Die Furcht vor den Mafiti, in diesem Fall den südlichen Mahengestämmen, veranlaßte die Leute des Hinterlandes, sich enger an die Station anzuschließen, da sie nur von dieser Hülfe gegen ihre alljährlich das Land nach der Regenzeit heimsuchenden Feinde erhoffen durften. Bei seinem Marsch vom Rufidji nach Kilwa wurden dem Chef Ramsay von keiner Seite aus auch nur die geringsten Schwierigkeiten gemacht oder Feindseligkeiten entgegengesetzt, er konnte nur überall die große vor den Mafitis herrschende Furcht konstatieren.
In Lindi und Mikindani war es nach dem Stationsbau und den damit zusammenhängenden Arbeiten, als Freilegung des Terrains, Straßen- und Gartenanlagen, Bau des Schießstandes, Strandarbeiten etc., ebenfalls die hauptsächlichste Aufgabe der dortigen Stationschefs, möglichst bald gute Beziehungen mit der Bevölkerung herzustellen, um den Karawanen-Handel, der zwischen dem Nyassa-See und unserer Küste bestand, bald wieder dorthin zu lenken. In Mikindani waren die Verhältnisse von vornherein friedliche, da auch der einzige anfänglich nicht für Unterwerfung geneigte unter den Rebellen alsbald sich eines besseren besann und zurückkehrte. Ebenso hatten wir bereits bei der Einnahme Lindi's erwähnt, daß auch dort die Rebellen vom Reichskommissar Amnestie erbeten hatten. Der Verfasser setzte als Stationschef natürlich ebenfalls alles daran, die früheren Rebellen zur Rückkehr zu bewegen, und dies gelang ihm auch gleich in der allerersten Zeit bei fast allen. Nur einen einzigen, den Hauptbeteiligten, Raschid Schapapa, hinderte die Furcht vor Strafe und Mißtrauen gegen uns an der Rückkehr. Die andern Hauptagitatoren beim Aufstande, Kadi Omar, Fundi Majaliwa, Mohammed ben Raschid, leisteten der Aufforderung zur Rückkehr alsbald Folge.
Es sahen sowohl Chef End, der Stationschef von Mikindani, wie auch der Verfasser in Lindi ihre Aufgabe darin, hier in diesen unsern südlichen Plätzen, wohin Europäer bisher noch wenig gekommen waren, wo selbst der Sultan von Sansibar außerhalb der festen Plätze eine Herrschaft nie ausgeübt hatte, uns mehr Fühlung mit den Eingeborenen zu verschaffen und diesen das große Mißtrauen, das uns hier anfangs entgegengebracht wurde, allmählich zu benehmen. Im Hinterlande der beiden Plätze ist besonders dadurch, daß die Bevölkerung nach Möglichkeit zu den großen in der ersten Zeit natürlich notwendigen Stations-Arbeiten herangezogen und hierdurch etwas mehr an uns gewöhnt wurde, in dieser Hinsicht ein bedeutender Erfolg erzielt worden.
Um Lindi selbst gab es indes noch eine andere Frage, deren Lösung nicht so leicht erschien, nämlich die Regelung des Verhältnisses der Araber und der besitzenden Klasse überhaupt zu den Sklaven.
Lindi ist von jeher nach zwei Seiten hin bekannt: erstens als Haupt-Sklavenplatz unserer ganzen Küste und ferner durch die häufig dort vorkommenden Sklaven-Aufstände. Die Sklaven haben sich hier in den letzten Jahren des öfteren gegen ihre Herren erhoben, ihnen nicht nur den Gehorsam aufgekündigt und sind entflohen, sondern sie haben direkt die Waffen gegen sie gekehrt. Sie hatten dabei im Hinterlande von Lindi, in Luagalla, an dem Wahiyao-Häuptling Maschemba eine kräftige Stütze und fanden bei ihm einen willkommenen Zufluchtsort. Außer in Maschemba's Gebiet fanden auch noch an vielen andern Plätzen Ansammlungen von Sklaven statt, welche dann eine Art Räuberbande bildeten und die Gegend beunruhigten.
