesandten Boten bewogen diesen auch sofort, sich mit Geschenken zu uns ins Lager zu begeben und seine Unterthanen zum Verkaufe reichlicher Lebensmittel zu veranlassen. Am Nachmittag desselben Tages begab sich Verfasser auch zur Simbamuene, einer bereits ältlichen Dame mit ergrautem Haar und erreichte hier den gleichen Erfolg. Tags darauf verlegte Wißmann das Lager von Simbamueno in die Nähe des Kingoschen Dorfes.

Es sei bei dieser Gelegenheit erwähnt, daß wir die Lager immer in einer dem Gelände angepaßten Form, meist im Viereck oder im Kreise errichteten und mit einer schirmartigen schrägen Umzäunung aus Matama oder Maisstengeln oder irgendwelchem Gestrüpp oder Gras, je nachdem es die Gegend ermöglichte, umgaben. Die Soldaten hatten auf diese Weise Schutz gegen die gröbsten Unbilden des Wetters und das Innere des Lagers war zum Teil dem Einblick von außen entzogen. Bei einem Überfalle hatten die Truppen weiter nichts zu thun, als sich jeder an dem angewiesenen Platze auf die Erde zu werfen, die Gewehre aus der Einfassung herauszustecken und den Befehl zum Feuern abzuwarten. Im Innern der Lager erhoben sich eine Anzahl Zelte für je zwei, drei und vier Europäer. Vor dem Zelte Wißmanns wurde in der Regel das Maxim-Gun und das 4,7 cm Geschütz aufgestellt, welches stets sofort nach dem Beziehen des Lagers zum Gefecht klar gemacht wurde. Alsdann wurden Innen- und Außenposten aufgestellt.

Über die Art und Weise unseres Marsches ist folgendes zu erwähnen. Wenn eine besondere Eile nicht erforderlich schien, wurde des Vormittags und auch noch einen Teil des Nachmittags marschiert, bis der für den Tag bestimmte Lagerplatz erreicht war, die Expedition hatte dann noch hinreichend Zeit, sich vor Eintritt der Dunkelheit ordnungsgemäß und bequem einzurichten.

Das war natürlich nicht möglich, wenn es galt schnell vorwärts zu kommen. Dann wurde in den weniger heißen Stunden des Vormittags marschiert und nach einer Mittagsrast der Marsch den späteren Nachmittag hindurch fortgesetzt. Wenn es der Zweck erforderte, wenn zum Beispiel die Absicht vorlag, irgendwo überraschend anzutreten, sind von der Schutztruppe öfters auch sehr bedeutende Eilmärsche, Tag und Nacht hindurch, ausgeführt worden. —

Wie erwähnt, führte das Schauri in Simbamueno, das dann später in Morogro fortgesetzt wurde, zu einem für beide Teile befriedigenden Resultate. Kingo erklärte sich ganz offen für uns und umgekehrt wurde ihm von Wißmann seine Herrschaft bis nach Usagara, — selbstredend unter deutscher Oberhoheit, — bestätigt. Auch wurde sein Einfluß bei allen Schauris mit den Eingeborenen der nächsten Dörfer, auf denen sich der Reichskommissar als Freund Kingos erklärte, in jeder Weise gehoben. Es war dies für uns ein großer Vorteil, da wir bei unsern verhältnismäßig geringen Mitteln in Ostafrika nicht überall selbst sein und herrschen können. Oft sind wir auf die gute Gesinnung der eingeborenen Häuptlinge angewiesen und sind durch diese viel leichter und ohne Mißstimmung zu erregen in der Lage, unsere eigene Herrschaft auszubreiten und humanitäre Zwecke zu erreichen. Außerdem wurde Kingo ein Monatsgehalt ausgesetzt und ihm außer andern Geschenken seinem Wunsche gemäß die deutsche Fahne übergeben. Von der Küste wurden ihm später zur Verteidigung seines Dorfes zwei Böller übersandt, mit denen allerdings nicht viel Unheil anzustiften ist, die aber immerhin auf die feindlichen Eingeborenen ihre moralische Wirkung nicht verfehlen.

Kingo gab unserer Expedition bis nach Usagara seinen Bruder Kibana mit, welcher Wißmann durch seine Beziehungen zu den Eingeborenen gute Dienste leistete und ihm seine Absicht erleichterte, die Eingeborenen an der Straße für sich zu gewinnen.