Der Gravenreuthschen Karawane hatten sich mit seiner Erlaubnis zwei amerikanische Reporter, darunter auch der vom Newyork-Herald, Visitelli, angeschlossen, welche seit geraumer Zeit in Sansibar auf die Ankunft Stanleys und Emins lauerten und sich gegenseitig das Leben sauer machten. Noch an demselben Tage gingen Boten mit langen Telegrammen über die Expedition nach der Küste ab, und der Draht trug die Nachricht über die ganze zivilisierte Erde.
Während Gravenreuth dann weiter nach Westen zog, folgten natürlich die Reporter mir und der Expedition und es wurden ihnen in den nächsten Tagen auch immer wieder Boten zur Verfügung gestellt, um ihre Zeitungen mit Nachrichten über die Weiterbewegung der Expedition zu versehen. Visitelli selbst hatte vom Reichskommissar die Erlaubnis erhalten, die amerikanische Flagge zu Ehren Stanleys bei der Begrüßung in der Expedition mitzuführen. Im übrigen vermehrte er die Zahl der angenehmen Gesellschafter in der Expedition, denn er verband mit einer rührenden Anhänglichkeit an anregende Getränke eine vorzügliche Laune.
Am 4. Dezember Vormittags kamen wir am Kingani an, bis wohin uns der Reichskommissar persönlich entgegen geritten war. Hier erfuhren wir von ihm selbst seine inzwischen erfolgte Beförderung zum Major. Auf den von Wißmann mitgebrachten Pferden und Maultieren ritten sodann dieser selbst, Emin Pascha, Stanley, Casati und der Verfasser der Expedition voraus nach Bagamoyo, während die französischen Missionare nachfolgten und Lieutenant Stairs die Stanleysche Expedition am Nachmittage nach Bagamoyo hineinführte.
Die Station war für den Empfang der Gäste festlich geschmückt, und Salutschüsse aus ihren Geschützen wie den auf der Rhede liegenden Kriegsschiffen begrüßten die Reisenden. Der Korvettenkapitän Voß, damals der älteste Kommandant der in Ostafrika stationierten Kriegsschiffe, kam im Auftrage S. M. des deutschen Kaisers, um Stanley und Emin zu beglückwünschen. Auch die Engländer hatten zu dem gleichen Zwecke ein Kriegsschiff und eine Deputation vom Generalkonsulat entsandt.
In den Räumen des sogenannten Ratuhauses, welches als Messe hergerichtet war, wurde das Frühstück serviert, dem besonders von uns eifrig zugesprochen wurde. Emin selbst machte seinen Studentenjahren alle Ehre; er zeigte sich über den ihm zu Teil gewordenen Empfang und das so lange entbehrte Zusammensein mit den Deutschen, die mit Stolz auf ihn blickten, sehr erfreut. Die Verehrung und Begeisterung, welche ihm von allen Seiten entgegengetragen wurden, seine Zuvorkommenheit und sein Bestreben, jedem freundlich Rede zu stehen, läßt es nicht Wunder nehmen, daß der Pascha bis zu dem um 6 Uhr beginnenden Diner, das den Reisenden zu Ehren vom Reichskommissar gegeben wurde, wacker durchhielt.
Der Verlauf dieses Festessens und sein trauriger Abschluß ist ja bekannt.
Obwohl dem Sekt reichlich zugesprochen wurde und die Wogen der Begeisterung hoch genug gingen, war doch von irgend einem Übermaß nichts zu bemerken. Auch bei Emin war, wenn er sich auch natürlich durch die genossenen Getränke und die Aufregung des Tages so zu sagen in etwas vorgerückter Stimmung befand, von Trunkenheit, wie man wohl angenommen hat, keine Rede. Nach Aufhebung der Tafel begab er sich, um auszuruhen, in ein neben der Messe gelegenes Zimmer. Als er dieses bald darauf wieder verlassen wollte, sah er bei seinem schwachen Augenlicht ein Fenster mit sehr niedriger Brüstung für die offene Thür an, stolperte über die Brüstung und stürzte hinaus. Nur dem Umstande, daß er zunächst auf ein Wellblechdach fiel und dann erst auf die harte Erde, wie seiner guten Natur und der überaus sorgsamen Pflege, die ihm zu Teil wurde, ist es zuzuschreiben, daß sein Leben erhalten blieb.
Major Wißmann, Stanley mit seinen Offizieren, Casati und ich saßen noch an der Tafel zusammen, als ein Neger heraufkam und uns die Mitteilung machte, daß ein Europäer unter jenem Fenster blutüberströmt auf der Straße in bewußtlosem Zustande gelegen habe, und daß die Eingeborenen eben im Begriff seien, ihn nach dem Lazarett zu bringen; er glaube, der Verunglückte sei der Pascha. Wißmann, Stanley und ich brachen natürlich sofort auf und kamen gerade im Lazarett an, als Dr. Brehme, der Stationsarzt von Bagamoyo, der eben von einer Revision der Wachen zurückgekehrt war, mit Schwester Auguste Herzer und Fräulein von Borcke dabei war, den Pascha zu untersuchen. Er gab uns wenig Hoffnung. Am nächsten Tage berieten gemeinsam die anwesenden Ärzte über die Behandlung des Schwerverletzten; es waren dies außer Dr. Brehme der Assistenzarzt Dr. Lotsch von S. M. S. »Sperber« und Dr. Parke von der Stanleyschen Expedition. Die Ansicht der deutschen Ärzte ging dahin, daß ein Bruch der Schädelbasis vorliege und im großen und ganzen die Aussicht, Emin am Leben zu erhalten, eine ziemlich geringe sei, während Dr. Parke die Verletzungen für weniger schwer und für nur äußerlich erklärte.
Es erscheint, wie dem Verfasser von Ärzten mitgeteilt wurde, ganz unverständlich, wie Dr. Parke sich gegenüber den klar hervortretenden Symptomen seine Ansicht hat bilden können. Der Blutausfluß aus dem Ohre, die mehrtägige Bewußtlosigkeit, endlich Lähmungserscheinungen im Gesicht sprachen mit so großer Deutlichkeit, daß die Diagnose des Hospitalarztes Dr. Brehme unumstößlich feststand. Es griff die Annahme Platz, daß politische Momente für Stanley maßgebend waren, den Transport Emins nach Sansibar auf jede Gefahr hin möglich erklären zu lassen. Der gesamte spätere Heilungsverlauf bestätigte die deutsche Diagnose, obwohl die Heilung selbst mit einer die deutschen Ärzte überraschenden Schnelligkeit vor sich ging. Sie ist wesentlich dem Umstande zuzuschreiben, daß infolge des Vorschlags der Ärzte auf Anordnung Wißmanns einer der kleinen Dampfer des Reichskommissariats täglich von Sansibar nach Bagamoyo Eis für den Kranken brachte. Von einer Übersiedelung desselben nach Sansibar, die Stanley wünschte und Dr. Parke auf Grund seiner optimistischen Ansicht für möglich erklärte, wurde Abstand genommen, da sich die deutschen Ärzte entschieden dagegen aussprachen.
Am zweiten Tage nach dem Unfall wurde die Stanleysche Expedition nach Sansibar übergeführt, und zwar Stanley mit seinen Leuten auf den deutschen Kriegsschiffen »Sperber« und »Schwalbe«, die Leute des Pascha auf englischen Schiffen. Casati zog es vor, bei seinem alten Freunde und Leidensgenossen in Bagamoyo zu bleiben und siedelte erst später nach Sansibar über, als der Zustand Emins keinen Anlaß mehr zu Befürchtungen bot.