Von Modernen führt der emsige Autor nur zwei oder drei Episoden an. Sogar das bekannte Erlebnis Gottfried Kellers fehlt: wie Keller, der trinkfeste Mann, des Nachts zu Zürich im Graben lag und den Wächter fragte:

„Guete Fründ, chöned ihr mir ächt nüd sägge, wo de Gottfried Keller wohnt?“

„De Gottfried Keller? Hä, dä sid ihr ja sälber.“

„Säb han ich dich nüd gfraget, du chaibe Hagel! Wüsse will ich, wo–n–er wohnt.“

Sicherlich hat ein Dutzend Literaturhistoriker nachgewiesen, die Geschichte könne unmöglich wahr sein: weil Gottfried Keller niemals trank; oder weil er nie in Zürich wohnte; oder weil Zürich keine Nachtwächter hat; oder weil die Zürcher Nachtwächter auf keine Fragen antworten. Irgendeinen Grund werden die Herren Literaturhistoriker schon gefunden haben. Was tuts zur Sache? Hübsche Anekdoten sind niemals wahr.

Nun aber kommen ein paar wahre.

*

Es gibt einen Publizisten von Ruf und Talent, doch leider führt er eine wahrhaft groteske Kralle. Ein Sinologe, der einst eine Probe davon zu Gesicht bekam, erklärte sie zögernd für ‚wahrscheinlich südtibetanisch,‘ den Dialekt für ausgestorben und das Ganze für chiffriert. Ein einziger Setzer in der Druckerei vermag bei günstiger Witterung besonders langsam geschriebene Wörter zu entziffern, wobei persönliche Freunde und Familienangehörige des Verfassers mitwirken. Dafür bezieht der Setzer eine Zulage, hat zwei Nachmittage in der Woche frei und wird auf drei Schritt Distanz mit ‚Mein lieber Memminger‘ angesprochen. Von der Möglichkeit seines Scheidens aus der Druckerei spricht der Metteur nur mit gedämpfter Stimme.

Da begab es sich eines Tages, daß der Publizist in vornehmem Kreis eine politische Nachricht von Wichtigkeit erfuhr. Ans Telephon konnt er nicht eilen – es wäre der Gesellschaft aufgefallen. Er verlangte vom Ober einen jener schmalen Zettel, die den Kellnern zur Berechnung der Zeche dienen, und warf einige Zeilen darauf:

„Dr. Kahr ist zum Ministerpräsidenten ausersehen“ und schickte das Ding mit der mündlichen Botschaft ‚Äußerst wichtig‘ auf die Redaktion.