Sind doch alle Erfolge der Engländer auf das System zurückzuführen, die Eingeborenen in okkupierten Gebieten zunächst selbst herrschen zu lassen und diese hierfür sogar noch gut zu bezahlen. Die Eingeborenen empfanden die direkte Einmischung des Europäers unter Umständen hart, und zwar namentlich dann, wenn nicht die genügende Zahl von Landeskundigen und sonst geeigneten Persönlichkeiten zur Verfügung stehen.

Außerdem werden aber auch auf diese Weise große Ersparnisse erzielt, wichtig dann, wenn die Mittel zu einer genügenden Machtentfaltung, um direkt das Land zu beherrschen und zu verwalten, mangeln. Freilich ist die Behandlung mancher dieser Walis nicht leicht und erfordert Geschick und Takt, wie auch Strenge am richtigen Platze.

In der Besetzung der Stationen fanden unter den Offizieren naturgemäß häufig Veränderungen statt. Einmal forderten die Kriegszüge, Krankheitsfälle oder sonstige Rücksichten einen Wechsel der Chefs und Offiziere, oder aber es wurden untaugliche und wenig brauchbare Elemente kurzer Hand nach Europa zurückgeschickt und durch neue ersetzt.

Ein besonderes Lob verdient in jeder Beziehung das deutsche Unteroffizierkorps in Ostafrika. Die Stellung der Unteroffiziere war ja von vornherein eine eigentümliche, ja man kann sagen gänzlich isolierte. Die in Ostafrika anwesenden, nicht zur Schutztruppe gehörenden Europäer standen meistens nur im Verkehr mit den Offizieren, so daß Zivilverkehr für die Unteroffiziere selten oder nie vorhanden war. Die Ehrbegriffe, welche das Unteroffizierkorps aus Deutschland mitbrachte, verboten ihm von selbst den engeren Verkehr mit den unter ihnen stehenden Elementen. Auf der andern Seite ließ eben dieser Ehrbegriff sie stets den richtigen Takt, einerlei ob im dienstlichen Verkehr oder bei Festlichkeiten, beobachten und ließ sie ferner ihre Aufgabe als eine im Dienst des Vaterlandes zu leistende ansehen. Wenn diese Aufgaben grade bei den Unteroffizieren zuweilen weit über das Maß des Militärdienstes hinausgingen, so sind sie doch immer mit derselben Präzision, derselben Hingabe und demselben Geschick gelöst worden. Die Ausnahmen, welche allerdings vorkamen, können nur die Regel bestätigen.

11. Kapitel.
Die Unterwerfung des Südens.

Lage und Entwickelung der nördlichen Stationen. — Major Liebert. — Reise des Generalkonsuls Dr. Michahelles nach Witu. — Einteilung des nördlichen Küstendistrikts. — Stationschefs im Norden. — Vermehrung der Schutztruppe. — Das neue Material erweist sich als minderwertig. — Neueinteilung der Schutztruppe. — Einexerzieren der neuen Söldner. — Verhandlungen mit dem Süden. — Rekognoszierungstour Wißmanns auf der »München« nach Kilwa. — Verhandlungen zur Mitwirkung der Marine. — Einschiffung und Einteilung der Truppen für den Süden. — Einnahme von Kilwa und Lindi. — Friedliche Besetzung von Mikindani. — Stationsgründungen im Süden. — Schlechter Gesundheitszustand der Truppen. — Verhandlungen mit den Eingeborenen. — Uebergabe der südlichen Stationen an die Chefs. — Allgemeine Lage bei der Urlaubsreise Wißmanns nach Deutschland.

Die Unterwerfung der Rebellen im nördlichen Teile unserer Küste und die Gewähr, welche die befestigten Stationen für eine dauernde und völlige Sicherheit der Städte und der Karawanenstraßen boten, erlaubten dem Reichskommissar, jetzt an die Lösung des zweiten Teils seiner Aufgabe zu gehen, an die Unterwerfung des Südens. Bevor der Leser jedoch in den eigentlichen Gang der Ereignisse daselbst eingeführt wird, möge es gestattet sein, noch einmal die Lage im Norden und eine Reihe von Thatsachen zusammenzufassen, welche in diese Zeit, — in die Monate März und April des Jahres 1890, — fallen.

In Tanga hatte sich die europäische Kolonie schnell vergrößert. Außer den Mitgliedern der ostafrikanischen und der Pflanzergesellschaft ließen sich einige Deutsche daselbst nieder, die aus privaten Mitteln Unternehmungen ins Leben rufen wollten. Der Missionar Krämer hatte die Gründung einer evangelischen Missionsstation in Angriff genommen; griechische Kleinhändler hatten sich dort, wie in allen von uns besetzten Küstenplätzen, etabliert und haben heute durch das mehrjährige Bestehen ihrer Geschäfte bewiesen, daß sie die Konkurrenz der Inder aushalten können.

An der Nordgrenze, in Muoa, wurde zwar noch viel Schmuggel getrieben, aber eine spätere Besetzung dieses Platzes war bereits ins Auge gefaßt. In Pangani hatte der, von Tanga dorthin versetzte Distriktschef Krenzler Nachricht von der Ankunft einer großen Sklaven-Karawane erhalten und es gelang ihm, obwohl die Sklaven, 207 an der Zahl, gleich auf die Schambas vertheilt worden waren, sie alle auf die Station bringen zu lassen. Wenn auch vernünftiger Weise gegen die äußerst milde Art der Haus- und Feldsklaverei nicht vorgegangen wird, so stand doch jede Zufuhr aus dem Innern, wie wir aus diesem Beispiel sehen, unter unserer Kontrolle. Am Kilimandscharo war Herr v. Eltz als Agent des Reichskommissars stationiert und seine Berichte über die Aufführung des dortigen Hauptsultans Mandara, sowie über das Fortschreiten des deutschen Einflusses lauteten günstig. Leider wird der Kilimandscharo alljährlich das Ziel vieler Sportexpeditionen, die für das Land einen Nutzen nicht haben, sondern besonders durch die planlose Ausrottung des Wildes nur Schaden anrichten.

Um Mkwadja und Sadani, wo fleißig am Wiederaufbau des Platzes gearbeitet wurde, waren nach dem Friedensschlusse mit Bana Heri die Verhältnisse ebenfalls geordnete. Bana Heri erhielt vom Reichskommissar ein Geschenk von 2000 Rupies als Beitrag zur Wiedererrichtung der Moschee.