Leg' dich hin, mein Lieber; leg' dich, Julius, thue mir den Gefallen. Ich überlegte mir die Sache und hielt es für das Gerathenste, mich hinzulegen, da ich meinen Oheim unmöglich von dem Gedanken abbringen konnte, ich sei närrisch, vorausgesetzt, daß ich ihm mein Geheimniß nicht offenbarte, was in diesem Augenblicke alle meine Pläne vernichtet hätte, ohne daß ihm damit mein gesunder Verstand bewiesen wäre.
Und hier bringe ich ein Tränklein für dich, trink', mein Söhnchen, trink.
Ich nahm die Phiole und indem ich that, als tränke ich, ließ ich den Inhalt zwischen Bett und Mauer niederfließen. Mein Oheim umband mir den Kopf mit einem Tuche, deckte mich bis über die Ohren zu, schloß die Vorhänge und Fensterläden und zog seine Uhr hervor. Es ist drei Uhr, sprach er, er muß bis zehn Uhr schlafen, um zehn Uhr weniger zwanzig Minuten wird es Zeit sein, wieder herabzukommen. Und er verließ mich.
Von Müdigkeit erschöpft, schlief ich einige Augenblicke, allein bald trieb mich meine Aufregung wieder aus dem Bette und ich beschäftigte mich mit Vorbereitungen zu meinem Plane. Ich machte eine Puppe, die mir so ähnlich als möglich sah, band ihr das Tuch meines Onkels um den Kopf und bedeckte sie über und über. Dann schloß ich die Vorhänge, fest überzeugt, daß mein Onkel sie auf das Ansehen des Hippokrates hin nicht vor zehn Uhr öffnen werde, und stellte mich an's Fenster.
Schon gingen einzelne Milchmädchen vorüber; man machte die Fenster auf und die Schwalben waren in voller Thätigkeit. Der Anbruch des Lichts, die Frische des Morgens, der Anblick der gewohnten Gegenstände gaben mir wieder größere Ruhe und zeigten mir mein Unternehmen in einem weit ungünstigeren Lichte; ich schwankte fast. Allein als die Eindrücke meines Traumes mir wieder in's Gedächtniß kamen, da schien es mir, daß auf diesen Plan verzichten, auf alles unwiderbringlich verzichten hieße, was es Herrlichstes in der Welt gebe. Und ich fand meinen ganzen Muth wieder.
Indeß verstrich die Zeit. Ich hatte eben meine Uhr angesehen, als die Stuhlrollen sich hören ließen. Es war neun und drei viertel Uhr. Ich ging rasch davon und ließ meinen Onkel zu dem Puppenmännchen gehen, indeß ich mich leise in die öde Bibliothek begab.
Mit großer Behutsamkeit trat ich hinein und eilte zum Fenster. Als ich so aufrecht hinter den Scheiben stand, die Augen auf die Ecke der Straße gerichtet, von woher sie kommen mußte, fing ich an vor Erwartung und Beklommenheit zu zittern. Um das Unglück voll zu machen, bemerkte ich, daß meine wohlgesetzte Anrede mir aus dem Sinne entschwand und indem ich die einzelnen Stellen daraus festhalten wollte, verfiel ich in so sonderbare Aufregung, daß ich vor Bewegung fast erstickte. Ich sah mich verloren und meine Furcht wurde so heftig, daß ich zu pfeifen anfing, um mich selbst zu übertäuben. In diesem Augenblick schlug die Uhr zehn; ich hegte die Hoffnung, daß, wenn es einmal zehn geschlagen habe, sie heute nicht kommen würde, und zählte die Stundenschläge, deren jeder eine Ewigkeit auf sich warten ließ. Endlich ertönte der zehnte Schlag und ich empfand eine große Erleichterung.