Das hieß sich mir bedeutend nähern, ohne im geringsten Arg von mir zu haben; das Gefühl, welches mir dieses tugendsame, stolze Mädchen einflößte, war der Art, daß ich einen sehr bittern Verdruß darüber empfand. Uebrigens war die Unterhaltung durchaus nicht nach meinem Sinne. Henriettens Worte verkündeten zwar ein wirklich freies Herz, aber auch ein starkes, das über sich selbst verfügte, und wenn es auch geschaffen war, sich ohne Wiederkehr zu geben, doch nicht jene zarten, leicht entzündbaren Seiten darbot, durch welche allein ein junger Mann meiner Art den Zugang zu finden sich schmeichelt. Das Einzige, was meine Hoffnungen ermuthigte, waren die Worte der Mutter. Die gute Frau schien mir, indem sie die Achtbarkeit der Armuth pries, wahrhaft göttlich und ganz zu meinen Gunsten zu reden. Denn ich war ehrenhaft, aber vor allen Dingen war ich arm.
Unglücklicherweise hing Henriette nicht von ihrer Mutter allein ab. Es war ein auffallender, jedoch natürlicher Zug, daß jener Charakter des Stolzes und der Unabhängigkeit, welcher bei den Mitgliedern dieser Familie so sichtbarlich hervorsprang, sich bei jeglichem mit einer gänzlichen Unterwürfigkeit unter den Willen des Familienhaupts, der die Seele Aller bildete, vereinigte. Der Feldmesser, ein fester, strenger, arbeitsamer Mann, übte, wenn er auch in seinem Wesen nicht sehr gesprächig und in seinen Formen nicht übermäßig höflich war, auf alle die Seinigen die mächtige, einflußreiche Gewalt des guten Beispiels, der Aufopferung, untadelhaften Wandels. Seine Frau liebte ihn bis zur Verehrung, und seit ein selbständigeres Urtheil Henrietten gestattete, ihren Vater mit andern Männern zu vergleichen, gewöhnte sie sich, ihn höher als die Mehrzahl derselben in ihrer Achtung zu stellen; so, daß ihre mehr tiefe als zärtliche, mehr ehrerbietige als mittheilende kindliche Liebe dem Urheber ihrer Tage einen unbedingten Gehorsam zollte. Weder ihr Herz noch ihre Person konnten einem Andern angehören, als dem der Vater, der in ihren Augen so würdig war, ihre Wahl zu leiten, den Vorrang ertheilte.
Ich habe seitdem Gelegenheit gehabt wahrzunehmen, und zwar oft mit jenem Gefühle der Bewunderung, welches die Augen mit heißen Thränen füllt, wie anziehend und ehrwürdig diese bescheidene Familie, wie wahrhaft groß dieser geringe Mann war. Allein damals erschienen mir diese Strenge, diese Unterwürfigkeit, diese Tugendhaftigkeit als eben soviel Hindernisse meiner Wünsche. Was kümmerte es mich denn auch, daß die Frauen unterwürfig waren, da ich meinerseits nicht wußte, wie ihrem Herrn und Meister zu nahen? Was lag mir daran, daß der Feldmesser streng, entschieden, arbeitsam war, wenn diese Eigenschaften, die er zweifelsohne in seinem Schwiegersohne wiederfinden wollte, just mir gebrachen? Zwar konnte er dafür die guten Eigenschaften, welche ich zum Ersatz für die seinigen bieten konnte, mir zu gute rechnen; allein ich hegte wenig Hoffnung, in diesem Punkte viel Glück zu erfahren. In der That, die rauhe Unzugänglichkeit des Mannes, sein stolzes, empfindliches Auge, seine abgemessene Rede und der Einfluß seines Charakters verursachten mir, ihm gegenüber, eine Linkheit, welche alle meine Lichtseiten in den Schatten stellte.
Also stand alles mir entgegen, und wie das zu gehen pflegt, jedes Hinderniß machte meine Wünsche nur glühender; jemehr ich daran dachte, wie schwer, ja unmöglich es sei, Henriettens Hand zu erlangen, destomehr vereinigte sich all' mein Begehren in einen sehnlichen, in einen einzigen Wunsch, den, diese Hand zu erlangen.
Dies verleitete mich nun zu einem ritterlichen, aber verzweifelten Beginnen; nämlich: den ersten Schritt mit Gewalt zu thun, indem ich meiner Zukünftigen das leidenschaftliche Geständniß meiner Gefühle machte. Es handelte sich in der That auch nur darum, eine günstige Gelegenheit zu erspähen. Ich erspähete also, und so lange und so vortrefflich, daß eine Gelegenheit um die andere mir entschlüpfte, ohne daß ich zu einer Erklärung gelangte.
Es war Anfangs des Morgens. Wir stiegen zuweilen allein hinauf, und ich war mit Henrietten schon zu dem Grade der Vertraulichkeit gekommen, daß ich nach dem Gruße mich an sie wendete, um nach ihrem Vater zu fragen und meine Ansicht über das langweilige Regenwetter oder die schönen Tage auszusprechen. Zehnmal wenigstens ermunterte mich meine Kühnheit, weiter zu gehen und ein entscheidendes, zärtliches Geständniß auszusprechen; doch stieg mir in dem entscheidenden Augenblicke das Blut in die Wangen, die Verwirrung raubte mir die Sprache und ich verschob es auf einen Augenblick, wo ich ohne Erröthen und ohne Verwirrung sein würde. Während ich so auf den günstigen Augenblick wartete, mischte sich der Feldmesser unmerklich wieder in's Spiel, und Henriette stieg nicht wieder allein zum Dachstübchen hinauf.
Aber die Liebe ist so erfinderisch! Zur Stunde des Mittagessens ging und kam Henriette, ohne begleitet zu sein; ich richtete mich also ein, daß ich mit ihr zusammenging. Das Ding gelang vortrefflich. Mir fehlte nichts mehr, als mich zu erklären, da verlegte die Familie auf einmal plötzlich ihre Essenszeit und ich mußte Mittags wie Abends allein die Treppen auf und ab wandeln.
Nun blieb noch ein letztes Mittel, allerdings sehr gewagt, aber unfehlbar. Dies war nämlich, unter irgend einem Vorwande mich zu Henriette zu begeben und daselbst meinen Gefühlen freie Sprache zu verleihen. Gar manches Mal machte ich mich auf den Weg, allein jedes Mal blieb mir nichts übrig, als wieder umzukehren, denn die Mutter Henriettens fing nach und nach an, ihr bei der Arbeit Gesellschaft zu leisten.