Ein Teil der angeworbenen Soldaten, die bis dahin Militärdienst noch garnicht gethan hatten, kauften sich Atteste als Unteroffiziere, Sergeanten oder dergl. und wurden nach Zahlung des erheblichen Backschisch an die Unterhändler als solche eingestellt. Wir mußten sie natürlich zunächst kontraktmäßig übernehmen und nach der Charge besolden. Dieser Betrug wurde erst später entdeckt, und dann natürlich thatkräftig eingeschritten. So fällt schon in die Zeit vor wie auch nach Einnahme des Südens eine große Masse von Entlassungen aus dem neuen Kontingent. Auch der hohe Prozentsatz an Todesfällen auf den Südstationen ist zum Teil der körperlichen Unbrauchbarkeit des Materials zuzuschreiben.
Während der Ausbildungszeit der neu formierten Expeditionskorps wurde von Seiten des Reichskommissariats alles versucht, in den südlichen Plätzen, wo es irgend möglich war, die Verhältnisse friedlich zu regeln, da ja jede kriegerische Aktion immerhin einen Rückgang des Handels und Wandels für beträchtliche Zeit nach sich zieht. Die Anregung zu diesen Verhandlungen ging von den Bewohnern der südlichen Plätze selbst aus.
Mikindani, Sudi, Lindi, Kissiweri hatten, auf das Gerücht hin, daß der Süden mit allen Kräften des Kommissariats angegriffen werden soll, Deputationen an Wißmann geschickt, um ihre freiwillige Unterwerfung anzukündigen und seine Bedingungen entgegenzunehmen. Zur Vornahme der Verhandlungen wurde von uns der für solche Fälle schon oft in Anspruch genommene Wali von Pangani, Soliman ben Nassr, der sich als besonders tauglich und zuverlässig hierfür erwiesen hatte, bestimmt und auf dem Sultans-Dampfer Barawa nach den südlichen Plätzen gesandt.
Der Sansibarsultan selbst, welcher damals den europäischen Interessen erheblich mehr zugethan war, als es im Anfang der Amtsthätigkeit Wißmanns der Fall war, wünschte aus Geschäftsrücksichten, möglichst schnell friedliche Verhältnisse herbeizuführen. Die Verhandlungen Solimans führten zu einem günstigen Abschluß mit den südlichsten Plätzen Mikindani und Sudi. In Lindi und von da nach Norden hin behielt indes die Kriegspartei die Oberhand. Anfang April unternahm Major Wißmann auf der »München« gemeinsam mit Major Liebert eine Rekognoszierungsfahrt nach dem Süden, gleichzeitig dampfte Korvetten-Kapitän Valette, der älteste Offizier der Station und Kommandant Sr. Maj. Schiff »Carola«, mit seiner Korvette dorthin. Noch vor Antritt der Rekognoszierungsfahrt wurde vom Reichskommissar in Sansibar der Kriegszustand und das Standrecht im Namen Sr. Majestät des Kaisers und des Sultans von Sansibar vom Rufidji bis zum Rovuma einschließlich proklamiert.
Für die Rekognoszierungstour entwarfen Major Wißmann und Kapitän Valette einen gemeinsamen Operationsplan. Zunächst bezog sich dieser auf den am besten verteidigten und befestigten auch bei weitem am meisten straffälligen Platz Kilwa Kiwindje, wo anderthalb Jahre zuvor die Beamten der ost-afrikanischen Gesellschaft Krüger und Hessel der Wut der Rebellen zum Opfer gefallen waren. Als die Schiffe auf der Rhede vor Kilwa ankerten, fand man die ausgedehnte Stadt an der Seeseite ganz und gar mit Pallisaden befestigt und mit Truppen stark besetzt. Eine Dampf-Pinasse der »Carola« wurde zur Rekognoszierung etwas näher an das Land geschickt, aber sofort vom Lande aus sowohl durch Gewehre, als mit den dort befindlichen Geschützen beschossen. Da die Geschütze verwahrloste Vorderlader waren, mit Eisenstücken, Nägeln und allem möglichen geladen, so war die Beschießung natürlich ganz wirkungslos. Die Dampfpinasse erwiderte das Feuer mit ihrem Revolvergeschütz.
