Für die dauernde Wahrnehmung der Stationsleitung in Mpapua war, wie erwähnt, der Lieutenant v. Medem ausersehen. Er war von den jüngeren Offizieren der Expedition, die damals für Mpapua in Frage kamen, derjenige, welcher am meisten die für jene höchst wichtige Stellung notwendigen Eigenschaften in sich vereinigte: große Ruhe und die Fähigkeit, mit den Eingeborenen zu leben und sich diesen anzupassen, praktischen Sinn und große Willenskraft, dazu ein besonderes Talent, gerade mit den Zulus, die ja den Hauptteil der Besatzung von Mpapua bildeten, umzugehen. Wißmanns Wahl fiel sofort auf Medem; es wurde dem Verfasser übertragen, diesen während der Zeit der gemeinsamen Thätigkeit zu Mpapua noch eingehender mit den örtlichen Geschäften bekannt zu machen.

Dem Befehle des Reichskommissars gemäß benutzte der Verfasser die nächsten Wochen nach dem Abmarsche der Expedition Wißmanns von Mpapua zur weiteren Fortführung der Stationsarbeiten, sowie zur Erweiterung unserer freundschaftlichen Beziehungen zu den Eingeborenen in der Umgebung Mpapuas und zwar bis zu den mehrere Tagereisen weit von dort angesessenen Stämmen. Eine höchst angenehme Beigabe war bei diesen Reisen die Ausübung der hervorragend guten Jagd, welcher auf dem Hermarsch die Mitglieder der Expedition nur an einzelnen Stellen, z. B. in der Makata-Ebene hatten obliegen können. Ich besuchte mehrere Häuptlinge der Wagogo und der Wahumba, deren Land von Ugogo durch den nördlich Mpapua's sich hinziehenden Höhenzug geschieden wird. Vom Kamm dieses Höhenzuges öffnet sich eine weite, herrliche Aussicht über die zu Füßen sich ausbreitende Massai-Ebene. Ebenso hatte ich Gelegenheit, das Land der Wahehe zu sehen, allerdings nur an der äußersten Grenze und auf einer Jagdreise.

Die Massai lebten zu jener Zeit im Kriege mit den Wahehe. Wie schon erwähnt, hatten letztere kurz vor der Ankunft der Expedition einen Überfall nicht nur in Usagara gemacht, sondern waren auch bis ins Land der Wahumba vorgedrungen, und es war ihnen durch ihr unerwartetes Auftreten gelungen, noch einige Viehherden der Massai zu erbeuten. Eines Tages, als ich von Kongua aus in ein Massaidorf kam, fand ich daselbst tausende von Massai-Kriegern, auch solche, die nicht zum Stamme der Wahumba gehörten, und die, wie sie erklärten, bis vom Kilimandscharo hergekommen waren, um mit vereinten Kräften gegen die Wahehe zu kämpfen. Es fanden denn auch in dieser Zeit sowohl in der Marenga Mkali, der westlich von Mpapua von Tschunio an sich mehrere Tagereisen ausdehnenden süßwasserlosen Steppe wie auch weiter südlich an der Grenze von Uhehe fast täglich zwischen den beiden Stämmen Gefechte statt.

Mit den Wagogo und Massai war es vollkommen gelungen, einen friedlichen Verkehr herbeizuführen. Ich besuchte ihre Häuptlinge, wie auch umgekehrt diese selbst von weit her mit Geschenken zur Station kamen und sich Schutzbriefe von mir ausbaten. Selbst der oberste Wahumba-Häuptling schickte eine Gesandtschaft und gab derselben ein Geschenk an Rindern mit, was sonst bei den Massais unerhört ist. Sie bringen es selten übers Herz, sich selbst von dem schlechtesten Stück Rindvieh zu trennen. Die Gesandtschaft befragte mich, wie ich über ihren Feldzug gegen die Wahehe dächte und ob ich geneigt sei, sie hierin zu unterstützen, ihnen eventuell von meiner Besatzung Leute mitzugeben. Ich konnte ihnen meinerseits zwar guten Erfolg zu ihrem gerechten Vergeltungskampf wünschen, hielt es aber für gut, jede Unterstützung abzulehnen. Es waren über die Werbungen Buschiris bei den Mafitis und Wahehe nur Gerüchte zu uns gedrungen, keineswegs aber konnten diese damals als feststehende Thatsachen angesehen werden. Zudem wurde unsere Besatzung notwendig zum Bau der Station gebraucht: wir mußten auf alles gefaßt sein und daher alle unsere Kräfte zusammenhalten, wie ja auch der Reichskommissar zur Vorsicht ermahnt hatte.

Ich stellte den Massai jedoch meine Hilfe in Aussicht, wenn die Wahehe in der Umgegend von Mpapua selbst aufträten oder wenn sie zu weit nach den Wahumba hin um sich griffen. Unser Verhältnis zu den Wahumba und den östlichen Wagogo war, wie aus dem Erwähnten hervorgeht, ein gutes und ist im allgemeinen auch ein solches geblieben, wenngleich einzelne Räubereien der Wahumba sowohl wie der Wagogo an der Karawanenstraße hier und da die Besatzung von Mpapua zum Einschreiten nötigten. Sehr schlecht dagegen haben sich, wie das nicht anders zu erwarten war, unsere Beziehungen zu den Wahehes gestaltet.

