Am bedeutsamsten und empfindlichsten aber von Allem berührte uns der Verlust von Sansibar. Die Bedeutung Sansibars liegt darin, daß dort alle politischen Fäden der weitesten Gebiete Ostafrikas, speziell ganz Deutsch-Ostafrikas zusammenlaufen, und daß es das Handels-Centrum für den überwiegenden Teil Ostafrikas bildet. Fast alle Geschäfte die in unserer Interessensphäre sowohl an der Küste, wie im Hinterlande gemacht werden, sind von indischen Handelshäusern, die teils ihre Hauptvertretung, teils Filialen in Sansibar haben, abgeschlossen, also von englischen Unterthanen. Von den Indern sind fast alle arabischen Karawanen, die das Hinterland durchziehen, abhängig. Die wenigen Karawanen, welche aus dem Innern kommen und selbständigen Handel treiben, haben ihre Absatz- und Bezugsquellen allerdings an der Küste selbst mit indischen Häusern, diese aber sind immer nur Filialen der indischen Großhändler in Sansibar, sodaß also der gesamte Handel doch endlich in Sansibar zusammenläuft. Auf den großen Reichtum Sansibars durch den Betrieb der Gewürz- und Nelken-Plantagen auf der Insel selbst und auf der Insel Pemba möge auch noch hingewiesen werden. In erster Linie aber bleibt immer die Bedeutung Sansibars als politisches und Handels-Centrum, welches uns jetzt durch die Abtretung des Sultanats an England, — wenn wir nicht gewissermaßen als Vasallen Englands auf dem Festlande Kolonialpolitik treiben wollen, — in die Notwendigkeit versetzt, erheblich größere Opfer zu bringen. Nur dann können wir mit der Zeit den Verlust von Sansibar ausgleichen.
Hätten wir uns das Protektorat über Sansibar vorbehalten, so wäre uns die Möglichkeit gegeben, unsere Macht an der Küste bedeutend auszubauen. Wir hätten ein Centrum besessen, von dem aus wir bei einiger Machtentfaltung an den Seen, also an unserer westlichen Seite, leichter als jetzt die ganze Festlandskolonie hätten beherrschen können; unsere Ausgaben hätten sich bedeutend verringert.
Weshalb hat denn England so ungeheures Gewicht auf die Erwerbung Sansibars gelegt? lediglich deshalb, weil es jetzt in der Lage ist, unser gesamtes Gebiet handelspolitisch zu beeinflussen. Es wird den Engländern nie einfallen, den Sultan abzusetzen oder selbst regieren zu wollen, das letztere besorgt der Sultan unter Leitung des englischen Generalkonsuls viel besser. Noch gehen die arabischen oder indisch-arabischen Karawanen durch unser Gebiet. Große Anstrengungen werden indes zweifelsohne von den Engländern und ihrem Vasallen, dem Sultan, gemacht werden, unsern Handel nach Norden und Süden abzulenken und ihn im Süden auf dem Wege Schire—Sambesi, im Norden über Taveta nach Sansibar zu bringen.
Von Sansibar aus könnten wir ferner Deutsch-Ostafrika moralisch beeinflussen und uns an der Küste für den Anfang mit einfachen Zollstationen und geringer Polizeimacht begnügen.
Das Aufgeben Sansibars an England bedeutet für uns geradezu die Notwendigkeit eines erheblich größeren jährlichen Mehraufwands; die Ansicht vieler Kolonialgegner, daß durch die Preisgabe Sansibars eine Ersparnis am jährlichen Kolonialetat erzielt wird, ist bei den eigenartigen Verhältnissen Sansibars eine irrige. Es möge dies hier ganz besonders hervorgehoben werden.
Sansibar durch eine Bewachung der Küste, durch Ausnutzung der besseren Häfen zu ersetzen, ist bislang eine Redensart geblieben. Selbst wenn wir unsere ganze in Ostafrika jetzt befindliche Macht nur auf die Bewachung der Küste verwenden wollten, würde diese Macht noch lange nicht ausreichen, um Sansibar zu ersetzen.
Die in Artikel VIII des Abkommens getroffenen Bestimmungen, besonders die Gleichberechtigung der beiden Nationen in den wechselseitigen Gebieten, kommt in Wirklichkeit nur den Engländern zu Gute. Bei den geringeren Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, können wir an Handelsunternehmungen im englischen Gebiet nicht denken, vor allem aber haben wir keine Inder zu Unterthanen, welche wir als Groß- und Kleinhändler an die englisch-ostafrikanische Küste setzen und durch die wir uns dort des Handels bemächtigen könnten. Die Engländer dagegen, welche uns schon im Norden, Süden und Südwesten in Wirklichkeit, im Osten durch Sansibar politisch und kommerziell umklammern, sind bei der Größe ihrer Mittel in der Lage, in unserer eigenen Kolonie an deren Westgrenze einen für sie nicht aussichtslosen Wettstreit mit uns aufzunehmen.
Der Umstand, daß das Abkommen in den ersten Monaten nach dem Reichskanzlerwechsel mit großer Hast zu Stande gebracht wurde, daß man darauf verzichtete, in den Kolonien wirklich erfahrene Leute zu befragen, die sich teilweise in Deutschland selbst befanden, — ich nenne z. B. Gravenreuth und Paul Reichard, — teilweise unterwegs nach Deutschland waren, wie besonders Wißmann selbst, diese Thatsachen schienen darauf hinzudeuten, daß es sich um ganz besondere Errungenschaften in der europäischen Politik handelte, welche durch längeres Abwarten gefährdet werden könnten und die so klar zu Tage liegend wären, daß die ostafrikanischen Interessen dabei überhaupt nicht in Frage kämen. Daß dies indes nicht der Fall gewesen ist, dürfte man wohl aus der Denkschrift über die Beweggründe zum deutsch-englischen Abkommen schließen können, welche, nachdem der Vertrag perfekt geworden war, ebenfalls im »Reichsanzeiger« veröffentlicht wurde und den Vertrag dem großen Publikum erklären zu wollen schien.
Es geht aus der Denkschrift hervor, daß unsere Regierung bei Abschluß des Vertrages lediglich von der Absicht geleitet worden ist, in allen Punkten den Forderungen der Engländer nach Möglichkeit nachzugeben, dieselben, welche sich auf die Thätigkeit der Missionare, auf Entdeckungen englischer Forscher und auf Ausübung englischen Einflusses in weitestem Maße stützten, möglichst zu erfüllen und ihre Wünsche als berechtigte anzuerkennen.
Wohl hätten auch wir erwarten dürfen, daß den berechtigten Wünschen unserer kolonialfreundlich gesinnten Kreise, die doch immerhin für deutsche Verhältnisse reiche Opfer an Hab und Gut gebracht hatten, und den Hoffnungen, die sich an Opfer von Blut und Leben knüpften, mehr Rechnung getragen wäre.