Schon fing ich an, mich zu erholen, als ein blaues Gewand sichtbar wurde. Sie war es!.... Mein Herz pochte, meine Anrede flog davon. Ich hatte keine andere Empfindung, als den allersehnlichsten Wunsch, sie möchte in irgend einer andern Absicht ausgegangen sein, und erwartete mit unaussprechlicher Angst, ob sie vor unserm Hause vorbeigehen oder hineintreten würde. Indem ich so die leichtesten Schwenkungen ihres Ganges beobachtete, zog ich daraus allerlei Folgerungen, die mich abwechselnd mit Freude und Furcht erfüllten, und das Einzige, was mich etwas beruhigte, war, daß sie auf der andern Seite des Baches ging.

Sie schritt über denselben! Und weil die Fensterscheiben mich hinderten den Kopf vorzubeugen, so verlor ich sie aus dem Gesichte. Alsbald sah ich sie auch in meiner Vorstellung in die Bibliothek treten und alle Geistesgegenwart wich von mir. Ich eilte gegen die Thür, um zu entfliehen; allein indem ich durch das Vorzimmer kam, mahnte mich der Schall von ihren Schritten, welche in dem stillen Hofe widerhallten, daß ich ihr hier begegnen mußte. Ich blieb stehen. Sie war da... Beim Schall der Glocke wurden meine Augen trübe, ich schwankte, ich setzte mich hin und war fest entschlossen nicht zu öffnen.

In diesem Augenblicke kam die Katze meines Onkels von einer Dachluke herab auf die Fensterbank gesprungen. Bei diesem Geräusche durchschauerte mich kalter Schrecken, als ginge die Thür mit einem Schlage auf. Das Thier hatte mich erkannt, ich bemerkte mit entsetzlicher Angst, daß es miauen wollte: es miaute!.... da glaubte ich ganz sicher, daß meine Anwesenheit verrathen sei, und ich fühlte, wie Röthe mir über's Gesicht flog. Ein zweiter Glockenzug vollendete meine Vernichtung.

Ich stand auf, ich setzte mich wieder und stand wieder auf, die Augen stets auf die Glocke geheftet, welche ich noch einmal anschlagen zu sehen fürchtete. Ich horchte aufmerksam, in der Hoffnung, daß sie sich wieder entfernen würde; da traf ein anderes Geräusch mein Ohr: es war der Schritt meines Oheims Tom, der in mein Zimmer ging. Jetzt überfiel mich die noch größere Furcht, von ihm mit dem Mädchen zusammen getroffen zu werden, und in der Verwirrung beschloß ich, lieber der Gefahr entgegenzugehen, als sie zu erwarten. Ich zog mich also leise wieder zurück, damit es scheine, als käme ich aus der Bibliothek, hustete, und ging mit einem Schritte, dem die Furcht Festigkeit verlieh, hin und öffnete.... Ihre liebliche Gestalt zeichnete sich im Schattenriß auf dem Halbdunkel der Treppe: Ist Herr Tom zu Hause? fragte sie.


Dies waren die ersten Worte, welche ich von den Lippen der schönen Jüdin vernahm. Sie hallen noch in meinen Ohren wider, so viel Reiz hatte der Ton ihrer Stimme für mich. Obgleich die Frage überaus einfach war, so antwortete ich doch für den Augenblick nicht, jedoch weniger aus Absicht als aus Verwirrung, und schritt höchst linkisch gegen die Bibliothek zu, sie folgte mir nach.

Ohne mich umzusehen, ging ich bis an den Tisch meines Oheims. Ich wünschte, die Tafel möchte recht weit entfernt sein, so sehr fürchtete ich den Augenblick, wo ihr Blick dem meinigen begegnete. Endlich sah ich sie an, sie erkannte mich und erröthete.

Wo war meine Anrede geblieben! Ueber alle Berge. Ich schwieg und war weit röther als sie; weil wir aber so nicht länger gegenüber bleiben konnten, hub' ich folgendermaßen an: