Wie in Mpapua, so gestaltete sich auch auf der Expedition der Verkehr mit den Europäern zu einem äußerst angenehmen, besonders auch mit Stanley, der gegen den Verfasser stets die größte Liebenswürdigkeit zeigte und der auch stets der besten Laune war. Der Verkehr mit ihm bot sehr viel Anregendes, da Stanley stets in seiner lebhaften Weise vieles aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen über seine Reisen zum Besten gab. Über seine Offiziere, die ihn während des letzten Zuges zur Befreiung Emins begleitet und mit ihm Afrika durchquert hatten, äußerte sich Stanley wiederholt zum Verfasser aus freien Stücken auf das anerkennendste. Manche Schwierigkeiten, die während des Marsches durch Reibereien der Sansibariten Stanleys mit den Eingeborenen oder den Sudanesen entstanden, wurden stets durch die Intervention Stanleys und des Verfassers beigelegt und kann auch in dieser Beziehung das Entgegenkommen Stanleys nur anerkannt werden. Verfasser sieht sich veranlaßt, bei den sonstigen in dieser Beziehung vielfach erhobenen Vorwürfen gegen Stanley gerade dieses hervorzuheben.

Dem deutschen Offizier mußte während dieser Expedition die Thatsache besonders auffallen, daß jeder der englischen Offiziere auf dem Marsche seinen eigenen Haushalt führte. Jeder einzelne ließ für sich allein kochen und aß allein, während es bei uns als selbstverständlich gilt, daß das Leben und die Mahlzeiten nach Möglichkeit gemeinsam geführt werden und der einzelne sich der Allgemeinheit unterordnet. Daß der Pascha allein für sich lebte, da seine Mahlzeiten in türkischer Weise bereitet wurden und er auch für seine Tochter zu sorgen hatte, daß ebenso die französischen Missionare und Casati für sich lebten, war ja eher verständlich. Indessen wurde die Geselligkeit dadurch erhöht, daß wir uns auf dem Marsche häufig gegenseitig zu den Mahlzeiten einluden und jeder das, was er hatte, gern mit den andern teilte. Auch wurden teils von Stanley, teils von mir, besonders nachdem wir Proviant und Getränke von der Küste erhalten hatten, gemeinsame Mahlzeiten arrangiert, bei denen wir, die Vertreter verschiedenartiger Nationen, auf das geselligste verkehrten.

Einer der angenehmsten Gesellschafter, desgleichen zweifellos eine der hervorragendsten Persönlichkeiten unserer Karawane war der nun verstorbene Pater Schynse. Von hohem Wuchs, angenehmem, sanftem und gewinnendem Gesichtsausdruck merkte man ihm, sobald er zu sprechen anfing, an, daß man es mit einem Manne von unbeugsamer Energie, schnellem Entschluß und großer Thatkraft zu thun hatte. Man konnte meinen, man hätte einen jener alten Mönche vor sich, welche, ohne im Glaubenseifer erstarrt zu sein, die Kulturträger in allen Staaten Europas gebildet haben. Solcher Gestalten trifft man viele in Ostafrika. Der alte Père Étienne in Bagamoyo, der Bruder Oskar, der Père Delpèche, der Pater Bonifacius sind Männer, welche niemand vergessen wird, der je zu ihnen in Beziehung trat. Bei allen begegnete man gleichmäßig einem tiefen Verständnis für Land und Leute, sowie für die politischen Verhältnisse. Alle zeichneten sich durch gleiche Offenheit und Ehrlichkeit in Bezug auf die von ihnen erreichten oder erstrebten Erfolge aus, wenn das Gespräch darauf kam. Nie fielen sie jemandem durch ihre Religionsübungen lästig. Daß der eine oder andere, wie besonders der Bischof Monseigneur de Courmont und der Pater Schynse durch ihre geistigen Eigenschaften hervorragten, verlieh dem Verkehr mit ihnen besonderen Reiz. Dabei waren die meisten dem geselligen Leben und körperlichen Uebungen sehr zugethan; einzelne unter ihnen zeichneten sich durch besondere Passion für das edle Waidwerk aus, wie Schynse und Bruder Oskar, deren Büchse manches Wild in Afrika zum Opfer fiel.

Unser erster Marsch führte uns, nachdem wir die östlichen Hügelketten von Ugogo passiert hatten und auf der andern Seite in das Thal von Tubugue hinabgestiegen waren, zu dem gleichnamigen Dorfe der wohlbewässerten Landschaft. Dort angekommen, suchte der Verfasser einen Lagerplatz für die gesamte Expedition aus, ebenso Plätze für die Zelte Emins, Stanleys, Casatis, der englischen Offiziere, der französischen Missionare, für unsere Soldaten, die Kompagnien Stanleys, die Träger und die Lasten. Stanley selbst erklärte sich, nachdem eine prinzipielle Einigung über die Dauer der täglichen Märsche erzielt worden, von vornherein mit allen speziell von mir getroffenen Anordnungen einverstanden. Er hatte ursprünglich eine Vorliebe für die Mamboia-Route gehabt, hatte aber den Vorstellungen des Verfassers, der die zwar etwas längere Straße über Kondoa wegen der hier leichteren Ernährung der großen Karawane empfahl, nachgegeben. Der Gabelpunkt der beiden Straßen, der Mamboia- und der Kondoa-Route, war bereits am ersten Marschtage dicht bei Tubugue passiert. Es erfolgte Tags darauf der Weitermarsch nach Dambi.

