Die Erledigung dieser Angelegenheit hatte die Expedition zu einer Abweichung von dem gewöhnlichen Karawanenwege veranlaßt, und wählte Wißmann nunmehr den Weg längs des Ostabhanges des Pare-Gebirges über Ndungu, Gonja, Kissiwani und von dort quer über das Hochplateau des Pare-Gebirges über Kisingo nach Pare Mabua; von hier aus wurde das hohe Ugweno-Gebirge überschritten, und gelangte die Truppe alsdann wieder auf die alte Karawanenstraße von Pangani nach dem Kilimandscharo.
Bis Kissiwani hatte die Expedition kaum mit Schwierigkeiten zu kämpfen, da die Gegend wasserreich und leidlich bebaut, die Bewohner friedlich und entgegenkommend waren. In Kissiwani wurde am 27. Januar der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers von den deutschen sowohl wie von den farbigen Soldaten gefeiert. Nachdem die Truppe durch das Entgegenkommen des Häuptlings von Kissiwani auf drei Tage sich verproviantiert hatte, wurde am 28. Januar der Marsch über das Gebirgs-Plateau fortgesetzt. Großer Wassermangel und die völlig unbewohnte Gegend machten die Märsche recht beschwerlich. Am 30. Januar wurde der Jipe-See erreicht, dessen Gestade sich ebenso wie das eben durchquerte Hochplateau durch großen Wildreichtum auszeichnen. An diesem Tage stieß die Truppe unvermutet auf Massai, welche den Schrecken der dortigen Bevölkerung bilden.
Beim ersten Begegnen mit der imponierenden, militärischen Expedition zogen sich die Massai in eiliger Flucht zurück, bald aber kamen sie in das bei Pare Mabua belegene Lager, wurden immer zutraulicher und schließlich sogar so unverschämt, daß sie das Verlangen stellten, die Truppe möge den Lagerplatz räumen, damit sie dort ihr Vieh tränken könnten; andernfalls würden sie Gewalt anwenden.
Als Erwiderung darauf ließ Wißmann in der Nähe weidende Rinderherden der Massai in das Lager treiben und erklärte ihnen, dies sei die Strafe für ihre Ungehörigkeit. Dieses entschiedene Benehmen verfehlte seine Wirkung nicht. Die Massai, welche an dieser Stelle allerdings über kaum 150 Krieger verfügten, legten sich nunmehr aufs Unterhandeln und erlangten auch durch ihre Bitten die Rückgabe ihres Viehes bis auf wenige Ochsen und Ziegen, welche der Truppe für den eigenen Gebrauch zugewiesen waren.
Am 31. Januar und 1. Februar überschritt die Expedition das sehr steile und äußerst beschwerliche Ugweno-Gebirge. Der Aufstieg wurde bedeutend dadurch erschwert, daß Alles, selbst die Geschütze und schwersten Lasten, die steilen Pfade hinaufgetragen werden mußte.
Der Hinabmarsch zur Pangani-Ebene ging naturgemäß leichter von statten. Nach dreitägigem Marsche durch die wildreiche Pangani-Ebene und nach Überschreiten des dort schon ziemlich wasserreichen Pangani-Flusses gelangte die Expedition am 3. Februar nach Aruscha Tschini. Die Bewohner dieses Gebietes, welches in dem vom Ronga-, Weriweri- und Pangani-Flusse gebildeten Dreieck liegt, hatten sich vor nicht langer Zeit an einem Überfall beteiligt, den die Leute von Aruscha ju gegen die Wapare unternommen hatten. Wißmanns Agent, Herr von Eltz, hatte ihnen Bestrafung in Aussicht gestellt. Auf den Befehl Wißmanns wurden daher zwei Waruscha, die sich zur Begrüßung im Lager eingefunden hatten, als Geiseln zurückbehalten und als Sühne eine Strafzahlung in Vieh und die Herausgabe der bei dem Raubzuge gemachten Gefangenen gefordert. Doch schien eine Lösung der Frage auf friedlichem Wege kaum möglich zu sein.
Die durch die jungen Waruscha vertretene Kriegspartei stimmte die ganze Nacht ihr Kriegsgeheul an und verweigerte jegliches Eingehen auf die Forderungen. Erst auf die nochmaligen Vorstellungen Wißmanns überwog nach langwierigen Schauris die Friedenspartei der Waruscha, und sie erklärten sich bereit, die gestellten Bedingungen zu erfüllen. Das Abkommen wurde dadurch bekräftigt, daß die Ältesten der Waruscha mit zwei der deutschen Offiziere Blutsfreundschaft schlossen.
Sodann wurde der Marsch nach Moschi, dem Wohnsitz des deutschfreundlichen Sultans Mandara fortgesetzt. Auf dem Moschiberge hatte von Eltz bereits die ersten Vorbereitungen zur Anlage einer festen Station getroffen. Nach einem Ruhetage wurde dieselbe unter Heranziehung der vielen Träger so stark befestigt, daß sie selbst von einer geringen Besatzung zu halten war.
Gelegentlich eines Besuches des Majors von Wißmann beim Sultan Mandara wurde der schon lange geplante Kriegszug gegen Sultan Sinna von Kiboscho vorbereitet. Derselbe hatte, wie bereits erwähnt, die deutsche Flagge heruntergerissen und führte an deren Stelle jetzt die rote Flagge des Sultans von Sansibar. Zunächst befahl Wißmann dem Sultan Mandara, einen Teil seiner Wadschaggakrieger zu dem bevorstehenden Kriegszuge zu stellen, weniger in der Absicht, daß sie thätig am Kampfe teilnehmen sollten, als um sie nach erfolgter Entscheidung zur Ausbeutung des Sieges zu verwenden.
Denn vermöge ihrer genauen Landeskenntnis konnten die Wadschagga mit Leichtigkeit dem fliehenden Gegner folgen und das in dortiger Gegend sehr zahlreiche Vieh zusammentreiben.