Es entwickelten sich unter der Vertretung durch Dr. Schmidt die Verhältnisse im Norden weiterhin durchaus befriedigend. Viele Häuptlinge aus dem Innern, mit denen bereits Wißmann Beziehungen angeknüpft hatte, kamen herunter zur Küste und legten Zeugnis von ihrer Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft und von ihrem Gehorsam ab. Der Karawanen-Verkehr nahm einen erfreulichen Aufschwung. Zu Masinde, dem Sitz des Häuptlings Simbodja, ließ Schmidt, obgleich dieser Häuptling ebenfalls Proben seiner Ergebenheit und guten Gesinnung gezeigt hatte, doch, um ihn kontrolieren zu können, eine befestigte Station durch Chef Ramsay anlegen.
Nur Usaramo wurde, trotz der Niederlage der Mafiti bei Jombo im Jahre zuvor, durch einen erneuten Einfall derselben auf große Strecken hin verwüstet und entvölkert, sodaß sich der stellvertretende Reichskommissar genötigt sah, eine Expedition gegen die Mafiti mit zwei Kompagnien zu unternehmen. Der Marsch wurde von Bagamoyo aus angetreten und führte über die alten Stationen der Ostafrikanischen Gesellschaft Dunda, Madimola und Usungula nach der französischen Missionsstation Tununguo, welche am meisten von den Mafiti bedroht erschien. Auf der Station wurde zur Bedeckung derselben ein weißer Unteroffizier und 20 Mann zurückgelassen. Dr. Schmidt marschierte nach dem Dorfe Zungumero, drei Tagereisen südlich von der Station, woselbst die die Mission bedrohende Abteilung der Mafiti sich befinden sollte. Das große und stark befestigte Dorf wurde jedoch verlassen vorgefunden. Da es nicht gelang, die Eingeborenen zum Eingehen auf Unterhandlungen zu bewegen, wurde der Ort niedergebrannt.
Der Weitermarsch führte nach dem Rufidji, woselbst ebenfalls noch Mafitis versammelt sein sollten. In diese Gegend hatte sich auch der Jumbe Pangiri, dessen Dorf Pangiri, wie wir in einem früheren Kapitel erwähnt, vom Reichskommissar bei Antretung der Mpapua-Expedition zur Strafe zerstört worden war, geflüchtet und hatte Unterstützung bei der Bevölkerung jener Gegend gefunden. Er erschien jedoch bei der Ankunft des Dr. Schmidt freiwillig in dessen Lager, um sich auf Gnade und Ungnade zu unterwerfen. Schmidt erteilte ihm Amnestie unter der Bedingung, daß er mit der Expedition zugleich nach der Küste zurückkehre und sich in seinem alten Dorfe niederlasse. In der That schloß sich Pangiri mit seinen Leuten sofort der Expedition an. Mit dem Jumbe Pangiri war der letzte der angesehenen Rebellen-Häuptlinge des nördlichen Teils der Küste zurückgekehrt.
Der Rückmarsch wurde zunächst längs des Rufidji angetreten. Dr. Schmidt, den dringende Verwaltungs-Geschäfte nach Sansibar riefen, marschierte in Eilmärschen von Mtansa aus mit einer kleinen Bedeckung nach Daressalam, während Chef Ramsay den Auftrag erhielt, sich mit dem Gros der Expedition über den Rufidji nach Kilwa zu begeben und bei dieser Gelegenheit die Verhältnisse des Hinterlandes von Kilwa möglichst aufzuklären.
Von den Mafitis war das ganze Land zwischen dem Kingani und dem Rufidji einerseits und der Küste und Mahenge andrerseits stark verwüstet; auch hatten sie überall wieder die gewöhnlichen Grausamkeiten verübt. Um diesen Einfällen der Mafiti vorzubeugen und die eingeborene Bevölkerung vor ihnen zu sichern, schlägt Dr. Schmidt die Anlage einer Station in der Gegend der Schuguli-Fälle am Rufidji vor, durch welche, nach Ansicht des Dr. Schmidt, sowohl die südlich des Rufidji wohnenden als auch die nördlichen Mafitistämme in Schach gehalten werden sollten; es ist dies indes von einer einzigen Station um ein Bedeutendes zu viel erhofft.
