Endlich fällt in diese Zeit als wichtigstes Moment für die Weiterentwickelung des Kommissariats und die Hebung der Aktionsfähigkeit die Vermehrung der Schutztruppe. Als der Plan zur Bestrafung der Rebellen der Südküste und zur Wiedereinnahme der nicht in unsern Händen befindlichen Küste gefaßt wurde, mußte man sich klar darüber sein, daß eine Verstärkung der Schutztruppe notwendig sei.

Nach abermaligen Verhandlungen des auswärtigen Amtes zu Berlin mit der englischen und egyptischen Regierung wurde denn auch die Anwerbung von 600 Sudanesen in Egypten genehmigt und ein in der Verwaltung des Reichskommissariats thätiger Beamter, Donarski, der gerade zur Wiederherstellung seiner Gesundheit einen Urlaub nach Egypten erhalten hatte, mit der Anwerbung beauftragt. Die Wahl Donarskis war ein entschiedener Fehler. Mit vielem Fleiß und bewundernswürdigem Eifer hatte er sich in seine ihm anfangs völlig fremde Thätigkeit eingearbeitet, aber er hatte doch niemals Gelegenheit gehabt, sich eine Kenntniß der Sudanesen und unseres Soldatenmaterials überhaupt zu erwerben. Daß Donarski für die Aushebung ausersehen wurde, hatte seinen Grund lediglich in der übel angebrachten Rücksicht darauf, Ersparnisse zu machen; er reiste eben, wie erwähnt, so wie so nach Egypten. In Kairo stand Donarski bei der Anwerbung besonders zur Seite der Vertreter von Hansing & Co. in Sansibar, Strandes, der sich in jener Zeit ebenfalls in Egypten aufhielt, und der Kaufmann Brettschneider, welche beide bei der Erledigung der komplizierten kaufmännischen Geschäfte Donarski hülfreich zur Hand gingen.

Bei der Anwerbung selbst war wiederum, wie das erste Mal, der englische Oberst Scheffer von großem Nutzen. Doch machte sich jetzt schon empfindlicher als das erste Mal die Abneigung der englischen und egyptischen Regierung geltend, die Sudanesentruppe weiterhin den Deutschen für ostafrikanische Dienste zur Verfügung zu stellen, und nur mit Mühe gelang es Donarski, in noch verhältnismäßig kurzer Zeit die gewünschten 600 Mann zu beschaffen. Immer nach Anwerbung einer genügend großen Zahl wurden dieselben wie früher nach Sues geschickt.

Zum ersten Einexerzieren waren zwei neu für Ostafrika bestimmte Offiziere, die Herren Lieutenant Scherner und von dem Knesebeck mit einigen Unteroffizieren von Deutschland nach Egypten beordert worden. Ihnen wurden die angeworbenen Leute von Donarski übergeben, und dann in gleicher Weise, wie das bei der ersten Anwerbung geschah, die Exerzitien mit den Leuten vorgenommen. Die Untersuchung und Behandlung der Leute geschah durch Assistenzarzt Dr. Buschow, der ebenfalls neu für die Schutztruppe angeworben war; indes einen Einfluß auf die Auswahl des Soldatenmaterials hatte er ebenso wenig wie die beiden Offiziere: Donarski wollte, ohne öfters laut gewordenen Vorstellungen Gehör zu geben, alles allein besorgen.

Das ganze Kontingent wurde auf dem egyptischen Dampfer Schibin in Sues eingeschifft und ging unter Donarskis Kommando nach Sansibar ab, woselbst der Transport Mitte April eintraf. Die Überfahrt war von Donarski und den Offizieren benutzt worden, die Leute einzukleiden; Uniformen, Schuhzeug, Ausrüstungsstücke, auch Bewaffnung waren bereits beschafft, und so machte bei ihrer Ankunft auf dem Dampfer die Truppe einen vorteilhaften Eindruck.

Der Reichskommissar, der mit den andern in Sansibar anwesenden Herren, — auch Major Liebert begleitete ihn bei der Ankunft des Schibin, — sogleich an Bord ging, ließ sich indes durch den vorteilhaften äußeren Eindruck nicht täuschen, sondern sagte von vornherein: »Mir gefallen die Leute nicht, es sind viel zu viel gelbe Kerls darunter.«

In der That hatten sich die guten Erfahrungen, die wir mit der egyptischen Anwerbung das erste Mal gemacht hatten, lediglich auf das schwarze Element, nicht aber auf die Gelbgesichter, die eigentlichen Egypter, Armenier und Syrer bezogen. Solcher Leute hatte die neue Anwerbung einen nur allzugroßen Prozentsatz aufzuweisen. Dazu merkten wir bald, daß die jetzige Anwerbung lange nicht soviel altgediente Soldaten zählte, wie das erste Kontingent. Ein großer Teil bestand aus Soldaten, welche wenig kriegerischen Stämmen angehörten und bisher Kriegsdienste gar nicht gethan hatten, ein anderer aus Baschibosuks, und nur ein kleiner Teil aus regulären egyptischen Sudan-Soldaten. Indes man mußte mit dem gegebenen Material rechnen, und es wurde alsbald zur Einteilung und Ausbildung desselben geschritten.

Mit Rücksicht auf die demnächst vorzunehmende andere Truppenbesetzung der Stationen des Nordens, die Wiedereinnahme des Südens und die Besetzung der zu begründenden südlichen Küstenstationen, sowie für Expeditionszwecke mußte eine neue Einteilung der Schutztruppe eingerichtet werden. Die Neuangekommenen wurden mit den bewährten felddienstfähigen Truppen des früheren Kontingents in zwei Expeditionskorps formiert. Das eine wurde zunächst unter dem Kommando des Chefs von Zelewski zum Zweck der Ausbildung in Bagamoyo, das andere zu gleichem Zweck in Daressalam unter Chef End vorläufig stationiert.

Der Reichskommissar hatte, da die Ankunft der Truppen schon im März erwartet war, gehofft, bereits im April vor Eintritt der großen Regenzeit gegen den Süden vorgehen zu können, allein die Führer der Expeditionskorps meldeten übereinstimmend, daß bei der Minderwertigkeit des diesmal angeworbenen Materials sie den Rest des Monats April für ein Einexerzieren der Leute notwendig hätten, und so wurde die Aktion gegen den Süden bis zum Monat Mai verschoben.

Bei der genannten Anwerbung ist übrigens noch ein Umstand zu erwähnen, durch den wir in große Verlegenheit gesetzt wurden. Ein Teil der egyptischen Offiziere und Unterhändler nämlich, deren sich Donarski naturgemäß für die Anwerbung der Truppen bedienen mußte, hatte sich nicht damit begnügt, die ihnen von uns gemachten Geschenke und Werbegelder einzustecken, sondern sie hatten in echt orientalischer Weise das Geschäftchen dadurch vergrößert, daß sie nach ihrem Belieben die Chargen an die Anzuwerbenden verkauften.