Stanley pflegte immer an der Spitze des Zuges zu marschieren, und so hatte ich denn zuerst Gelegenheit, ihn zu begrüßen. Er machte mich alsbald mit seinen Offizieren, sowie mit Emin und Casati bekannt. Unser spärliches Hausgerät auf der Station gestattete mir zunächst nur den Pascha und Stanley zum Essen zu mir zu laden. Eine Flasche Sekt, deren mir Wißmann mehrere für Krankheitsfälle und speziell zur Begrüßung Emins und Stanleys dagelassen hatte, wurde auf die glückliche Ankunft beider getrunken. Sie mundete ihnen ganz trefflich, da sie solche Erfrischungen lange hatten entbehren müssen. Im Verkehr zwischen dem Pascha und Stanley bemerkte ich bald den Gegensatz der beiden Männer, der, obwohl sie täglich öfter mit einander zusammenkommen mußten, eine rechte Ungezwungenheit, besonders von Seiten des Pascha, nicht aufkommen ließ. Dieser erzählte mir, wie herzlich er sich gefreut habe, als er durch Wißmanns Briefe Kenntnis von unseren Fortschritten erhalten, als er die deutsche Flagge auf der Station habe flattern sehen, und wie lebhaftes Vergnügen er jetzt empfinde, wieder mit Deutschen persönlich verkehren zu können. Er erzählte mir auch offenherzig von der Expedition Stanleys und dessen Absichten.
Bei der Wichtigkeit der Persönlichkeit Emins für uns und wegen seiner späteren Anteilnahme an den Arbeiten des Reichskommissariats erscheint ein kurzer Rückblick auf die Verhältnisse in der Äquatorialprovinz und die Stanleysche Expedition geboten.
Dreizehn Jahre hindurch hatte Emin Pascha ohne wesentliche Zuschüsse von der egyptischen Regierung zu erhalten, meist in friedlicher Arbeit die Geschicke des Landes geleitet und dasselbe der Kultur näher gebracht, bis in den letzten Jahren von 1887 an seine Position schwankend geworden war. Es wirkte hierzu besonders der Umstand mit, daß die ihm unterstellten egyptischen Soldaten, welche seit 5 Jahren den Sold von ihrer Regierung nicht erhalten hatten, und gerade in dieser Zeit die Grenzen der Äquatorialprovinz gegen die Scharen des Mahdi in fortwährenden Kämpfen verteidigten, allmählich eine begründete Unzufriedenheit zu zeigen begannen. Ebenso bestand nach Casatis Angabe eine weit verbreitete Unzufriedenheit unter den Offizieren gegenüber den Maßregeln des Gouverneurs. Die Unmöglichkeit, aus eigenen Mitteln und unter den sich steigernden Schwierigkeiten die Provinz zu halten, hatte Emin an die Hochherzigkeit der Engländer appellieren lassen. Dr. Felkin, dem Freunde Emins, war es gelungen, bei einer Reihe englischer Kapitalisten, besonders aber bei Sir William Mackinnon, dem Hauptaktionär der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft, Interesse für Emin Pascha oder wohl richtiger für seine Äquatorialprovinz zu erwecken und eine Hilfsexpedition unter Stanleys Kommando ins Werk zu setzen.
Unter Mißachtung der Vorschläge von Schweinfurth und Junker sowie Thompson wählte Stanley bekanntlich die Congoroute. Alle die Nachteile, welche er von dem östlichen, von den genannten Afrikaforschern empfohlenen Wege befürchtet hatte, stellten sich bezüglich der Verpflegung der Karawane, des Gesundheitszustandes, der Desertion von Trägern, der Schwierigkeit des Weges und der Feindseligkeiten der Eingeborenen auf dem von ihm selbst gewählten Wege in weit höherem Maße ein. Im April 1888 erhielt Emin Pascha durch einen Brief Stanleys die erste Nachricht vom Anrücken der Hilfsexpedition, auf die er in der letzten Zeit sehnsüchtig gewartet hatte, und von der er eine Befestigung seiner Macht und Beruhigung der unzuverlässigen Elemente erwartete. Der Pascha faßte den Entschluß, mit Casati Stanley entgegenzuziehen und ihn an der Grenze der Äquatorialprovinz zu erwarten. Auf seinem Dampfer Khedive fuhr der Gouverneur über den Albertsee und in dem Stanleyschen Lager zu Cavalli fand die gegenseitige Begrüßung statt.