Nachdem die Pinasse wieder an Bord der »Carola« zurückgekehrt war, wurden einige Granaten von der »Carola« in die Stadt hineingeworfen. Die im Bericht des Kapitän Valette ausgesprochene Annahme jedoch, daß das Feuer den Arabern in Kilwa bedeutende Verluste beigebracht haben müsse, bestätigte sich bei unseren an Ort und Stelle vorgenommenen zuverlässigen Erkundigungen nicht.
Der Reichskommissar seinerseits fing mit der »München« fünf Halbaraber und Neger auf und zog von diesen Nachrichten ein. Sie bestätigten nur, daß die Rebellen in Kilwa entschlossen seien, auf das energischste Widerstand zu leisten.
Nachdem der Zweck der Rekognoszierung erreicht war, kehrte sowohl Wißmann auf der »München«, als auch Kapitän Valette auf der »Carola« nach Sansibar zurück. Der gemeinsam verabredete Aktionsplan gegen Kilwa bestimmte Folgendes: Die »Carola« sollte die Blockierung und Beschießung des Platzes von der Seeseite aus vornehmen; »Schwalbe« hingegen mit den Wißmann für den Transport zur Verfügung stehenden Schiffen, dem gecharterten Sultansdampfer »Barawa«, der »Harmonie« und einem von den kleinen Dampfern außerhalb Mafia nach Kiswere gehen. Dort sollten die Schiffe den Eintritt der Dunkelheit abwarten und dann nordwärts den Hafen von Kilwa Kisiwani anlaufen, um hier die Truppen Wißmanns zu landen. Von dort aus sollte der Anmarsch gegen Kilwa Kiwindje beginnen, während »Schwalbe«, die ebenfalls Wißmannsche Truppen an Bord zu nehmen gewillt war, zur »Carola« auf die Rhede von Kilwa Kiwindje zurückdampfen sollte.
Die zur Teilnahme an den Operationen gegen den Süden bestimmten Truppen wurden für diesen Zweck in 3 Bataillone zu 3 Kompagnien unter dem Kommando der Herren Chef Dr. Karl Wilhelm Schmidt, Chef von Zelewski und dem Verfasser eingeteilt. Jedem der Bataillone wurde ein 4,7 cm Geschütz, dem zweiten (Rochus Schmidt) außerdem noch ein Maximgeschütz beigegeben. Für die Beförderung der Truppen nach dem Süden dienten für jedes Bataillon ein großer Dampfer und zwar für das erste Bataillon unter Dr. Karl Wilhelm Schmidt Sr. Majestät Schiff »Schwalbe«, da, wie erwähnt, Korvettenkapitän Hirschberg mit Genehmigung des ältesten Offiziers der Marine-Station die Güte hatte, einen Teil der Truppen auf sein Schiff zu nehmen, für das zweite unter dem Verfasser der vom Sultan gecharterte Dampfer »Barawa«, für das dritte unter Zelewski unser Dampfer »Harmonie.«
Am Abend des 29. April waren in Daressalam sämtliche für den Feind bestimmten Truppen und Fahrzeuge versammelt. Der Verabredung gemäß war Sr. Maj. Schiff »Carola« nach Kilwa vorausgegangen und dort nach einer sehr stürmischen Reise am 1. Mai eingetroffen. In der Nacht vom 1. zum 2. Mai wurde von der »Carola« mit der Beschießung der Stadt begonnen und dieselbe am nächsten Morgen fortgesetzt, die Befestigungen vor der Stadt, wie auch die verschiedenen Teile der Stadt wurden mit Granaten beworfen. Die Rebellen erwiderten zu Anfang das Feuer aus ihren bereits erwähnten Geschützen, selbstverständlich ohne mit der Ladung nur ein nennenswertes Stück weit zu reichen. Durch die Geschosse der »Carola« wurde ihnen bald die Lust zum weiteren Bedienen ihrer Geschütze genommen. Der Zweck der Beschießung, die Rebellen in permanenter Aufregung zu erhalten, war vollkommen erreicht.