Auf einem solchen Spaziergange geschah es, daß eine zufällige Begegnung mich aus diesem Zustande der Sehnsucht und halben Müßiggangs riß.

Eines Tages wollte ich in meine Wohnung durch die Thür, die auf der Kirchenseite unter den dicken Linden sich befindet, zurückkehren. Ein prächtiger Wagen hielt davor; kaum war ich an demselben vorüber, als eine Stimme, die ich augenblicklich wiedererkannte, mich voll Ueberraschung zurückkehren ließ.... »Herr Julius!« rief diese Stimme mit großer Bewegung.

In meiner Verwirrung zögerte ich näher zu treten, als ich zu bemerken glaubte, daß man mir winke. Ich wendete wieder um; in rascher Hast öffnete sich der Schlag und ich befand mich Angesichts der liebenswürdigen Lucy! Sie war in Trauerkleidern, ihre Augen naß von Thränen... Bei diesem Anblick brachen auch mir die Thränen hervor.

Ich erinnerte mich alsbald an ihr weißes Gewand, ihre kindlichen Befürchtungen, an die Worte des Greises, an seine Güte gegen mich. O! wie sehr verdiente er noch zu leben, sprach ich nach einer Weile, der Verlust ist schmerzlich, mein Fräulein!... Erlauben Sie mir, daß ich diese Zähren dem Gedächtniß seiner herzlichen Güte, das in mir lebt, zolle. Lucy hinderten ihre Gefühle zu antworten, sie drückte mir die Hand mit einer Bewegung, deren dankbare Huld durch eine anmuthige Zurückhaltung in Schranken gehalten wurde.

Ich hoffe, sagte sie endlich, daß Sie glücklicher sind, als ich, und Ihren Herrn Oheim noch besitzen... – Er lebt, versetzte ich, aber das Alter kommt immer mehr und beugt ihn zur Erde. Wie oft, mein Fräulein, habe ich an Ihren Vater gedacht!... und jeden Tag begriff ich Ihre Betrübniß mehr.

Lucy wendete sich jetzt zu einem Herrn, der neben ihr saß, und erklärte ihm in wenigen Worten auf Englisch den Zufall, dem sie vor fünf Jahren meine Bekanntschaft und die meines Oheims verdankte, und wie mein Wiedersehen, das ihr so lebhaft einen Tag vorgeführt habe, da ihr Vater so glücklich und liebevoll war, ihr diese schmerzliche Bewegung verursachte. Sie fügte noch eine Lobeserhebung über mich und meinen Oheim hinzu, und als sie davon sprach, daß ich Waise sei, bemerkte ich in ihren Mienen und in ihren Worten dasselbe Mitleid, welches mich früher so sehr ergriffen hatte. Als sie mit ihrer Erzählung fertig war, reichte mir der Herr, welcher nicht Französisch zu sprechen schien, die Hand mit dem Ausdrucke wohlwollender Achtung.

Da wandte sich Lucy an mich: der Herr ist mein Gemahl; er ist der Beschützer und Freund, den mein Vater selbst für mich erwählt hat. Nach jenem Tage, wo Sie ihn sahen, Herr Julius, sollte ich ihn nicht mehr lange behalten... Achtzehn Monate später rief ihn Gott zu sich ab... Mehr als einmal erinnerte er sich lächelnd Ihrer Geschichte... Wenn, fügte sie hinzu, auch Sie ein dem meinigen ähnliches Leid erfahren werden, so bitte ich Sie, mich davon zu unterrichten; ich will Ihren Oheim begrüßen... wie alt ist er?

Er tritt in sein fünfundachtzigstes Jahr.

Meine Antwort machte großen Eindruck auf sie; erst nach einigem Schweigen versetzte sie: Ich bin gekommen, um mit dem Maler zu sprechen, der das Bild meines Vaters gefertigt hat... Glauben Sie, Herr Julius, daß ich ihn allein treffen kann?