Der Pascha erkannte bald, daß durch die Ankunft der Expedition, von der er für sich und insbesondere für sein Verhältnis zu seinen Leuten so viel erwartet hatte, seine Lage wenig verändert wurde. Das Einzige, was der Provinz von Nutzen sein konnte, waren die mitgebrachten Remington-Patronen. Im übrigen litt die Hilfsexpedition selbst Mangel an allem und der Pascha war es, der mit den Vorräten seiner Provinz der englischen Expedition aushelfen mußte. Casati hatte Emin Pascha geraten, ohne Rückhalt zu Stanley über die Lage der Provinz und über die Zerwürfnisse, die zwischen dem Gouverneur und den Parteien eingetreten waren, zu sprechen, sowie seine Ohnmacht nach den Ereignissen der letzten Zeit einzugestehen. Emin hat indes wohl den Rat des Freundes nicht befolgt und es vermieden, sich mit der nötigen Offenheit Stanley anzuvertrauen, vielleicht um seinen Namen vor diesem Manne des ihn umgebenden Nimbus nicht zu entkleiden.
Da Stanley das Gros der Expedition mit den Hauptvorräten im Lager zu Jambuja am Aruwimi, außerdem eine große Anzahl von Kranken im Fort Bodo zurückgelassen hatte, schickte er sich nach verhältnismäßig kurzer Zeit an, wieder nach dem Aruwimi aufzubrechen, um die zurückgebliebenen Leute und Vorräte herbeizuschaffen. Während dieser Zeit sollte der Pascha diejenigen seiner Beamten und Soldaten, welche geneigt wären nach Egypten zurückzukehren, in Cavalli vereinigen, um hier Stanleys Ankunft zu erwarten und mit ihm aufzubrechen. Die Bitte des Pascha, mit ihm die verschiedenen Stationen seiner Provinz auf dem Dampfer Khedive zu besuchen, schlug Stanley ab mit der Begründung, daß er eilig nach Jambuja zurückkehren müsse. Sein Aufenthalt am See dauerte indes ungefähr 4 Wochen. Es ist zu bedauern, daß Stanley auf die Bitte Emins nicht eingegangen ist. Zweifellos wäre das persönliche Erscheinen Stanleys von einer ungleich größeren Wirkung auf die Truppe und die Bevölkerung gewesen. Stanley wäre in der Lage gewesen, die Truppen nicht nur durch die Macht seiner Persönlichkeit, sondern auch durch die bei ihm zur Meisterschaft ausgebildete Art zu verhandeln davon zu überzeugen, daß er im Auftrage ihres Souveräns des Khedive nach der Provinz gekommen sei, um sich mit eigenen Augen von der Lage der Sache zu überzeugen und entweder Hilfe in Gestalt von Munition zurückzulassen oder aber die Leute nach Egypten zu führen.
Wenn man nun Stanley auch nicht ohne weiteres die Verweigerung der Bitte Emins verübeln kann, — hatte er doch das eigentliche Gros der Expedition im Lager bei Jambuja zurückgelassen und fühlte sehr wohl selbst heraus, daß mit dem, was er dem Pascha mitgebracht hatte, gar nichts geleistet sei, — so ist es ebenso als verfehlt zu betrachten, wenn er später auf die wiederholte Bitte Emins, wenigstens einen seiner Offiziere zurückzulassen, Herrn Mounteney Jephson mit dieser Mission beantragte. Jephson hatte nur ganz oberflächliche Kenntnis von den Machtbefugnissen Stanleys, denn bei der Natur Stanleys, welche mit der Verantwortung auch gleichzeitig das Ende aller Fäden in Händen behalten wollte, war thatsächlich keiner seiner Offiziere mit dem ganzen Umfang der Stanleyschen Aufträge bekannt. Jephson war ferner nicht die Persönlichkeit, um selbständig auftreten oder bei irgend welchem Mißtrauen der Leute bindende Versicherungen geben zu können. Die Anwesenheit Jephsons trug zur Verbesserung der Lage der Truppen jedenfalls nicht bei.
