Tobias Leinzeltners Schicksale im Münchener Umsturz

Tobias Leinzeltner ist Diener der Süddeutschen Verlagsgesellschaft Euterpe, Wochenblatt für Milchwirtschaft und Käserei.

Georg Leinzeltner ist der Direktor; ein älterer, massiv gebauter Herr, den man beim ersten Ansehen eher den alkoholhaltigen Branchen zurechnen würde.

Zwischen Herrn und Diener besteht mehr als Namensverwandtschaft; sie sind richtige Vettern. Nur darf Tobias bei Strafe eines prasselnden niederbayerischen Ungewitters sich dritten gegenüber zu Georg Leinzeltner als Vetter nicht bekennen; muß ihn als Herrn Direktor anreden, auch in den vier Wänden und wenn sie unter sich allein sind, ‚sonst fliegt er von der Stelle;‘ muß vergessen, daß sie einst zu Dingolfing gemeinsam Schuljungen gewesen – und er denkt stündlich daran; muß den nagenden Groll in seiner Brust erwürgen und verleugnen, daß sein Vetter Gebieter ist und er nur Sklave – wo sie doch eines Bauernblutes sind, aus einem knorrigen Holz, Tobias sogar älter – und Georg nur darum aufgeblasen sein darf und grob, weil sein Vater dem Vater Tobiae das Stammgut der Familie einst vor Jahren in langwierigen, sumpfigen Sitzungen abgeschmust und abgelachselt hat.

Nie sind Ketten knirschender getragen worden. Wenn Tobias vormittags um elf dem Herrn Direktor Weißwürscht aus dem Hackerbräu zu holen hat, so betrachtet er sie bei sich als seine Weißwürscht und sieht mit Neid und Ärger, wie der reiche Vetter sie frißt. Jeden Pfennig, den Georg ausgibt, reißt er dem Tobias vom Herzen. Er praßt unaufhörlich vor Tobiae Augen; so sieht es der Diener.

In Wahrheit ist auch Georg Leinzeltner, der Herr Verlagsdirektor, keineswegs auf Rosen gebettet. Man hegt ja große Hoffnungen für die Euterpe m. b. H. – einstweilen aber geht das Wochenblatt nicht besonders gut. Man kann sagen, es geht garnicht. Es lebt von Anzeigen – und die Anzeigen werden vom Herrn Direktor selbst äußerst mühsam ‚hereingeholt‘: indem der Herr Direktor zuerst einen saftigen Aufsatz I. schreibt ‚über gewisse gewissenlose Aussauger des armen Milchproduzenten‘ und mit dem Gelöbnis schließt, ‚in der nächsten Nummer unsres verbreiteten Blattes in diese Elemente ausführlich hineinleuchten‘ zu wollen. Die ewig drohende Fortsetzung II. ist noch nie erschienen; denn alles, was Butter in Milchdingen auf dem Kopf hat, beeilt sich, rechtzeitig in der ‚Euterpe‘ halbseitig zu annoncieren.

Wirkt Direktor Georg Leinzeltner also im Grund sittlich bessernd auf seinen Kreis, indem er die Schädlinge durch fortgesetzte Erpressung wirtschaftlich schwächt, so steht er doch stets mit einem Fuß in den Schlingen der öffentlichen Rechtspflege. Die Weißwürscht, wo das Schicksal ihm gewährt, sind nur eine – nicht einmal unbescheidene – Gefahrprämie.

Tobias merkt es nicht; sein Grimm nimmt die Weißwürscht des Vetters wahr, nicht die Seelenängste.

In Anbetracht der peinlichen Finanzlage des Verlags war es doch wohl übertriebene Vorsicht des Herrn Direktors, wenn er schon beim ersten Hahnenschrei des revolutionären Maschingewehrs aus München floh – offenbar befangen von dem Irrwahn, er wäre Kapitalist und Zielscheibe des Proletenhasses. Andrerseits muß ein Schutzengel ihn gewarnt haben: denn schon am Geburtstag der Räteherrschaft hatte Tobias, der böse Diener, in einem blindgehässigen Brief ohne Unterschrift grade Herrn Georg Leinzeltner, den Vetter, als einen der reichsten Bürger gekennzeichnet, als Leuteschinder, vielfachen Millionär und fanatischen Weißwurschtgenießer, den das erwachende ‚Voik‘ zu allererst zu vernichten hätte ‚wannz überhaubz an Ordnung gäbet in der königlichen Rebublick.‘

Ob mit, ob ohne Not – genug, Georg, der Herr Direktor, war nun einmal nicht da, sondern im heimatlichen Dingolfing und – Tobias, der Diener, sah sich allein im Brausen des Umsturzes; sah sich, der Diener ohne das Korrelat eines Herrn. Und hatte die neue Regierung ohnehin verkündet: es gebe keine Diener mehr – so ist ein herrenloser Diener am allerwenigsten denkbar. Tobias Leinzeltner tat also recht daran, wenn er sich seiner Stellung enthoben fühlte, für arbeitslos hielt.