Ich entschloß mich deshalb, sobald meine Reisen in der Umgegend von Lindi beendet wären, Maschemba selbst aufzusuchen und zu sehen, was mit ihm persönlich auszurichten sei.
Meine Absicht war es, Maschemba zu verpflichten, daß er jeden ihm zugelaufenen Sklaven an die Station in Lindi ausliefere. Der Stationschef sollte dann den ursprünglichen Besitzer zitieren und diesem, wenn nicht besondere Gründe dagegen sprächen, den Sklaven zurückgeben, ihn aber zugleich verpflichten, an Maschemba für den Transport des Sklaven und die Auslieferung pro Kopf eine bestimmte Summe, die ich auf 5 Dollars anschlug, auszuzahlen. Ein solches Verfahren mag vielleicht heutigen Tages den jetzt geltenden Prinzipien bezüglich unseres Verhaltens in der Sklavenfrage entgegenstehen, scheint mir aber doch den damaligen Zuständen des Südens angemessen gewesen zu sein, da es vor allem darauf ankam, die Sicherheit des Gebietes und der Karawanenstraßen herbeizuführen und von zwei Übeln das kleinere mit in den Kauf zu nehmen.
Aber auch noch andere Umstände, als die Sklavenfrage, machten die Verhältnisse im Hinterlande von Lindi schwierig und stellten an den Stationschef weitgehende Ansprüche nichtmilitärischer Natur.
Daselbst bestand nämlich ein großartiger Pulverschmuggel sowohl von unserer Küste aus, wie auch von portugiesischem Gebiet nach unserem Hinterland. Eine Anzahl Leute im Hinterlande von Lindi selbst, unter denen wiederum Maschemba, sowie Araber und Eingeborene, hatten es verstanden, den Karawanenhandel, der von den Seen herunterkam, zum großen Teil an sich zu ziehen. Sie hielten selbst größere Lager der überall in Afrika am meisten begehrten, besonders aber im Süden verlangten Handelsartikel, nämlich Pulver, Munition und Gewehre und tauschten dagegen die Produkte des Innern, besonders Sklaven, ein.
Dies hatte den Nachteil, daß die Karawanen sich der Kontrolle an der Küste entzogen und ihre Geschäfte schon im Hinterlande abmachten, daß also an unserer Südküste eine Art Zwischenhandel bestand, der die Zoll-Einnahme stark beeinträchtigte und uns den Einfluß auf den wichtigsten und gleichzeitig gefährlichsten Einfuhrartikel benahm. Die verkaufte Munition wurde entweder nach den Plätzen unserer Küste, die nicht besetzt waren, eingeschmuggelt oder vom portugiesischen Gebiet über den Rovuma, wo ja auch Beobachtungsposten nicht bestanden, in das Hinterland eingeführt.
Dem mußte natürlich nach Möglichkeit entgegengearbeitet werden. Ich ließ durch meine Beziehungen zu den Eingeborenen und durch besoldete Spione diejenigen Leute innerhalb des Machtbereichs der Stationen ausfindig machen, die einen solchen verbotenen Handel betrieben und erschwerte ihnen ihr Gewerbe nach Möglichkeit. Ferner aber verkaufte ich, da ich diesen Zwischenhandel, namentlich die Schmuggelei über den Rovuma zu Maschemba und jenen Häuptlingen hin nicht gänzlich verhindern konnte, von der Station aus Gewehre und Munition an die Karawanen und zog diese dadurch an die Küstenplätze.
Da jedoch die Abgabe von Kriegsbedarf an die Karawanen nicht vorgesehen war, und auf den Stationen das nötige Pulver zum Verkaufe nicht vorhanden war, benutzte ich den Umstand, daß meine strenge, in der Umgegend von Lindi eingeführte Überwachung der den verbotenen Handel betreibenden Leute einerseits, wie Nachsicht gegen dieselben andrerseits einen Teil derselben bewog, mir ihre Vorräte auszuliefern. Ich vergütete ihnen natürlich, damit sie keinen direkten Schaden hatten, den Verlust an Waare durch Zahlung einer kleinen Summe.
Sodann wurden möglichst weit nach dem Innern hinein den vom Nyassa-See kommenden Karawanen Vertrauenspersonen entgegengeschickt, die ihnen mitteilten, daß sie ohne Furcht an die Küste selbst kommen, dort eine gute Aufnahme finden und die von ihnen gewünschten Artikel kaufen könnten.
Durch dieses Vorgehen gelang es sowohl dem Chef End in Mikindani, der dieselbe Taktik befolgte, wie mir in Lindi, den Karawanenverkehr an die Küste zu ziehen. Daß dabei bisweilen Sklaven vom Nyassa her bei den Elfenbein-Karawanen mit unterliefen, war erklärlich; ebenso notwendig war es auch unter den beschriebenen Verhältnissen, ein Auge zuzudrücken. Es wäre sonst der ganze Verkehr gestört oder nach dem benachbarten portugiesischen Gebiet, wo eine Kontrolle nicht bestand, hinübergelenkt worden. Wir beschränkten uns darauf, eine Sklaven-Ausfuhr von der Küste nach Sansibar, soweit dies in unsrer Macht stand, zu verhindern. — Allerdings befanden sich unter den ankommenden Karawanen in Lindi auch solche von den Wahiyao-Häuptlingen Mataka aus Mwera am Nyassa-See und Makendjira von Tschusiunguli, von denen der erstere vielleicht ein Jahr früher zwei, der letztere mit seinen Leuten einen Engländer ermordet hatte, um sich an ihnen für zu strenges Vorgehen der Engländer an der Küste in der Sklavenfrage zu rächen. Die Umstände indes und die Unmöglichkeit in den Verhältnissen am Nyassa in dieser Beziehung vorläufig Wandel zu schaffen, zwangen uns zu mildem Verhalten.
Eine weitere Landplage im Süden bildeten die das Hinterland beunruhigenden Mafiti-Stämme, besonders die Magwangwara, die mehr noch als die Sklavenjagden der Araber die Gebiete der angrenzenden friedlichen Bewohner entvölkerten und die sich immer mehr und mehr ausdehnten. Die Magwangwara werden häufig als Zulus angesehen, und werden auch wie diese Wangoni genannt, ohne es indes wirklich zu sein. Es hat in früherer Zeit allerdings von Süden her eine Invasion der Zulus stattgefunden, die weite Gebiete bis an den Tanganjika heran entvölkerten. Die meisten Stämme konnten ihnen nicht widerstehen und es sind hier und da Niederlassungen von Zulus entstanden. Gerade die Magwangwara waren jedoch ein Stamm, der den Zulus erfolgreich Widerstand leistete. Sie fanden es jedoch nützlich, die Sitten, Tracht und Kampfesweise der Zulus anzunehmen und sich einem bequemeren Gewerbe, dem des Raubes und der Plünderung, hinzugeben, mit dem sie im Laufe der Zeit ihren Nachbarn ebenso gefährlich wurden, wie die Zulus in früheren Zeiten. Eigentliche Zulu sind die Magwangwara nicht.