Die Sklaverei in und um Lindi verdiente kaum diesen Namen; die Sklaven konnten thun und lassen, was sie wollten und wuchsen mit der dem Neger eigenen Unverschämtheit ihren Herren über den Kopf. Im Interesse der allgemeinen Sicherheit im Lande hätten wir eine strengere Form der Sklaverei geradezu erwünscht und mußten auf alle Fälle versuchen, dem bestehenden Zustande ein Ende zu machen. Diese Regelung der Verhältnisse blieb uns Stationschefs überlassen. Nachdem unter den Häuptlingen des Hinterlandes, die auf Aufforderung des Reichskommissars mit dem Verfasser in Verbindung getreten waren, sich auch Maschemba eingefunden hatte, wurde daran gegangen, bezüglich der Sklavenfrage mit dem Häuptling ein Einverständnis zu erzielen. Ich trug ihm auf, entweder selbst zu mir nach Lindi zu kommen, oder einen seiner Söhne zu schicken, damit dieser meinen Willen erführe und wir ein die Interessen des Landes sowohl, wie, soweit angängig, diejenigen Maschembas wahrendes Abkommen treffen könnten.
Maschemba, der in jener Zeit viel mit dem Verfasser korrespondiert hat, indem er die Briefe immer in Suaheli-Sprache in lateinischen Lettern von einem auf der englischen Mission erzogenen Yao-Burschen schreiben ließ, ging auf mein Verlangen ein und sandte seine beiden Söhne mit folgendem Schreiben:
»Mein lieber Freund. Ich befinde mich wohl. Die Geschenke, die Du mir geschickt hast, sind alle angekommen, 3 Hemden, 2 Kikois, 3 Maskattücher, 12 Ballen Zeug, 4 Lessos. Meinen Dank dafür. Du schreibst mir, daß ich selbst komme oder mein Sohn. Ich schicke Dir heute zunächst meinen jüngern Sohn; der große kommt nach, er bringt noch Geschenke für Dich. Er heißt Kantande Wadi Maschemba. Damit der Brief sehr schnell kommt, bringt ihn mein jüngerer Sohn. Viele Grüße von mir. Ich bin hier wohl. Maschemba bin Tschapama.«
Der hier angekündigte Kantande, der älteste von Maschembas Söhnen, traf denn auch bald nach dem jüngeren ein und brachte, nachdem mir Maschemba schon gleich im Anfang einmal Hühner und Ziegen gesandt hatte, nun abermals die angekündigten Geschenke, welche in Kleinvieh und Hühnern bestanden, mit. Außerdem brachte er für mich als Geschenk ein Monstrum von einem Weibe, die er wahrscheinlich für besonders schön gehalten hatte. Sie besaß einen Umfang wie mindestens 3 starke Männer zusammen, so daß sie kaum durch das Stationsthor eintreten konnte. Die Wache und alle Neger, welche diese Schönheit sahen, konnten sich des Lachens nicht enthalten. Die gute Absicht Maschembas wurde zwar anerkannt, das Weib aber schleunigst in Freiheit gesetzt.
An dem Verhalten der Söhne Maschembas merkte ich bald, daß, wenngleich sie natürlich in Lindi auf alle Vorschläge und Bedingungen eingingen, und wenn auch Maschemba selbst ernstlich die Absicht zu haben schien, mit mir, falls seine Interessen gewahrt würden, sich dauernd auf einen guten Fuß zu stellen, an ein ernstliches Abkommen nicht zu denken war: sie hätten alles zugestanden, die Sache aber wäre im großen und ganzen doch beim Alten geblieben. Der Grund hierfür lag wohl darin, daß es Maschemba zwar verstanden hatte, die teils ihren Besitzern entlaufenen, teils von ihm von überall her geraubten Sklaven vorzüglich zu organisieren und gewissermaßen als große Räuberbande auszubilden, daß aber seine Autorität über diese Horde doch keine unbedingte war.