Also war der Anfang meiner Jugend; ich werde in der »Bibliothek« erzählen, wie ich drei Jahre später dieselbe beschloß.
II.
Die Bibliothek.
Um meine Ferien nutzreich zu verbringen, hat mein Oheim mir gerathen, den Grotius zu lesen und dann den Pufendorf, um hinterher den Burlamaqui vorzunehmen, der in dem Augenblicke abhanden gekommen war. Also stehe ich morgens früh auf, gehe an meinen Tisch, lasse mich nieder, kreuze die Beine und schlage das Buch auf.... Allein dann geht es mir gar seltsam.
Nach Verlauf einer halben Stunde beginnen Geist und Augen rechts und links abzuschweifen. Anfänglich nur auf den Rand des Quartanten, wo ich einen gelben Punkt auskratze, ein Stäubchen fortblase oder ein Knötchen mit aller möglichen Sorgsamkeit aus dem Papier löse, dann geht es an den Kork meines Dintenfasses, der ganz voll kleiner sonderbarer Merkwürdigkeiten ist, deren jede einzelne mich nach der andern in Anspruch nimmt, bis ich endlich meine Feder in den Ring desselben stecke und ihn in sanftem Schwunge tanzen lasse, was mir unsägliches Vergnügen macht. Hierauf lehne ich mich mit Wohlbehagen rücklings in meinen Sessel, strecke die Beine aus und falte die Hände über dem Kopf. In dieser Lage fällt es mir sehr schwer, nicht irgend eine Arie zu pfeifen, wobei ich mit unwillkürlicher Beharrlichkeit den Bewegungen einer Fliege folge, die durch die Scheiben zu dringen versucht.
Darüber werden mir die Glieder steif und ich erhebe mich, um, mit den Händen in den Taschen, einen kleinen Spaziergang zu machen, der mich in die Tiefe des Zimmers führt. Hier stoße ich auf die finstere Wand und kehre ganz natürlich zu dem Fenster zurück, wo ich mit den Fingerspitzen einen unübertrefflich schönen Wirbel trommele. Doch da fährt ein Wagen vorbei, ein Hund bellt, oder es geschieht gar nichts; ich muß sehen, was es gibt; ich öffne.... Bin ich einmal da, so komme ich sicher nicht sobald wieder weg.
Das Fenster! das ist der echte Zeitvertreib eines Studenten; ich meine darunter einen fleißigen Studenten, das will sagen einen solchen, der weder Schenken noch Taugenichtse besucht. O, so ein wackrer junger Mann! Er ist die Hoffnung seiner Eltern, die ihn ehrsam und gesetzt wissen; seiner Lehrer, die ihn weder die Promenaden besuchen, noch durch die Straßen sprengen, oder am Kartentische sitzen sehen, und mit Wohlgefallen sagen, daß der junge Mann es weit bringen werde. In dieser Hoffnung liegt er ruhig in seinem Fenster.
Dieser er... ohne Bescheidenheit gesprochen, bin ich. Hier verbringe ich meine Tage und wenn ich's sagen soll... Nein, weder meine Lehrer, noch Grotius und Pufendorf haben mir den hundertsten Theil der Unterweisung zukommen lassen, welche ich hier schöpfte, indem ich blos auf die Straße hinabschaute.