Der kriegerische Sinn aller am Nyassa wohnenden Stämme, so auch schon der Wahiyao, ist die Ursache, daß sie sich auf Kosten der schwächeren, friedlicheren Nachbarvölker weiter und weiter ausbreiten.
Das unmittelbare Hinterland von Lindi, insbesondere das Hochplateau, welches sich hinter der sich unmittelbar an der Küste hinziehenden Hügelkette erhebt, das sogenannte Makanda-Plateau, war ursprünglich von den Makanda, den Makua und Wamwera bewohnt; aber auch hier sind die Wahiyaos eingedrungen und beherrschen große Gebiete jenes fruchtbaren Plateaus, in dem sie ihre Grenze und ihre Macht immer mehr und mehr erweitern.
Man kann nicht sagen, daß mit dem Zunehmen der kriegerischen Bevölkerung eine Verminderung der Bodenkultur des Landes eingetreten sei, vielmehr wird diese auch von den kriegerischen Stämmen des Südens in gleicher Weise wie von den Mafiti des Nordens, — die allerdings zumeist ihre Weiber und Sklaven arbeiten lassen, — in der fleißigsten Weise betrieben. Davon legen z. B. die vielen nach der Küste kommenden Produkte Zeugnis ab.
Von der sonstigen ursprünglichen Beschaffenheit des Landes sei noch erwähnt, daß fast überall, wo nicht schon durch Bebauung eine regelrechte Kultur eingeführt ist, ein undurchdringlicher, stark mit Kautschuk-Lianen durchzogener Busch, wie wir ihn im Norden nur ganz vereinzelt finden, hier allgemein das Land bedeckt. Die Märsche unserer Truppen, das merkten wir stets bei unsern Expeditionen im Süden, werden dadurch ungemein erschwert, besonders Feinden gegenüber, wie wir sie im Süden vorfanden, die sich ganz ausgezeichnet auf die Ausnutzung des Terrains und auf die Anwendung des kleinen Krieges in Afrika verstehen. Selbst kleine Abteilungen konnten uns zuweilen die erheblichsten Schwierigkeiten bereiten.
In Lindi selbst stand ich vor der Aufgabe, der erhaltenen Instruktion gemäß, immer gute Beziehungen mit den Eingeborenen und besonders mit den Machthabern des Landes, auch wenn diese am Aufstand und selbst an der Vertreibung der Ostafrikanischen Gesellschafts-Beamten beteiligt waren, herbeizuführen. Dem schon erwähnten Kadi Omar und dem Nassr Munimgando, Leuten, die in ihren persönlichen Interessen durch den zwischen dem Sultan von Sansibar und der Ostafrikanischen Gesellschaft geschlossenen Vertrag geschädigt und zur Teilnahme am Aufstand bewogen waren, gab ich gewissermaßen Vertrauensstellungen. Ersterer diente mir als Sekretär und hatte die Suaheli-Korrespondenz mit den Machthabern der Umgegend und des Hinterlandes zu besorgen, nebenbei hatte er auch als Kadi ab und zu mir ratend zur Seite zu stehen. Letzterer hatte besonders nach außen hin darauf zu wirken, daß die Karawanen nach der Küste heruntergezogen würden. Jene beiden Leute waren ja, genauer betrachtet, ziemlich große Halunken, doch waren sie unter damaligen Umständen mir sehr nützlich. Leute dieser Art sind besonders dann gut zu verwerten, wenn sie in jeder Weise merken, daß man ihnen auf die Finger sieht.
Die Erwähnung dieser Verhältnisse habe ich für notwendig gehalten, weil sie die Grundlage der nächsten Ereignisse im Süden bilden und veranschaulichen, warum bei der Geringfügigkeit der uns zu Gebote stehenden Mittel in unserm südlichsten Gebiet ein wesentlich verändertes Vorgehen im Gegensatz zum Norden notwendig war.
Nachdem sowohl Chef End in Mikindani, als auch der Verfasser in Lindi die Arbeiten beim Aufbau der Stationen soweit geführt hatten, daß die Umwallung der Stationen und die Fertigstellung der Bastionen und Mauern vollendet war, gingen wir beide gemeinsam an die Ausführung der bereits angedeuteten Expedition in unser Hinterland. Sie galt dem Besuch des Wahiyao-Häuptlings Maschemba und der Verhandlung mit ihm, außerdem einem Besuch des einflußreichen Oberhäuptlings der Makanda Schikambo.
Ein jeder von uns hatte die disponiblen Truppen aus seiner Station herausgezogen und wir vereinigten uns in Lindi, von wo aus die Expedition angetreten wurde.
Schon am dritten Marschtage erreichten wir Dörfer der Wahiyao und hatten mit diesen aus ganz geringfügigen Ursachen (Felddiebstahl der Träger u. dergl.) Streitigkeiten, wobei es mit Mühe und Not gelang, ein kriegerisches Einschreiten zu vermeiden. Am vierten Tage, an dem wir Maschembas Dorf erreichen sollten, sandte uns dieser auf halbem Wege seinen ältesten Sohn mit einer Begleitmannschaft von etwa 40 Leuten zu unserer Begrüßung entgegen. Von den Wahiyaos wurden zur Feier des Tages Kriegstänze aufgeführt, und von jetzt an auf dem ganzen Wege bis zu Maschemba hin knallten Freudenschüsse, die Maschemba von der Annäherung der Karawane in Kenntnis setzen sollten. Nach Passierung eines vor dem Dorfe des Maschemba befindlichen ganz dichten Busches, der selbst auf dem schmalen Fußpfade eine Menge ganz besonderer Hindernisse bot, wurden wir von einer aufgeregten, total betrunkenen Bande, der besonders die deutsche von uns selbstverständlich mitgeführte Flagge unangenehm war, empfangen.
Die zahlreichen, zu vielen Hunderten hier versammelten Leute Maschembas schossen ihre Gewehre immer noch unter der Firma Freudenschüsse in die Luft ab, ein Zeichen, wie wenig es ihnen an Pulver und Munition mangelte.