Ob sein Vetter, der Herr Direktor, zurückkehren wird, stand in den Sternen geschrieben, Tobias Leinzeltners rückständiger Lohn vielleicht sogar im Schornstein. Tobias beschloß nach einiger Überlegung, sich an das Sichere zu halten: an die Arbeitslosenunterstützung des Staates.

Und Tobias stellte sich an – hinten als letzter an eine endlos krumme Menschensäule, um seinen Anspruch auf die Unterstützung anzumelden. Nach der Hohenzollernstraße 15 sollt er, zwei Treppen, Zimmer 59, gleich links – da war das Amt – und er stand gegen Mittag noch auf dem Kaiserplatz. Herrgott, bis die Menschensäule da im stockenden Schritt der Wartenden nach der Hohenzollernstraße vorrückt! Er hatte mit dem Nachsinnen kostbare Stunden vertrödelt, das ist klar – und wirklich, er kam zur unrechten Zeit: vor ihm waren schon Zehntausende auf dem Amt gewesen, vielleicht hunderttausend, und der Volksbeauftragte war sehr kritisch mit der Zuteilung der grünen Zettel; er sah sich jeden Bittsteller dreimal an.

„Du, Genosse,“ sagte er zu Tobias, „bist doch ein kräftiger Mann? Du könntst hinaus aufs Dorf? Kartoffeln graben? Torf stechen?“

Davon verstehe er nichts, wandte Tobias ein und blickte scheu hinweg; er sei nun einmal gelernter Redaktionsdiener für Milchwirtschaft.

„Na, deinetwegen werden wir keine Fachblätter gründen,“ brummte der Beauftragte. „Tritt in die Rote Garde ein – anders gibts kein Brot!“

Tobias – was sollt er? – sagte: Gut! – und sie führten ihn mit einem Trupp Leidensgenossen nach der Türkenkaserne, hängten ihm ein Gewehr um, steckten ihm fünf Handgranaten von oben in den Hosenriemen und gaben ihm eine gestempelte Binde, die sollt er auf dem Ärmel tragen. Die Hauptsache aber: einen Napf Pichelsteiner Fleisch kriegte er und zwanzig Mark Handgeld. Das ließ er sich wohl gefallen; und trollte sich nach Haus.

Am nächsten Morgen sitzt Leinzeltner gemütlich daheim mit seinen Spezis bei einer frischen Maß und erzählt seine Abenteuer von gestern und haut auf den Tisch und sagt: wenn jetzt, wenn heut, wenn abermals der saubre Herr Vetter käme, der Direktor, und tät wiederum so maulen und ‚Tobias, Tobias!‘ brüllen und ihn, den Leinzeltner, zehnmal an einem Vormittag auf die Post schicken – und andre reaktionäre Umtriebe machen: so würde er als Rotgardist es garnie nicht dulden; für so was hätt er nun ganz einfach die Flinte da hinterm Bett und fünf Stück Handgranaten.

„Hehe!“ grinsten die Spezis, „hast denn schon amal aus an Gwehr gschossen?“

Habe er allerdings noch nicht, räumte Tobias ein – indem er wegen seiner Plattfüße dauernd untauglich gewesen; doch wenns zum Knallen ist, werde er seinen Mann schon stellen, darauf könne man sich verflucht verlassen.