Emin Pascha, mit welchem ich naturgemäß während des Marsches zur Küste in engere Beziehungen getreten war, hatte gewünscht, mich in Bagamoyo in seiner Nähe zu behalten und so übertrug mir bis auf weiteres der Kommandant die bisher von Gravenreuth verwaltete Stellung des Distriktschefs im Küstenbereich von Bagamoyo, welche wegen Gravenreuths Abmarsch ins Innere unbesetzt war. Dieselbe umfaßte die Stationen Bagamoyo unter Hauptmann Richelmann und Daressalam unter Chef Leue.
Die deutschen Ärzte forderten, daß alle äußeren Einwirkungen nach Möglichkeit vom Pascha ferngehalten werden sollten, auch Besucher, die vielleicht auf seine Zukunft bestimmend einzuwirken versuchen und ihn so erregen könnten. Eine Einigung mit Dr. Parke war nicht zu erzielen. Da indes die deutschen Ärzte die Majorität hatten, und im Grunde doch Dr. Brehme als Chefarzt des Lazaretts die Hauptverantwortung trug, beschloß ich, nach ihrem Dafürhalten zu handeln und ordnete an, daß die von Dr. Brehme und Dr. Lotsch getroffenen Maßregeln aufs strikteste innegehalten würden, und der Pascha nur Besuche empfangen dürfe, welche der Chefarzt für zuträglich hielt. Als nach einigen Tagen Emin zum Bewußtsein kam und sein Zustand eine, wenn auch langsame Wendung zum Besseren nahm, erklärte er sich selbst hiermit vollkommen einverstanden. Speziell wurde der englische Generalkonsul Sir Evan Smith, welcher mit seiner Gemahlin dem Pascha im Lazarett die Aufmerksamkeit eines Besuches erweisen wollte, von Wißmann, dem ich über meine Anordnungen nach Sansibar berichtete, und der persönlich oft nach Bagamoyo kam, um sich des Pascha in jeder Weise anzunehmen, bewogen, von seinem Vorhaben Abstand zu nehmen. Erst etwa vierzehn Tage nach dem Unfall wurde im Beisein Wißmanns und der Ärzte, sowie in meiner Gegenwart dem Generalvertreter der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft, Mackenzie, wie einigen Offizieren Stanleys und dem Kapitän eines zur Abholung Emins und der Sudanesen vom Khedive geschickten egyptischen Dampfers gestattet, den Pascha auf einige Minuten zu besuchen, wobei jedoch politische Erörterungen, die wohl besonders von Mackenzie beabsichtigt waren, unterbleiben mußten.
8. Kapitel.
Buschiri und die Mafiti.
Gerücht von einem Vorstoß Buschiris nach der Küste. — Gravenreuth trifft Vorkehrungen dagegen. — Nachricht, daß Buschiri mit mehreren tausend Mafiti Usaramo verwüstet. — Die Marine besetzt Bagamoyo und Daressalam. — Marsch des Expeditionskorps unter Gravenreuth gegen Buschiri. — Marschbefehle. — Buschiri angeblich bei Wasinga. — Wasaramo als Hilfstruppen. — Greuel der Mafiti. — Wasinga verlassen. — Abteilung Bülow trifft nicht ein. — Zusammentreffen mit den Mafiti bei Jombo. — Gefecht bei Jombo. — Einnahme der Mafiti-Lager. — Zersprengung der Mafiti. — Buschiri entkommt. — Wegen Munitionsmangel Rückkehr nach Bagamoyo. — Abteilungen Richelmann und von Bülow noch im Innern. — Gravenreuth bricht wieder dahin auf. — Rückkehr der Abteilungen nach Daressalam.
Zur Zeit, als sich Wißmann noch in Mpapua befand, drangen Gerüchte nach Bagamoyo, daß Buschiri, der im Innern, besonders unter den Mafiti und Wahehe, zahlreiche Anhänger gefunden habe, wieder im Vorrücken nach der Küste begriffen sei. Er solle die Ansicht hegen, daß nach der Entfernung Wißmann's mit dem Expeditionskorps von der Küste diese von Truppen entblößt sei und daß sich infolgedessen für ihn günstige Gelegenheit zu einem Handstreiche biete. Obwohl dieser Fall ja, wie früher erwähnt wurde, von vornherein von Wißmann für durchaus möglich gehalten und in Erwägung gezogen war, maß man zunächst den Nachrichten wenig Glauben bei; für alle Fälle aber traf der Stellvertreter Wißmanns, Chef v. Gravenreuth, die nötigen Vorkehrungen. Durch die Anordnungen des Reichskommissars war er in den Stand gesetzt, die von vornherein aus den Stationen für etwaige kleinere Expeditionen und Angriffe abgeschiedene Spezialreserve noch durch Abkommandierung von Truppen aus den nördlichen Stationen zu verstärken und so ein größeres Expeditionskorps zu formieren. Diese Vorkehrungen Gravenreuths erwiesen sich als durchaus zweckmäßig, denn es wurde bald durch Kundschafter und durch die von allen Ecken und Enden nach Bagamoyo herbeiströmenden Wasaramo die Nachricht vom Anrücken Buschiri's bestätigt und noch dahin erweitert, daß dieser mit mehreren Tausenden Mafiti einen großen Teil der Ortschaften Usaramos verwüstet und massenhaft Leute hingemordet, auch nicht einmal die unmenschlichen Grausamkeiten und Scheußlichkeiten der Mafiti, welche diese zu verüben pflegen, verhindert habe. Gravenreuth bat um Unterstützungen, die ihm auch gewährt wurden: die Marine besetzte Bagamoyo und Daressalam, was Gravenreuth ermöglichte, mit dem gesamten Expeditionskorps zu operieren.
Dieses Expeditionskorps formierte Gravenreuth in drei Abteilungen. Die Führung der einen übernahm er selbst, marschierte von Daressalam über Pugu und Kola auf Usungula zu, um von dort aus auf Wasinga und Jombo vorzudringen, wo Buschiri den Aussagen der flüchtigen Wasaramo nach sich verschanzt haben sollte.
Eine zweite Kolonne sollte unter Führung des Herrn von Bülow von Bueni halbwegs Madimola marschieren, um zu verhüten, daß die Mafiti nach dem Süden hin, speziell nach Daressalam zu ausbrächen.
Die dritte Abteilung unter Hauptmann Richelmann sollte sich nach Dunda wenden, dort die Kingani-Ebene beobachten und Patrouillen nach Madimola, Usungula und Jombo entsenden, um so die Fühlung mit der Abteilung Gravenreuth aufrecht zu erhalten. Beide Abteilungen sollten am 18. früh auf Jombo marschieren, welchen Ort dann alle drei Kolonnen vereint angreifen sollten.
Die einzige Kolonne, welche Gefechte zu bestehen hatte, war die des Herrn von Gravenreuth, deren Verlauf wir jetzt darstellen wollen:
In der Nacht vom 15. zum 16. marschierte die Abteilung von Daressalam mit Magnesia-Fackeln ab. Die Abteilung bestand aus ca. 90 Sudanesen, Zulus und Suaheli, von Europäern befanden sich bei derselben Lieutenant von Perbandt, von Behr, von Frankenberg, Albrecht, Schiffsoffizier Wiebel und verschiedene Unteroffiziere. Da in Eilmärschen marschiert werden sollte, war für Proviant fast garnicht gesorgt und nur genügende Munition mitgenommen.