Das hier bezogene Lager, an einem Waldbächlein unter schattigen Bäumen wildromantisch gelegen, gefiel Stanley so gut, daß er den Pater Schynse bat, von demselben zur Erinnerung für ihn und die Expeditionsmitglieder eine Photographie aufzunehmen. Er bat den Pascha und mich, mit ihm in die Mitte zu treten, um uns herum gruppierten sich die übrigen Europäer. Leider erwies sich die Platte als zu alt und feucht, um eine gute Photographie hervorzurufen. Besser fiel ein später in Msua von Schynse gemachter Versuch aus, der den Mitgliedern der Expedition eine lebendige Erinnerung an jene interessante Zeit darbot.

In den nächsten Tagen wurden die hohen, dem Mukondogua-Thal vorgelagerten Usagara-Berge passiert und dann das Mukondogua-Thal erreicht. Von diesem Thale ab begann wieder ein durchaus friedlicher Verkehr mit der Bevölkerung des Landes, die sich von nun an stets sehr zutraulich erwies und zunächst durch Abgesandte mit dem Verfasser in Verbindung trat. Die Jumbes kamen uns meist schon unterwegs entgegen, zeigten ihre Schutzbriefe vor, hißten in den Ortschaften die deutsche Flagge und fragten nach unseren Anordnungen. Die Verpflegung der großen Karawane geschah auf diese Weise ohne Schwierigkeiten und die Eingeborenen bezeigten ihren guten Willen noch dadurch, daß sie den Europäern überall Erfrischungen, in Gestalt des Pombe, des einheimischen Bieres aus Hirse anboten.

Im Mukondogua-Thal, das wir gerade in der schönsten Zeit passierten, als die alljährlichen Grasbrände vorüber waren und die Landschaft im jungen Grün erblühte, äußerte Stanley seine Befriedigung darüber, daß er sich auf seiner ersten Reise in seinem Werk so günstig über die Fruchtbarkeit Usagaras ausgesprochen habe. Allerdings nimmt dieselbe abseits von den Flußthälern bedeutend ab, und es ist hier in den Bergen nicht überall lohnender Boden zum Anbau von wertvollen Produkten zu finden.

In Muinisagara wurde ein Rasttag von den französischen Missionaren dazu benutzt, einen Besuch in Longa, einer Station der katholischen Mission vom heiligen Geist zu machen. Die dortigen Brüder sandten uns in ihrer gastfreien Weise Gemüse aus ihrem Garten und einiges von dem wenigen, was sie sonst hatten, wie Wein und Brot.

Hinter Kondoa verließen wir den Lauf des Mukondogua und traten in die Makata-Ebene ein, wo wir mehrere Flüsse, zunächst den Makatafluß, den Wiansibach und den Gerengere passierten. Der Verfasser persönlich hatte Gelegenheit auf dem Marsche in diesem wildreichen Thale eine größere Anzahl großer und kleiner Antilopen, darunter eine Elenantilope, zur Strecke zu bringen. — Stanley erzählte bei dieser Gelegenheit, daß, als Verfasser dicht bei Udewa hinter einander mit seiner Doppelbüchse von einem Fleck aus 5 Swala-Antilopen niedergestreckt hatte, ihm seine Leute gesagt hätten, wenn von den Deutschen immer so geschossen würde, dann würden von Buschiris Rebellen bald nur wenige noch übrig sein. In Makata erreichte uns eine große bereits vorher angekündigte Proviantkarawane, welche der Reichskommissar mir besonders für Emin Pascha, Stanley und die Expedition gesandt hatte, so daß von da an bis zur Küste, namentlich da auch Stanley mehrere Tage später von seinem englischen Comité noch viel Proviant erhielt, geradezu Üppigkeit und Überfluß bei uns herrschten.

Nachdem wir dann noch in Morogro die dortige französische Missionsstation zu besuchen Gelegenheit hatten, ging es über die Berge von Ukami nach Msua. Dort trafen wir die Expedition des Freiherrn von Gravenreuth, der von Wißmann zur Bestrafung der rebellischen Ortschaften auf einige Wochen ins Innere geschickt worden war und zugleich den Auftrag hatte, wenn er sie treffen sollte, die Stanleysche Expedition willkommen zu heißen und Grüße vom Reichskommissar zu übermitteln. Das Wiedersehen wurde bei einer gemeinsamen Tafel gefeiert, bei welcher uns die vorher von Wißmann geschickten Vorräte trefflich zu statten kamen.