Ich verdanke es den Lehren des Herrn Ratin und seinen zuchtreichen Reden, daß ich während des ganzen Verlaufs einer Jugend, worin ich kaum etwas anderes that als lieben, niemals an eine Frau das mindeste zärtliche Wort richtete. Diese dumme Schüchternheit ist ein Gut, dessen Werth ich gegenwärtig erkenne. Sie ist's, die dem Jüngling jene angeborene Verschämtheit, welche, einmal verloren, nicht wiederkehrt, erhält und ihn dieselbe bis in die Ehe hinein behaupten läßt; sie bewahrt sein Herz jung und rein; sein Herz füllt sich mit tausend regen, zärtlichen Gefühlen, deren Trieb er unterdrückt, doch nur, um den reinsten und reichsten Zoll derjenigen darzubringen, welche die Gefährtin seines Lebens sein wird.
Allein damals dachte ich anders. Ich war unwillig über mich selber und überlegte, wie oft bereits diese unheilbare Schüchternheit meine Zunge gebannt hatte, wo alles mich zum Sprechen einlud, und ich begann bereits zu glauben, daß ich vermöge dieses angeborenen linkischen und blöden Wesens ewig Junggeselle bleiben müßte, blos weil ich meine Gefühle nicht auszusprechen vermochte. Glücklicherweise kam der Zufall mir zu Hilfe.
Als ich so eines Morgens meinen entmuthigenden Gedanken nachhing, klopfte es an meine Thür. Ich eilte zu öffnen: es war Lucy. Der Besuch dieser Dame erfüllte mich mit heitrer Stimmung, denn ich wußte im Voraus, wie schmeichelnd verbindlich ihre Rede war, und bildete mir fest ein, daß jenseit der Scheidewand Henriette kein Wort verlor.
Lucy kehrte von einem Ausfluge in die Schweiz zurück und kam, um nach ihren Kopien zu fragen. Sie war allein, ich zeigte ihr dieselben; sie war so freundlich, davon entzückt, bezaubert zu scheinen und mich mit Lobeserhebungen über meine Talente zu überschütten. Auch war ich außer mir vor Freude, als sie auf einmal abbrach und mich fragte: Sie waren gestern nicht zu Hause?
Hatten Sie sich bemüht, bis zu meinem Zimmer zu steigen, gnädige Frau? Gerade gestern Morgen ließ mich mein Oheim zu einem Spaziergange mit ihm abrufen.
Dies sagte mir eben eine junge Person, die in dem Zimmer nebenan arbeitet und bei der ich mich einige Augenblicke erholte. Können Sie mir nicht sagen, wie sie heißt?
Bei dieser Frage erröthete ich bis über die Stirne. Lucy bemerkte es und verbesserte sich nicht ohne einige Verlegenheit: Ich habe Ihnen da eine dumme Frage gethan, die etwas zudringlich sein kann, entschuldigen Sie, Herr Julius... Mein einziger Beweggrund war das Verlangen, den Namen des jungen Mädchens zu wissen, deren Miene, Haltung und Benehmen meine Theilnahme erweckt haben.
Sie heißt Henriette... versetzte ich, noch in größter Verwirrung. Es ist dies ein Name, den ich nicht ohne Bewegung ausspreche, obgleich ich mir ihn unaufhörlich wiederhole... Aufgemuntert durch die Miene, womit Lucy mich anhörte, vorzüglich aber aufgemuntert von dem Gedanken, das große Wort meines Geständnisses zu fördern, vielleicht sogar zu Stande bringen, fuhr ich fort: Da ich gewagt habe, soviel zu sagen, glaube ich noch mehr sagen zu müssen... Dies junge Mädchen, alle Tage sehe ich sie, ich arbeite neben ihr, ich liebe sie!... und Ihre Frage hat mich so bestürzt, als hätten Sie ein Geheimniß überrascht, welches bisher in der Tiefe meines Herzens verborgen war!... Nun wissen Sie genug, um meine Empfindungen zu begreifen und die Wünsche, welche sie in mir erwecken, wenn ich mich überreden könnte, daß sie günstig aufgenommen würden...
In diesem Augenblicke wurden wir unterbrochen; es war der Gemahl Lucy's. Wir kamen wieder auf die Kopien zu sprechen; bald darauf verließen sie mich.