Neben der Ausbreitung des Ansehens der neuen, von Wißmann gegründeten Station, schritten auch die Befestigungs- und Bauarbeiten rüstig vorwärts, welche nach meiner Abreise vom Feldwebel Hoffmann weitergeführt und von Herrn von Bülow vollendet wurden. Hingegen ließ der Gesundheitszustand unter den Europäern wie den Farbigen der Station sehr viel zu wünschen übrig. Die Dyssenterie brach mit großem Heftigkeit unter uns aus. Der Unteroffizier Kröhnke war schon auf dem Marsche von dieser Krankheit befallen worden, wahrscheinlich angesteckt von dem Feldwebel Markgraf, mit dem er in einem Zelte zusammenlag. Bald nach ihm erkrankten einige Sudanesen und Zulus, und trotz aller Vorsichtsmaßregeln griff die Krankheit immer mehr und mehr um sich, vermutlich durch die Unmassen von Fliegen in dem viehreichen Mpapua weiter getragen. Endlich wurden auch Lieutenant von Medem und ich von der Krankheit ergriffen. Durch den Tod verloren wir, solange ich in Mpapua war, nur einen Farbigen, einige Wochen jedoch nach meinem Abmarsche erlag auch Lieutenant v. Medem der Krankheit, während Unteroffizier Kröhnke sich besserte. Indessen machten bald vielfache schwere Fieberanfälle auch seine Ablösung von Mpapua und seine Beförderung nach der Heimat notwendig. In Deutschland fiel er einem Herzschlage zum Opfer.

Während der ganzen Zeit der Epidemie standen uns die englischen Missionare in Kisogue opferbereit zur Seite, wie denn überhaupt das Verhältnis zwischen Mission und Militärstation ein sehr freundschaftliches war.

Der Reichskommissar hatte mir, wie erwähnt, den Befehl erteilt, die Ankunft der Expedition Stanley-Emin Pascha in Mpapua abzuwarten und dieselbe dann durch deutsches Gebiet an die Küste zu führen. Am Tage der Ankunft der Wißmannschen Expedition hatten Boten von Stanley Mpapua passiert, durch welche wir Kenntnis von seinem Herannahen erhielten. Wißmann selbst sandte durch die bereits mehrfach erwähnte Waniamuesi-Karawane, die ihren Weitermarsch nach der Heimat fortsetzte, einige Briefe mit, in denen er Emin Pascha und Stanley begrüßte und sie über die Vorkommnisse der letzten Zeit orientierte.

Etwa einen Monat später traf die Stanleysche Expedition, trotz einer ziemlichen Anzahl Kranker und Schwacher und des ziemlich wüsten Gesindels, welches aus der Äquatorialprovinz mitkam, gut geordnet und geschlossen vor der Station ein, bei einer so großen Karawane immer ein Zeichen, daß es der Führer verstanden hat, die Disziplin aufrecht zu erhalten. Sie bezog das gewöhnliche Karawanenlager, um eine große Sykomore herum, wo Stanley gelegentlich einer seiner früheren Expeditionen schon gelagert hatte. Die Karawane bestand aus 3 Kompagnien Wangwana zu je 60 Mann, etwa 80 Wangwana-Trägern und den aus Wadelai mitgezogenen Leuten des Pascha, welche fast alle Weiber, Kinder und Träger mit sich führten. Die letzteren waren mit allem möglichen, teilweise ganz wertlosen Hausgerät beladen und erinnerten uns lebhaft an die Eigenschaft unserer Sudanesen, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mit sich zu schleppen. Im ganzen waren es noch etwa 600 Mann, trotz der großen Verluste, die die Karawane unterwegs erlitten hatte. Unter den Leuten des Pascha befand sich eine Anzahl ägyptischer Offiziere, Schreiber und Soldaten, ein griechischer Kaufmann, der sich früher in Wadelai etabliert hatte, und ein ebenfalls daselbst als Apotheker thätig gewesener tunesischer Jude. Die Weiber und Kinder, wie auch die meisten Offiziere ritten auf Eseln.

Die Europäer der Expedition waren folgende: Stanley mit seinen Offizieren, den Herren Lieutenant Stairs, Kapitän Nelson, Dr. Parke, Mr. Jephson, seinem, man kann sagen Proviantmeister, Mr. Bonny, und einem Diener, namens Hoffmann. Ferner zwei französische Missionare, Père Giraud, ein sehr liebenswürdiger Mann, welcher durch ein Augenleiden zur Rückkehr nach Europa genötigt war, und der ihm zur Begleitung mitgegebene Père Schynse, jener bekannte, bei den Deutschen allgemein beliebte, ganz deutsch denkende und fühlende Mann, der dem Werke der Zivilisation leider zu früh durch den Tod entrissen worden ist. Die beiden letzteren kamen von Bukumbi, ihrer Station am Südufer des Viktoriasees und waren in Ikungu zur Expedition Stanleys gestoßen, um unter ihrem Schutze weiter nach der Küste zu marschieren. Endlich waren bei der Expedition Emin und Casati, welcher dem Pascha während seines Aufenthaltes im Sudan treulich zur Seite gestanden hatte. Besonderes Interesse erregte die kleine Tochter, die Emin von seiner verstorbenen Frau, einer Abessinierin, hatte, namens Ferida, die damals etwa 6 Jahr alt war, und in der Karawane in einer Hängematte stets unmittelbar vor dem damals schon ganz kurzsichtigen Pascha einhergetragen wurde. Der Pascha hing mit großer Liebe an ihr und wollte sie immer vor sich sehen. Sie wurde von ihrer Gouvernante, einer ganz hübschen, stattlichen Ägypterin begleitet.