Und kaum hier an diesem entlegenen Orte glaubte ich mich vor den Nachstellungen der Gerechtigkeit gesichert. Ohne Unterlaß richtete ich meine Blicke nach der Heerstraße zu, und allemal wenn Kühe, ein Esel, ein Wagen den Staub etwas aufwirbelte, bildete ich mir ein, die gesammte Gendarmerie nach allen Richtungen zu meiner Verfolgung ausgesendet zu sehen. Mehr und mehr von dieser Angst gefoltert, faßte ich einen entscheidenden Entschluß: nämlich meinen Weg bis nach Lausanne fortzusetzen, wo sich mein Onkel aufhielt. Ich machte mich also wieder auf den Marsch.


In jedem Alter ist die Verbannung eine gar traurige Sache; wie erst für ein Kind, das vom Mutterherde noch nicht fortgekommen. Kaum drei Stunden trennten mich von meiner Vaterstadt, und es schien mir, als sei ich im endlosen All verlassen und hätte jegliche Stütze, jegliche Freistätte verloren. So ging ich mit schwerem Herzen an dem Ufer des Sees hin, der mir vordem von meinem Fenster aus so lachend erschien. Je weiter ich mich entfernte, desto schwächer wurde die Furcht, aber jene Gefühle bemächtigten sich meiner mit immer größerer Gewalt. Zwei oder drei Male setzte ich mich am Rand der Straße nieder, denn meine Traurigkeit war so groß geworden, daß ich mich versucht fühlte, wieder umzuwenden und meinen Lehrer um Verzeihung zu bitten.

Es war zu spät. Außerdem befand ich mich nach meinem Marsche fast eben so nahe bei Lausanne als bei Genf, bei meinem Onkel als bei Herrn Ratin. Dieser Umstand belebte meinen Muth. Die Ruhe kehrte in meine Brust zurück und schon dachte ich wieder an die junge Miß und knüpfte von neuem den Faden der süßesten Träumereien, die mich gestern um dieselbe Stunde so sehr entzückt hatten, an. Inmitten dieser bezaubernden Natur erschien mir ihr Bild unendlich süßer; die Klarheit des Himmels, der Duft, welcher die Berge färbte, die Frische der schönen Ufer gesellte sich hinzu und die Traurigkeit der Verbannung entschwand.

Was für Kraft und Drang ist in der Jugend! Bin ich wol derselbe, den ich eben schilderte? Bin ich jener Jüngling, der leichten Fußes am Ufer hineilt, voll Liebe die azurnen Fluthen betrachtet, die grünen Berge Savoyens, das alte Schloß Hermance und die Luft und die Räume mit den lebendigen Empfindungen, die ihn beseelen, erfüllt?


Bei der Abenddämmerung wendete ich mich von der Straße seitwärts, um bei Bauersleuten ein Obdach zu begehren, welche dafür das einzige Geldstück, das ich besaß, annahmen. Ich theilte ihre Suppe und ihr ländliches Lager und am folgenden Morgen mit Tagesanbruch verließ ich sie, um meine Reise fortzusetzen.

Ich war ohne Mütze fortgelaufen; die Strahlen der Morgensonne verbrannten mein Gesicht. Deshalb blieb ich unter den Thorwegen der Meiereien stehen, um etwas Kühlung zu genießen, bis die Blicke der Meier oder der Vorübergehenden mich aus meiner Zufluchtsstätte fortscheuchten; denn ich fürchtete immer, daß der Verdacht der Verbrechen, welche ich begangen hatte, der Grund ihrer Neugierde wäre, obgleich dieselbe einzig und allein aus meiner Jugend und meiner auffallenden Tracht hervorging.