Über Kirassa, den Kidete-Fluß, Dambi und Tubugue führte sodann der Weg nach Mpapua. Bei Kirassa verließen wir Usagara und das fruchtbare Mukondogua-Thal. Der Weg führte von nun an durch ein recht coupiertes und schwieriges Terrain, planlos Berg auf und Berg ab, während er sehr gut, durch eine Schlucht weiter südlich, sanft aufsteigend nach Mpapua hätte angelegt werden können. Hier war früher auch eine Straße gewesen, die jedoch, um den Negerausdruck zu gebrauchen, im Laufe der Zeit gestorben, d. h. mit Gestrüpp überwachsen war. Die Karawanen hatten sie aus Furcht vor den Wahehe, welche dieses Gebiet unsicher machten, aufgegeben. Einen Teil des Dorfkomplexes von Kirassa, der im Mukondogua-Thale lag, fanden wir niedergebrannt und zerstört. Die Eingeborenen erzählten uns, daß wenige Tage zuvor die Wahehe einen ihrer Einfälle gemacht und nur die hohen auf dem Abhang der Usagara-Berge verstreuten Hütten verschont hätten. Die Bewohner dieser hochgelegenen Hütten waren gezwungen, jedesmal von ihrer Höhe herunter ins Mukondogua-Thal zu steigen, um das unentbehrliche Wasser zu holen; aber die Sicherheit vor den gefürchteten Wahehe ließ sie dieses Ungemach recht gern ertragen.

Geographisch wird Ugogo im Osten erst durch die Bergkette zwischen Tubugue und Mpapua begrenzt, und diese Grenze ist auch auf allen Karten angegeben; doch bildet jetzt ethnographisch bereits der Höhenzug nördlich des Mukondogua-Thales die Grenze von Usagara und Ugogo, da die schwächlichen Wasagara im Laufe der Zeit immer mehr und mehr vor den umwohnenden kriegerischen Stämmen zurückgewichen sind. Von Westen her drängten die räuberischen Wagogo, von Südwesten her die Wahehe und aus dem Nordwesten die Massai, oder genau gesagt, die einen Teil derselben ausmachenden Wahumba. Die spärlichen, von uns hinter Kirassa passierten Ortschaften waren alle von Wagogo oder mit ihnen vermischten Negern bewohnt. Gerade zu der Zeit, wo wir diese Gegend durchzogen, war ein heftiger Kampf der Wahehe gegen die Massai vorangegangen, und so fanden wir öfter eben erst von den Wahehes verlassene Lagerstätten.

Nachdem wir in Tubugue, einem größeren Orte der Wagogo, gerastet, erreichten wir am 10. Oktober Mpapua. Auf dem Höhenzuge zwischen beiden Dörfern fiel uns ein mit Unterholz wenig bewachsener Wald auf, der uns in den nächsten Tagen gutes Bauholz für den Bau der Station lieferte. In Mpapua zogen wir zunächst an den von Buschiri bei seiner letzten Anwesenheit zerstörten Gebäuden und der Kirche der englischen Mission vorbei, bis zu dem kleinen Hügel hin, der sich dicht am Fuße des östlichen Höhenzuges am Ausgange des von Mpapua eingenommenen Thales nach Nordosten hin erhebt. Hier hatte die Station der Ostafrikanischen Gesellschaft gestanden, die ebenfalls von Buschiri, soweit es die Stärke der Mauern zugelassen, zerstört war. Dieser Platz war vom militärischen Standpunkt aus durchaus unpraktisch gewählt, da von dem Abhange des östlichen Gebirgszuges mit Gewehren ganz bequem in die Station und ihre Zimmer hineingeschossen werden konnte, und zwar aus einer Entfernung von kaum mehr als 100 m.

Wir wurden beim Einrücken von den englischen Missionaren, welche von ihrer Station in Kisogue nach Mpapua herübergekommen waren, begrüßt, und Wißmann erhielt von ihnen über die Vorgänge hierselbst und die Stimmung der Eingeborenen Nachricht.

Der erste Häuptling des Ortes, Kipangiro oder Schipangilo, der von seinen Gegnern angeschuldigt wurde, mit Buschiri im Einverständnis gewesen zu sein, war geflohen und hielt sich in den nahen Bergen versteckt. Das Geschütz der Station, welches er, wie oben bemerkt, in seine Tembe gebracht hatte, wurde von uns dort abgeholt, und da uns Nahrungsmittel nicht zum Verkauf geboten wurden, wurden sie ebendort entnommen und unter die Soldaten verteilt. Es gelang indes in den nächsten Tagen den Häuptling zu beruhigen und ihn zu bewegen in unser Lager zu kommen, wo er von Wißmann die Zusicherung friedlichen Verkehrs erhielt.

