Ich begab mich maschinenmäßig, mit sehr getäuschter Hoffnung, wieder an's Fenster, wie man wol thut, wenn man einen Gedanken hat, der einen sich selber entfremdet. Indeß philosophirten gegenüber im wärmsten Sonnenschein zwei Esel, die zusammen angebunden waren. Nach einer kleinen Weile hoher Bedeutsamkeit stellte der eine Betrachtungen an, was ich aus einem unmerklichen Zucken seines linken Ohrs erkannte, dann streckte er den Kopf vor und zeigte lüstern sein altes Gebiß dem andern. Dieser verstand das Zeichen und hub alsbald eben so an und beide machten sich an's Werk und kratzten sich den Hals mit einer solchen gegenseitigen Dienstwilligkeit, mit einer so wollüstigen Nachlässigkeit, einer so süßen Trägheit, daß ich nicht umhin konnte, mich im Geiste als Dritten zu ihnen zu versetzen. Dies war zum ersten Male seit meiner Fensterträumerei der Fall. Es liegt in der Einfalt gewisser Schauspiele ein unwiderstehlicher Reiz, welcher die Seele sich selber entfremdet und sie ihren süßesten Empfindungen ungetreu macht; daher belustigte ich mich wahrlich daran, als ein blaues Gewand aus der Thür kam. Sie war es. Ha! rief ich, ohne es zu wissen.
Da das Mädchen etwas vernahm, so bog sie den Kopf ein wenig in die Höhe, so daß unter ihrem Hute hervor ihr schöner Blick mich traf, der mich mit Scham, Verwirrung und einem blitzschnellen Entzücken erfüllte. Sie erröthete und setzte ihren Weg fort.
Es ist ein eigener Zauber, daß man in diesem Alter beim Hauch des Windes, beim Rascheln eines Strohhalms erröthet: aber meinetwegen erröthen, das schien mir denn doch eine unbeschreibliche Gunst, ein Umstand, der meine Lage wesentlich veränderte, denn es war das erste Mal, daß etwas zwischen ihr und mir vorging.
Meine Freude verminderte sich übrigens sehr schnell, denn ich kam augenblicklich zu mir selber zurück; sie hatte mich »Ha!« mit aufgesperrtem Munde, mit verwirrtem Auge und mit der Miene eines Verblüfften, der seinen Hut in den Strom fallen sieht, ausrufen sehen. Der Gedanke des ersten Eindrucks, den ich damit auf sie gemacht haben mußte, war mir unbeschreiblich bitter.
Doch man rathe, was sie unter dem Arme trug? Einen Octavband in Pergament, mit silbernem Schloß versehen, eine jämmerliche Scharteke, die ich hundertmal im Zimmer meines Onkels hatte umherliegen sehen und die mir jetzt, so sanft unter ihrem Arm an die Seite gedrückt, das Buch der Bücher schien... Ich begriff zum ersten Male, daß so ein alter Schinken noch zu etwas gut sein kann. Wie weise war doch mein Oheim Tom, daß er sein ganzes Leben lang dergleichen Zeug gesammelt hatte! Ich, wie arm war ich, daß ich nicht der Besitzer dieses glücklichen Buchs gewesen war, dessen Titel ich nicht einmal kannte.
Sie ging quer über die Straße und begab sich geradeswegs zum Hospitalthore, wo sie einige Worte zu dem Pförtner sagte, der sie zu kennen schien und ihr genau so viel von seiner Gewogenheit zukommen ließ, daß sie hineinzugehen wagte. Obschon ich über dies rauhe Benehmen entrüstet war, so fühlte ich doch ein unbeschreibliches Vergnügen bei dem Gedanken, daß das Mädchen meiner Träume nicht allzu reichen oder hohen Standes war und ich mich nicht vor mir selber über die Wünsche, die in meinem Herzen zu keimen begannen, zu schämen brauchte.