Es ist außerordentlich schwierig, ein bestimmtes Urteil über das Verhältnis Emins zu seinen Truppen abzugeben. Alle darüber vorhandenen Veröffentlichungen Stanleys, Casatis, Jephsons lassen den inneren Zusammenhang nicht erkennen und erscheinen lediglich als persönliche Urteile der Verfasser. Emins Ansicht ging und geht auch heute noch dahin, daß durch die Art und Weise des Auftretens der Stanleyschen Expedition die Mißhelligkeiten zwischen ihm und seinen Truppen erst verursacht worden seien. Es ist wahrscheinlich, daß der Pascha sich hierin täuscht und daß Casatis Urteil der Wahrheit am nächsten kommt. Andererseits ist aber nicht zu verkennen, daß die großen Erwartungen, welche Emin selbst bei seinen Soldaten von der Stanleyschen Entsatz-Expedition erweckt hatte, durch das Erscheinen derselben in halb verhungertem und zerlumptem Zustande, sehr herabgemindert wurden, ja daß sogar ein begreifliches Mißtrauen bei den Leuten entstand. Der Umstand, daß Stanley und seine Begleiter Engländer waren, konnte die üble Wirkung auf die Truppe nicht hervorgebracht haben, — war doch Gordon und andere Gouverneure im Sudan durch den Khedive selbst eingesetzt worden. Der ganze Aufstand der Eminschen Truppen macht den Eindruck einer Militärrevolte, welche durch Intriguen sich benachteiligt glaubender Offiziere in Szene gesetzt wurde. Auch der Casatische Bericht läßt dies erkennen; in demselben findet man sogar an eigentlichen inneren Gründen überall nur persönliche Mißgriffe angegeben, welche Emin den Offizieren gegenüber begangen haben soll. In der That herrschte unter einem großen Teil der Leute des Pascha eine bittere Stimmung gegen ihn.
Von einer ganz besonderen Wichtigkeit für uns Deutsche ist das Verhalten Emins Stanley und seinen Anerbietungen gegenüber. Stanley und seine Offiziere versuchten zwar nach ihrer Ankunft am Albertsee und auch später auf dem ganzen Marsche beim Pascha den Glauben zu nähren, als ob die Expedition lediglich aus humanitären Rücksichten seinetwegen und für die mit ihm von Egypten abgeschnittenen Beamten und Truppen unternommen worden sei. Niemand wird bestreiten, daß viele, ja die meisten Mitglieder des englischen Emin Pascha-Entsatz-Komitees von rein humanitären Rücksichten geleitet wurden. Aber es gab in diesem Comité doch eine Reihe von Namen, deren Träger zu eng mit afrikanischen Interessen verknüpft waren, um nicht gewisse praktische Nebenabsichten, sei es auf die Person Emins, sei es auf seine Provinz oder auch auf beides zusammen, vermuten zu lassen. Es sind dies die Mitglieder der englisch ostafrikanischen Gesellschaft, denen ein Mann wie Emin und eine Provinz wie die seine notwendig als höchst begehrenswerte Ziele erscheinen mußten.
In der That wird diese Absicht einer Gebietserweiterung der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft durch die dem Pascha von Stanley gemachten Anerbietungen bestätigt. Stanley hatte nach seinem eigenen Bericht und nach der Erzählung Emins diesem drei Vorschläge zu machen. Der erste derselben war, — dem vom Khedive erhaltenen Auftrage gemäß, — die Provinz aufzugeben, mit dem Teil der Offiziere, Soldaten und Beamten und ihren Familien, welche die Rückkehr nach Egypten wünschten, unter Führung Stanleys aufzubrechen und diesem nach Egypten zu folgen.