Meinem Fenster gegenüber, ein klein wenig höher, befindet sich der eine Saal des Hospitals. Von dem Platze, wo ich arbeite, kann ich die dunkle Decke sehen; zuweilen steckt der widerwärtige Krankenwärter die Nase gegen die Fensterscheiben und schauet in die Straße. Wenn ich auf den Tisch steige, überblicken meine Augen den jammervollen Aufenthalt, wo Schmerzen, Sterberingen und Tod ihre Opfer auf zwei langen Reihen von Betten ausgestreckt haben. Ein grauenvoller Anblick, zu dem mich nichts desto weniger eine düstere Theilnahme hinzieht, wo bei dem Anblicke eines sterbenden Unglücklichen meine Einbildungskraft zu Häupten seines Lagers schweift, und bald sich zu dem erlöschenden Leben wendend, bald zu der sich öffnenden Zukunft zurückkehrend, sich in dem schwermuthsvollen Reize ergeht, der stets an dem Geheimnisse haftet, womit das menschliche Geschick umhüllt ist.


Links unten in der Straße ist die Kirche, einsam die Woche über, Sonntags angefüllt und von frommen Gesängen ertönend. Auch hier beobachte ich, was hineingeht, was herauskommt, ich fasse meine Muthmaßungen, jedoch mit minderer Sicherheit. Es ist ja kein Thürsteher da. Und gäbe es einen, so wäre mir damit schwerlich weiter geholfen, denn es ist ein Charakterzug des Thürstehers, sich an's Kleid zu halten; darüber hinaus ist er blind, stumm, taub und seine Mienen spiegeln nichts wider. Ich aber möchte die Seele derer kennen lernen, die die Kirche besuchen. Leider sitzt die Seele unter dem Kleide, unter dem Brusttuche, unter dem Hemde, unter dem Fleische, und oft auch ist sie nicht da, sondern schweift umher während der Predigt. Ich tappe alsdann umher, muthmaße, setze voraus und befinde mich dabei auch nicht übel; denn gerade das Schwankende, Unbestimmte, Zweifelhafte ist eben die Nahrung und der Zauber des Umhergaffens.

Rechts ist ein Brunnen, um dessen blaue Fluth Mägde, Burschen, Knechte und Frau Basen Hof halten. Beim Geplätscher des sich füllenden Eimers sagt man sich Süßigkeiten, man erzählt sich das harte Benehmen der Herrschaft, die Unannehmlichkeiten des Dienstes, die geheimen Hausgeschichten. Dies ist meine Zeitung, die um so unterhaltender ist, als ich nicht alles vernehmen kann und oftmals rathen muß.

Oben zwischen den Dächern hin erblicke ich den Himmel, der bald hoch und blau ist, bald grau und von fliegenden Wolken bezogen; zuweilen zieht dann ein langer Vögelzug hin, der zu fernen Gestaden über unsere Städte und Felder wegwandert. Durch den Himmel stehe ich mit der Außenwelt, mit dem Raume und der Unendlichkeit in Verbindung: eine gewaltige Tiefe, wo hinein ich mich, das Kinn auf die Hand gestützt, mit Blick und Gedanken stürze.


Bin ich müde höher zu fliegen, so steige ich zu den Dächern zurück. Da sind die Katzen, die mager und lechzend in der Liebeszeit miauen oder fett und träge in der Augustsonne sich dehnen. Unter dem Dache die Schwalben mit ihren Jungen, die mit dem Frühlinge wiederkommen und mit dem Herbste weiterziehen, immer im Fluge Nahrung suchend und sie der schreienden Brut zutragend. Sie sind über meinen Anblick nicht mehr erschreckt, als über das Gefäß mit Kapuzinernelken im Fenster unter mir.

Endlich die Straße, dieses immer wechselnde, immer neue Schauspiel: hübsche Milchmädchen, ehrsame Rathsherren, muthwillige Schüler; Hunde, die murren oder närrisch spielen; Zugochsen, die Heu kauen und wiederkauen, indeß ihr Herr eins trinken gegangen. Und meint ihr etwa, daß ich meine Zeit unnütz verliere, wenn's regnet? Behüte, da gibt's erst recht zu thun. Tausend kleine Ströme einen sich zu einem starken Bache, der wächst, schwillt an, rauscht dahin und reißt in seinem Laufe allerlei Gegenstände fort, die ich alle einzeln in ihren Sprüngen mit wundersamer Aufmerksamkeit begleite. Oder irgend ein alter zerbrochener Topf sammelt all diese Flüchtlinge hinter seinem weiten Bauche und unternimmt's, der Wuth des Stromes zu widerstehen: Kiesel, Knochen, Späne füllen seinen Raum an und dehnen sich seitwärts aus, es bildet sich ein Meer und der Kampf beginnt. Da wird die Geschichte im höchsten Grade romantisch, ich nehme Partei und fast allemal für den zerbrochenen Topf. Ich spähe weithin, ob ihm Verstärkung kommt, ich zittere für seinen rechten Flügel, der nachgibt, ich fürchte für den linken Flügel, durch den schon eine Lücke gebrochen ist... aber der wackere Veteran hält im Kreise seiner Kerntruppen Stand, obschon die Fluth ihm fast über den Kopf schlägt. Doch wer vermag wider den Himmel zu streiten! Der Regen verdoppelt seine Wuth und der Dammbruch.... ein Dammbruch! welche Augenblicke gehen einem Dammbruch voraus! Das ist in Betreff der unschuldigen Vergnügen das ausgezeichnetste, wie ich's kenne. Blos wenn Damen den Bach überschreiten und ihr feines Füßchen zeigen, da lasse ich den Dammbruch und folge den weißen Strümpfen bis zur Straßenecke mit den Augen. Und das ist nur der kleinste Theil der Wunder, die man von meinem Fenster aus sieht.