Ich sage also nur, daß sie alle Tage gegen drei Uhr aus einem Nachbarhause kam, die Straße hinabging und unter meinem Fenster vorüberkam.
Ihr Kleid war blau und so einfach, daß schwerlich jemand es unter den vielen andern blauen Kleidern, die vorübergingen, herauserkannt hätte, und ich selber auch nicht, aber ich fand darin eine ganz eigene Anmuth, womit es die jugendliche Gestalt umfloß. Und diese jugendliche Gestalt schien mir ihren Reiz von dem sittsamen Wesen des liebenswürdigen Mädchens, dessen Anblick so süß war, zu empfangen, und ich konnte von dem Kleide unmöglich glauben, daß irgend ein andres, auf hundert Meilen in der Runde, von den ersten Künstlerinnen gemacht, mir besser gefallen hätte.
Sobald also dieses Kleid in meinen Gesichtskreis kam, schien mir alles ringsum ein freundliches, festliches Ansehen zu bekommen, und war dasselbe verschwunden, so bedurfte es für meine seligen Träume noch eines blauen Kleides.
Diesen Tag nun sah ich sie wie gewöhnlich erscheinen und bis unter mein Fenster kommen; meine Augen schickten sich an, ihr bis zur Straßenecke zu folgen und meine Gedanken noch viel weiter: da bog sie ein und trat gerade unter mir in die Hausthür. Ich wurde verwirrt und flog mit dem Kopfe zurück, als träte sie augenblicks in mein Zimmer.
Danach fing ich an zu bedenken, daß sie nach der andern Straße durchs Haus gegangen sei, als sich in der Bibliothek meines Oheims Tom jene bemeldeten ungewöhnlichen Dinge zutrugen, die mich so sehr bewegten. Wie! sie redet mit meinem Oheim!... Und ich strengte mein Gehör auf's unglaublichste an, einige Worte zu erhaschen, da kam ein unvorhergesehenes Ereigniß dazwischen und stürzte die Welt zusammen, die sich um mich zu gestalten begann.
Dieses so wichtige Ereigniß war in der That von höchst geringer Bedeutung: die Leiter rollte und ich hörte meinen Oheim unter fortwährendem Geplauder die Stufen hinansteigen; ich glaubte sogar aus seinem Munde das Wort: Hebräisch, zu vernehmen. Aus diesem allen ging klar hervor, daß mein Oheim Tom es in diesem Augenblicke mit irgend einem gelehrten Hebräer zu thun habe, der mit ihm über irgend eine nichtssagende Gelehrsamkeit verhandelte. Denn wer konnte sich einbilden, daß ihr junger Kopf sich mit wissenschaftlichen Dummheiten befasse, oder daß ihre schöne Hand in einem staubigen Folianten blättern wolle; kein Gedanke daran.