Gleich am Nachmittage nach unserer Ankunft gingen wir daran, einen geeigneten Platz für die neue Station auszusuchen. Wißmann hielt es durchaus für angezeigt, in Mpapua, welches von allen Karawanen, die vom Viktoria und Tanganjika nach der Küste gehen, und umgekehrt, passiert werden muß und nur unter großen Beschwerden durch einen Marsch über ein an Wasser und Nahrungsmitteln armes und sehr beschwerliches Terrain vermieden werden kann, einen festen Stützpunkt für die Sicherung der Karawanenstraße und der durchziehenden Karawanen zu errichten. Bei der Auswahl eines Platzes waren der Reichskommissar, von Zelewski und der Verfasser thätig. Wir waren bald darüber einig, daß kein Platz besser dazu geeignet sei, als der, auf welchem die jetzige Station steht. Es ist eine dicht an dem einzigen die Ebene durchziehenden Flußlauf sanft ansteigende Erhebung, von welcher aus das gesamte Terrain ringsum beherrscht, und besonders auch die Wagogo-Tembes unter Feuer genommen werden können. Steine für den Bau waren reichlich von den früheren Befestigungen vorhanden, und Holz lieferte uns der oben erwähnte Wald. So wurde im Laufe der Woche, die Wißmann in Mpapua verblieb, die Steinumwallung der Station etwa 1 m hoch aufgeführt, mit zwei zur Unterkunft eingerichteten Eckbastionen versehen, auf deren einer das Geschütz aufgestellt wurde, und mit zwei starken Hindernissen, einem Ast- und einem Dornverhau umgeben.

Die Zeit seines Aufenthaltes benutzte Wißmann, um möglichst viel gute Beziehungen mit den eingeborenen Häuptlingen, speziell denen der Wagogo, anzuknüpfen, wobei ihm die englischen Missionare nach bestem Vermögen zur Seite standen. Die Waniamuesi-Karawane, deren Häuptlinge Wißmann teilweise von seiner ersten Durchquerung Afrikas kannte, — er hatte damals mit Mirambo, dem damaligen Herrscher von Uniamuesi Freundschaft geschlossen, — nahm infolge der guten Behandlung unsererseits und des Schutzes, den wir ihnen hatten angedeihen lassen, lebhafte Sympathien für uns mit in ihre Heimat. Wißmann gab ihr auch reiche Geschenke an den inzwischen auch verstorbenen Häuptling Pandascharo mit.

Nach achttägigen Arbeiten, die meist von Wißmann persönlich geleitet wurden, übergab er die Station, besetzt mit 75 Zulus, 25 Sudanesen, 10 Suaheli, 2 deutschen Unteroffizieren und dem zum Stationschef ausersehenen Lieutenant von Medem, zunächst dem Verfasser mit dem Auftrage, die weitere Regelung unseres Verhältnisses zu den Eingeborenen in die Hand zu nehmen. Ich sollte den Reichskommissar in dieser Gegend vertreten, bis die Stanley'sche Expedition und Emin in Mpapua anlangten, sollte diese Expedition begrüßen und mit 10 Sudanesen der Station durch deutsches Gebiet nach Bagamoyo führen.

7. Kapitel.
Regelung der Verhältnisse um Mpapua und Marsch mit der Stanleyschen Expedition zur Küste.

Erweiterung der Beziehungen zu den Eingeborenen. — Reise in die Umgegend von Mpapua. — Die Massais und Wagogo um Mpapua. — Vertrauen der Massai zur Station. — Befestigung und Bauarbeiten. — Schlechter Gesundheitszustand der Europäer. — Dyssenterie in Mpapua. — Ankunft der Stanleyschen Expedition. — Rückblick auf Emins Lage in der Äquatorialprovinz. — Sein Abmarsch mit Stanley. — Ärztliche Dienste des Pascha in Mpapua. — Stanleys Entgegenkommen. — Abmarsch zur Küste. — Marschordnung. — Leben auf dem Marsche. — Verkehr mit den Eingeborenen. — Jagd. — Begegnung unserer Expedition mit Gravenreuth in Msua. — Amerikanische Reporter. — Ankunft in Bagamoyo. — Emins unglücklicher Fall. — Seine Behandlung und Heilung.