Einer Expedition des stellvertretenden Stationschefs von Bagamoyo, Herrn von Perbandt, in dieser Zeit sei noch Erwähnung gethan. Sie hatte den Zweck, kleinere nördlich der durch Nguru führenden Karawanenstraße vorgekommene Unruhen zu beschwichtigen, wurde auf Befehl des Reichskommissars ausgerüstet und von Herrn von Perbandt geschickt und schneidig durchgeführt.
Die Verbindung nach den Süd-Stationen war bei den großen Entfernungen und der während der Zeit des Südwest-Monsums herrschenden hohen See durch die kleinen Dampfer schwer aufrecht zu erhalten und wurde, da eine Masse Baumaterial und Proviant des öfteren nach den Stationen geschickt werden mußte, durch den vom Sultan von Sansibar gecharterten Dampfer »Barawa« hergestellt. Auf den Süd-Stationen selbst entwickelten sich die Verhältnisse in durchaus befriedigender Weise.
Die Aufständischen um Kilwa hatten sich zunächst in der Absicht, weiteren Widerstand zu leisten, etwa in 8 Stunden Entfernung verbarrikadiert, doch gaben sie die Absicht eines Angriffs bald auf und faßten statt dessen den weniger energischen Entschluß, wenn ihnen von der Station Kilwa aus auf den Leib gerückt würde, Fersengeld zu geben. Der stellvertretende Reichskommissar hatte sich aber von der Möglichkeit überzeugt, daß die Verhältnisse um Kilwa, — nachdem der Ort seine verdiente Strafe durch das Bombardement und die Einnahme der Stadt erlitten und wir unserer Macht durch Anlage einer starken Station Ausdruck gegeben hatten, — weiterhin im guten zu regeln seien. Er gab deshalb die Instruktion, daß alles daran gesetzt werden sollte, die Leute zur Rückkehr zu bewegen, damit der alte Handelsplatz Kilwa bald wieder seine frühere Bedeutung zurückgewinne. Chef von Zelewski pflog auch durch Unterhändler mit den Aufständischen Verhandlungen, um dieselben zur Rückkehr in die Stadt zu bewegen, aber es dauerte trotz der immer gegebenen Versprechungen, daß sie geschont würden, geraume Zeit, ehe die Neger ihr Mißtrauen und ihre Furcht vor Strafe ablegten.
Zelewski gab sich in dieser Zeit mit dem größten Eifer dem Ausbau seiner Station und der Fürsorge für die Stadt hin und er, der leider ein Jahr darauf als Kommandeur der kaiserlichen Schutztruppe den Tod für die koloniale Sache in Uhehe sterben sollte, hat sich durch seine Thätigkeit in Kilwa ein bleibendes Denkmal gesetzt. Die äußerst praktisch angelegte Station, die aus einigen geschickt verbundenen arabischen Ruinen entstanden war, das in Kilwa erbaute Lazarett, die Entwässerung der die Stadt umgebenden Sümpfe, eine Wasserleitung in der Stadt, ein in das Meer hinausgelegter Steindamm, durch welchen die ungemein schlechten Landungsverhältnisse für die Boote verbessert wurden, geben das sprechendste Zeugnis von seiner Thätigkeit. Auf keiner der andern Stationen ist auch nur annähernd dasselbe erreicht worden, wie von ihm in Kilwa im Laufe von nur 10 Monaten.
Es gelang Zelewski endlich, die Führer der Aufständischen zur Rückkehr nach Kilwa zu bewegen und er hatte die Freude, diesen Platz zu seiner alten Bedeutung wieder erwachsen zu sehen. Nebenbei glückte es dem Stationschef, die Mörder der bei Beginn des Aufstandes ermordeten Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, Krieger und Hessel, in Kilwa festzunehmen. Sie wurden im November 1890 vom stellvertretenden Reichskommissar zum Tode durch den Strang verurteilt.